Ramadan

A–Z Am 16. Juli endet der Ramadan. Die Gebote sind gar nicht so eindeutig, werden aber selbst in Ländern wie Tunesien immer rigoroser durchgesetzt. Unser Lexikon der Woche

A

Anfang Über die Anfänge der Welt streiten Religionen und Mythologien. Auch innerhalb eines Glaubenssystems kann Uneinigkeit herrschen. Meist resultiert sie aus unklarer Quellenlage. Das ist auch beim Ramadan der Fall: Über den exakten Beginn des neunten Monats wird seit jeher debattiert (➝ Missverständnis). Zwar gibt der Koran Anweisung, über „eine bestimmte Anzahl an Tagen“ das Fasten einzuhalten. Konkreter wird er aber nicht. In der Hadithsammlung, also den Sentenzen Mohammeds, werden 29 Tage als Fastenzeitraum angegeben. Dieser soll beginnen, wenn man die Mondsichel sieht, die den Vormonat Scha’ban beendet, und dauert bis zum Erscheinen der neuen Mondsichel. Heute wird der islamische Kalender, und damit der Ramadan, durch astronomische Berechnungen bestimmt. Das führt zwangsläufig zum Konflikt mit dem Prophetenwort. Nicht immer ist der Sichelmond dann auch zu sehen. So wird der Ramadan-Anfang in den meisten muslimischen Ländern politisch entschieden. Tobias Prüwer

D

Düfte 2004 begann der Ramadan in Indien Mitte Oktober (➝ Anfang). Die Temperaturen kletterten untertags weit über 30 Grad. Mein Zimmer befand sich in einer muslimischen Nachbarschaft und besaß keine Klimaanlage. Ich schlief bei weit geöffneten Fenstern. Eine Stunde vor Sonnenaufgang lief der lokale Imam durch die engen Gassen und weckte die Gemeindemitglieder, jeden persönlich mit Namen. Jeden Tag, bis zum Zuckerfest. Kurz darauf begann mein Nachbar, ein Hadschi mit einem beeindruckenden Bart, röchelnd und schneuzend seine Morgenhygiene. Seine Frau kochte währenddessen würziges Ziegenfleisch. Um vier Uhr morgens. Zu alldem plärrten die Lautsprecher der Kiez-Moschee Koransuren, unterbrochen von Hustenanfällen des Muezzins. Zum Sonnenaufgang waren alle satt, erschöpft und müde. Elke Allenstein

G

Gebote Nach der Scharia ist es Kindern, ➝ Reisenden, Kranken, Schwangeren oder menstruierenden Frauen selbstverständlich erlaubt, im Ramadan nicht am Fasten teilzunehmen, bzw. eine Pause einzulegen, die gegebenenfalls später individuell nachgeholt werden kann. In den letzten Jahrzehnten werden diese legalen Ausnahmen jedoch mehr und mehr als Drückebergerei angesehen, und so verzichten auch Schwangere und sogar Kinder zunehmend seltener auf das Fasten im Ramadan, wovon man sich vor allem gute Punkte für den späteren Eintritt ins Paradies erhofft.

Stark zählt aber auch das Gemeinschaftsgefühl im Hungern und Dürsten am Tage und in den opulenten familiären Festlichkeiten am Abend (➝ Träume, ➝ Opulenz). Wir dürfen uns den Ramadan als ein auf einen Monat verlängertes Weihnachten vorstellen, mit jeweils unterschiedlichen Bräuchen, je nach Region und weltweit (➝ Anfang). Auch in Europa berichten Lehrer, dass muslimische Kinder im Ramadan oft unausgeschlafen zur Schule kommen und untereinander im Wettbewerb stehen, wer die meisten Fastentage durchhält. Sabine Kebir

K

Krawalle Vor zwei Jahren geschah in Altona etwas, das die Hamburger Morgenpost „bislang nur aus Berlin-Kreuzberg kannte“. Ein griffiger Name für das Unbekannte ist schnell gefunden: Ramadan-Krawalle, denn es ist Fastenzeit und deshalb laufen Jungs, die nach dem Abendbrot noch mal kurz auf die Straße dürfen, dort nun erst gegen 23 Uhr auf. So richtig viel ist an dieser Ecke von Altona nachts von selbst allerdings nicht geboten. Das Spektakel nimmt seinen Lauf, nachdem Autofahrer mit Laserpointern geblendet wurden. Auftritt der Staatsmacht. Auftritt Chor der empörten Anwohner ( Opposition). Exit eines 23-Jährigen mit Kreislaufkollaps. Requisiten: Pfefferspray, Krankenbahre. Am Kiosk liegt ein Brief besorgter Eltern aus, verfasst in Antifa-Jargon. Zwischenruf eines Anwohners: „Dieser Krieg geht weiter!“

