Qualität setzen

Wollen, wissen, können Was ist "gutes" Gender Mainstreaming?

Gender Mainstreaming (GM) wird in der Wissenschaft und in der gesellschaftlich und politisch interessierten Öffentlichkeit immer präsenter. Das zeigt sich vor allem daran, dass die Kontroversen um diese noch junge Gleichstellungsstrategie zunehmen, wobei auffälligerweise die Schwierigkeiten und Defizite von GM häufiger herausgestellt werden als die Erfolge. So zeichnet auch Mechthild Bereswill ein Bild drohender Ökonomisierungstendenzen durch die Verknüpfung von Verwaltungsmodernisierung und GM. Solche Kritik ist für uns ein Anlass, die aktuelle Bandbreite von GM in den Blick zu nehmen und häufigen Missverständnissen entgegenzuwirken.

Positiv gesehen: Nicht Geschlechterpolitik gerät in den Sog von Ökonomisierung, sondern GM als gleichstellungspolitische Strategie richtet sich auf aktuell ohnehin ablaufende Prozesse in der Verwaltung. GM will erreichen, dass diese gesellschaftlichen Prozesse nicht geschlechtsneutral erscheinen und dass die geplanten Prozesse gleichstellungsorientiert ausgestaltet werden. Dabei benutzt GM offensiv Argumente der Effizienzsteigerung und kann so als Bestandteil von Verwaltungsmodernisierung wirken, da geplante Maßnahmen um so effektiver - also wirksamer - werden, je besser sie die unterschiedlichen Lebenslagen von Frauen und von Männern von vornherein berücksichtigen. Allerdings: In der Praxis wurde unsere Beratung nie wegen finanzieller Einsparmöglichkeiten durch GM angefragt. Vielmehr wird darauf abgezielt, durch die Umsetzung von GM die Qualität der jeweiligen Facharbeit zu erhöhen und Gleichstellung zu befördern.


GM zielt auf ein strukturelles Problem - asymmetrische Geschlechterverhältnisse -, die aber nicht zuletzt auf individueller Ebene wirksam werden. Mechthild Bereswill erhebt den Vorwurf, GM arbeite nur auf der individuellen Seite. Das wäre in der Tat eine unzulässige Verkürzung.

Geschlechterverhältnisse sind mit Kategorien sozialer Vielfalt, wie zum Beispiel Alter, sexuelle Orientierung, Ethnizität, Klasse, individuelle Befähigung oder Behinderung, eng verwoben und werden durch sie mitbestimmt. Dieser Zusammenhang wird als "Intersektionalität" bezeichnet. Gleichzeitig werden diese sozialen Kategorien nicht nur durch individuelles Verhalten, sondern auch durch gesellschaftliche Strukturen geprägt und immer neu produziert. Gender meint daher Geschlecht in der Vielfalt all dieser sozialen Ausprägungen.

GM ist eine Strategie, die ein Ziel verfolgt, nämlich Gleichstellung im "Mainstream" aktiv durchzusetzen. Wie beispielsweise auch in der Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichtes lässt sich dieses Ziel konkretisieren: Abbau geschlechtsbezogener Benachteiligung (keine Diskriminierung), gleiche Teilhabe von Frauen und von Männern in ihrer Vielfalt (Partizipation) und gleiche Chancen auf ein Leben ohne Rollenzwänge (echte Wahlfreiheit). Gleichstellungspolitik wird also nicht auf Anti-Diskriminierungspolitik beschränkt, sondern zielt auf tatsächliche Gleichstellung. Das ist zumindest der Anspruch. Wenn GM inhaltliche "Neutralität" oder fehlende Gleichstellungsziele vorgeworfen werden, liegt dies oftmals daran, dass die Kritiker und Kritikerinnen wenig gelungene Beispiele der praktischen Umsetzung als Maßstab nehmen. GM setzt bei den Strukturen an, die bisher diskriminieren, gleiche Teilhabe verhindern und echte Wahlfreiheit einschränken. Aber GM definiert nicht detailliert für jedes einzelne Sachgebiet die fachpolitischen Ziele. Wie Gleichstellung in der Realität aussieht, ist somit auch weiterhin ein langfristiger gesellschaftlicher Aushandlungsprozess.

Für die praktische Umsetzung von GM sind Personen nötig, die über Gender-Kompetenz verfügen. Gender-Kompetenz ist die Fähigkeit, in den eigenen Aufgaben und Handlungsbereichen Geschlechteraspekte zu erkennen und gleichstellungsorientiert zu bearbeiten. Wie andere Kompetenzen setzt sich Gender-Kompetenz aus den Elementen Wollen, Wissen und Können zusammen.

"Wollen" bedeutet, dass die Motivation vorhanden ist, auf das Ziel Gleichstellung hinzuarbeiten und einen Beitrag zur Umsetzung von Gender Mainstreaming zu leisten. Dazu bedarf es der Sensibilität für Geschlechterverhältnisse und hierarchischer Diskriminierungsstrukturen. Wenn "Gender" in voller Komplexität verstanden wird, existiert "Wissen", also sind grundlegende Erkenntnisse der Frauen-, Männer- und Geschlechterforschung bekannt. Ist GM dann als Strategie bekannt und wird im eigenen Arbeitskontext auch angewendet, so sprechen wir von "Können" und insgesamt von Gender-Kompetenz.