Er war dann aber schneller vorüber als der Ramadan. Regie-Fehler auf beiden Seiten vermutlich, womöglich hatten auch die Dramaturgen geschlampt. Die Zuspitzung des Konflikts funktionierte jedenfalls nicht. Christine Käppeler

M

Missverständnis Hipsterlook kann falsch interpretiert werden, besonders im Ramadan. Das lernte ich, als ich mit Paul von Indien nach Deutschland reiste. In Pakistan ließ er sich einen islamisch aussehenden Vollbart wachsen und wurde dafür viel gelobt. Im Iran sahen wir ein paar Menschen heimlich in dunklen Ecken rauchen. Paul wollte nach dem Weg fragen. Er lächelte, ging auf einen zu – der lief weg. Der Zweite rannte auch. Wir begriffen: Der Vollbart ist im Iran Zeichen der Ultrareligiösen. Paul war für die Männer ein Religionspolizist, der ihr Fastenbrechen strafen wollte. Als der Bart ab war, wurden alle schlagartig freundlich. Der Hipsterbart wird sich in Teheran nie durchsetzen. Luisa Hommerich

O

Opposition Manchmal sind Dinge, die sich scheinbar krass widersprechen, dann doch die mit dem größten gemeinsamen Nenner. In diesem Fall also hier der hedonistische, rauschhafte Okzident mit seiner Sündhaftigkeit, dort der asketische, versagende Orient. So weit, so schlicht. Mein Freund V. aber – ein ausgewiesener Islam-Freund und- Experte – erklärte mir das Phänomen Ramadan neulich mit einem überraschend scharfsinnigen Vergleich: „Ramadan ist“, sagte er, „wenn Menschen tagsüber mürrisch sind, abends aber umso ausgelassener feiern. Fällt in Berlin also gar nicht weiter auf.“ Also: Ob mit oder ohne Alkohol (beliebt in zahlreichen muslimischen Ländern), Ramadan rückwärtsgelesen bedeutet „conditio humana“. Timon Karl Kaleyta

R

Reisende Menschen, die keinen Ramadan machen, zum Beispiel Touristen, und auf der Straße ein Sandwich essen, weil sie kein geöffnetes Restaurant finden, riskieren in Marokko von der Polizei und in Algerien von der Bevölkerung verprügelt zu werden (➝ Missverständnis). In Tunesien waren dagegen bis zur Revolution die Restaurants offen, der Ramadan eine Privatsache. Legendär ist, dass der erste Präsident nach der Unabhängigkeit, Habib Bourguiba, sogar im Fernsehen bei schönstem Sonnenschein ein Glas Wasser leerte, um die Bürger zu ermutigen, wenigstens Flüssigkeit zu sich zu nehmen.

Mittlerweile sind auch in Tunesien die nicht für Touristen bestimmten Restaurants geschlossen. In Ländern mit großer christlicher Minderheit wie Ägypten ist das Essen in der Öffentlichkeit während des Ramadan noch in den 90er Jahren üblich gewesen. In Syrien wurde sogar durch fliegende Händler auf der Straße harter Alkohol wie Whisky oder der im Orient beliebte Raki verkauft, weil sich die Kunden für Christen ausgeben konnten. Mit wachsendem Einfluss des Islamismus gingen diese Freiheiten mehr und mehr verloren. Hoffen wir mit Muslimen, Christen, Juden und anderen Minderheiten in den islamischen Ländern, dass es militanten Gruppen nicht gelingt, den Ramadan zum Schreckensmonat zu machen. Sabine Kebir