Die praktische Umsetzung von GM stellt neue fachliche und organisatorische Anforderungen, daher ist es oft hilfreich und empfehlenswert, externe Beratung heranzuziehen, die explizit für diesen neuen Bereich qualifiziert ist. Gute Beratung zur Umsetzung von GM unterstützt die Verantwortlichen - also beispielsweise der Verwaltung oder demokratischen Vertretungen - dabei, Gleichstellungsziele in verschiedenen Sachgebieten zu konkretisieren, ohne Inhalte vorzugeben. Denn eine realisierbare Vision von tatsächlicher Gleichstellung muss im "Mainstream", also auf den Ebenen des zivilgesellschaftlichen Diskurses, der Politik und der Verwaltung entwickelt werden.

Im optimalen Fall befähigt GM-Beratung die Verantwortlichen, Entscheidungen zu treffen, die im Rückgriff auf Geschlechterforschung wissenschaftlich fundiert sind. Sie versetzt in die Lage, asymmetrische Geschlechterverhältnisse wahrzunehmen und nach Lösungen zu suchen, die nicht mehr "die" Frauen und "die" Männer sehen, sondern tatsächlich danach fragen, wie individuelle Bedürfnisse bei der Lebensgestaltung anerkannt werden können. Das heißt auch strukturelle Ungleichheiten zu benennen und zu beseitigen.

Zur Umsetzung der Strategie GM in einer Organisation sind zahlreiche Bausteine nötig, - Unterstützung durch die Leitung, Instrumente, Forderungen von sozialen Bewegungen, et cetera. Da GM eine Querschnittsaufgabe ist, die in allen Handlungsfeldern - von der Personalentwicklung bis zur Rechtsetzung - und allen Sachgebieten - von Arbeit bis Verteidigung - umgesetzt werden soll, spezialisiert sich eine stetig wachsende Zahl von GM-Expertinnen und -Experten, die verschiedene Formen der Beratung anbieten. Dazu können auch Gender-Trainings gehören, die für Geschlechterverhältnisse und hierarchische Diskriminierungsstrukturen sensibilisieren wollen.

Der Vorwurf, institutionalisierte Gleichstellungspolitik sei der Ausverkauf von Frauenpolitik, ist nicht neu. Ihn müssen sich bereits seit Jahrzehnten alle gefallen lassen, die - wie zum Beispiel Gleichstellungsbeauftragte - institutionalisierte Wege beschritten, um Forderungen aus der autonomen Frauenbewegung in die Praxis umzusetzen. Auch GM hat zu einer stärkeren Institutionalisierung und Professionalisierung von Gleichstellungspolitik geführt. "Heilserwartungen" sind aber unsinnig und die Hoffnung auf sofortige Wirkung unrealistisch, da nicht zu erwarten ist, dass sich "geronnene" Strukturen ad hoc ändern.

Unserer Auffassung nach bietet eine zunehmende Professionalisierung GM-Beratenden die Chance, Qualitätsstandards zu setzen. Den hohen Anspruch an die Qualität von GM-Beratung, die komplexe Strukturkategorie Geschlecht in handhabbare Politik zu übersetzen, ohne erneut asymmetrische Geschlechterverhältnisse zu erzeugen, ist eine Herausforderung, bei der die Beratenden vielmehr auf Unterstützung der Geschlechterforscherinnen und -forscher angewiesen sind. Leider befindet sich Gleichstellungspolitik auch mit GM noch lange nicht im politischen und gesellschaftlichen "Mainstream"!

Petra Ahrens und Jutta Kühl sind Mitarbeiterinnen des GenderKompetenzZentrums.


Das GenderKompetenzZentrum

Das GenderKompetenzZentrum ist eine anwendungsorientierte Forschungseinrichtung an der Humboldt-Universität Berlin. Sie soll die öffentliche Verwaltung bei der Umsetzung der Strategie Gender Mainstreaming (GM) unterstützen. Das GenderKompetenzZentrum wurde 2003 als Drittmittelprojekt unter dem Dach des Zentrums für transdisziplinäre Geschlechterstudien (ZtG) gegründet, es arbeitet derzeit mit sechs wissenschaftlichen Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen. Die Finanzierung erfolgt durch das Bundesministerium für Familie.

Angebote des Zentrums sind strategische Beratungen und Unterstützungsleistungen zur Implementierung von GM sowie Bereitstellung von Informationen auf der Website www.genderkompetenz.info. Ergänzt wird das Spektrum durch die GenderKompetenzMail, die Organisation von Veranstaltungen wie Fachtagungen oder die öffentliche Vortragsreihe "Gender Lectures" gemeinsam mit dem ZtG.

Das GenderKompetenzZentrum hat die Datenbank "Gender-Mainstreaming-Expertise" zur Vermittlung zwischen Auftraggebenden und Auftragnehmenden entwickelt. Die Datenbank ist unter www.genderkompetenz.info/zentrum/datenbank abrufbar.

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00:00 28.10.2005

Ausgabe 37/2021

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