S

Sport Das Fasten im Ramadan gerät rituell zur Gewissensfrage für muslimische Profisportler. So fiel die WM 2014 erstmals seit 1986 wieder in den Fastenmonat, was nicht nur die Fans ins Schwitzen brachte, sondern auch den Achtelfinalisten Algerien. Die Ramadanfrage beherrschte die WM-Schlagzeilen. „Ich kann leider nicht fasten, weil ich arbeite“, schloss der deutsche Nationalspieler Mesut Özil die Tortur bzw. mentale Inspiration nüchtern für sich aus. In Deutschland erarbeitete der DFB zusammen mit dem Zentralrat der Muslime eine Handreichung. Ergebnis: Weil Fußball schwere körperliche Arbeit ist (➝ Gebote), dürfen Sportler dann nachfasten, wenn die Belastung geringer ist. Benjamin Knödler

T

Träume Wovon träumen die Muslime während der im Sommer besonders zahlreichen Fastenstunden des Ramadan? Sie träumen zuallererst von Unmengen kalten Wassers und dann zum Beispiel von gehacktem Lamm auf Artischockenböden mit Zuckererbsen, oder von gekochtem Lamm mit gebratenen Auberginenstückchen – einem göttlichen Schmaus, der in der Türkei „Der Wesir fällt in Ohnmacht“ genannt wird. Es kann auch ein doppelt konzentriertes Auberginenpüree mit viel Knoblauch sein oder Auberginenspießchen mit Käsefüllung, Weizengrütze mit Hackfleisch und buntem Gemüse. Dem geistigen Auge können auch Täubchen erscheinen, die in Honig gedünstet wurden. Oder geröstete Paprikaschoten, süße und scharfe. Am Ende des Traumes (➝ Zauber) stehen die Desserts wie Äpfel im Teigturban oder ein Kastanienpüree à la nature. Sabine Kebir

V

VIP Der Ramadan ist auch der Monat, in dem die Armen und Bedürftigen besonders im Blick der Muslime sind. Traditionell werden sie zum Fastenbrechen eingeladen. Viele Moscheegemeinden haben dieses Jahr Flüchtlinge in die Moscheen eingeladen, sodass sie in Gemeinschaft mit den hier lebenden Muslimen ihren Ramadan verbringen und Bekanntschaften schließen können. Seit einigen Jahren hat sich bei den muslimischen Verbänden aber auch eine neue Mode entwickelt, ein regelrechtes Wettrennen darum, welcher Verband den wichtigeren Politiker, den berühmteren VIP einlädt. Es ist ein Wettkampf um die politische Anerkennung, und Politiker nehmen solche Einladungen gerne entgegen. Schließlich sind Muslime eine nicht zu vernachlässigende Wählerschicht (➝ Opposition).

Statt eines kritischen Umgangs mit Politikern, die gerne über ebenjene muslimischen Verbände in der teils nervigen Islamdebatte herziehen und sie belehren, pflegen manche muslimische Funktionäre die Anbiederung in Perfektion. Das wirkt nicht nur peinlich, sondern politisiert auch die religiöse Praxis und die religiösen Inhalte und neutralisiert diese. Lobbyarbeit sollte man auf einer anderen Ebene machen, bitte nicht im Ramadan. Eren Güvercin

Z

Zauber „Allah – kein Gott ist da außer Ihm, dem Ewiglebenden, dem Einzigerhaltenden. Er hat das Buch mit der Wahrheit auf dich herabgesandt als Bestätigung dessen, was vor ihm war. Und Er hat die Thora und das Evangelium herabgesandt.“ Mit der dritten Sure aus dem Koran stieg auf dem diesjährigen Poesiefestival ein einzigartiger Zauber auf. Einen Abend lang traten Thora, Bibel und Koran als zuletzt entstandenes heiliges Buch der drei monotheistischen Weltreligionen in eine Art rezitativen Textwettstreit. Denn das jüdisch-christlich-muslimische Erbe ist viel verflochtener, als es fundamentalistische Interpreten wahrhaben wollen (➝ Opposition).

Eine immense Rolle bei der poetischen Auslegung spielt die musikalisch-phonetische Rezitation des Textvortrags. Bei den Muslimen, erzählte Mohamed Al-Hakim, gebe es dafür sogar regelrechte Wettbewerbe. Er musste an diesem Abend viel Disziplin aufbringen, denn der Ramadan hatte gerade begonnen. Erst zum Sonnenuntergang um 21.41 Uhr wurden ihm und den Gästen köstliche Datteln gereicht. Ulrike Baureithel

06:00 29.07.2015
Aboanzeige Artikel Aboanzeige Artikel

Kommentare 1