Randgänge

Randgänge-Dreirat Ahle Worscht ...

Ahle Worscht

Der Hessische Rundfunk hat eine Kultursendung namens Mikado mit recht originellen kleinen Serien, die später als Verschenkbücher herauskommen. Jetzt heißen sie Orte kulinarischer Erfahrung. Auch wenn der Nordhesse mit einem Blick sieht, dass man sich nicht weit vom Frankfurter Funkhaus entfernt hat - Ziegenhain ist der südlichste Rand des Nordens. Der Beitrag bringt Aufklärung, warum die dortige Kirmes Salat- und nicht wie vom Landesherrn gewollt, Kartoffelkirmes heißt. Und Witzenhausen ist das äußerste Abseits, von dem man erfährt, was alles aus den dortigen Kirschen ("Kespern") gemacht wird. Wenn also die nördliche Ahle Worscht fehlt, vergisst man doch leicht die regionale Kränkung über den pointierten, meist klugen, oft verblüffenden Trüffelkrümeln vom reich gedeckten Tisch des Südens. Und der lebt nun einmal in wohligerem Stand! Was bietet der nicht alles: Adornos Speiseplan, Henscheid, Mosebach und das Elends­trinken, Chateau Margaux bei Unseld oder Apfelwein von den Streuobstwiesen. Halt, doch noch eine nordhessische Spezialität: der Kannibale von Rotenburg ...

Hessen verfressen. Orte kulinarischer Erfahrung, Jonas Verlag, Marburg 2008, 142 S., 15 EUR


Fette Frage

Wer will nicht lieber Kulturattaché als -banause sein? Noch besser aber ist Kulturvermittler. Da kann man zum Beispiel ein Bändchen zusammenschustern, das mit dieser krass fetten Frage sich an die Zielgruppe Jugend anwanzen will, um dann in ein Lexikönchen überzugehen, in dem zwischen "Agentur" und "Zirkus" in jeweils einer Handvoll Zeilen reichlich Banalitäten mit nicht wenig Blödsinn abgemischt werden, beliebige Interviews folgen, um dann in Aufsätzlein überzugehen, in denen Kultur, die nicht als Natur, doch "selten allein" daherkommt, der Kulturpolitik - und vor allem der Kulturvermittler bedarf, die sie im "pocket" der Bundeszentrale für politische Bildung vermitteln, die sie für einen Euro pauschal bereitstellt ...

Wolfgang Schneider/Doreen Götzky Pocket Kultur. Kunst und Gesellschaft von A-Z, Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 2008, 160 S., 1 EUR


Schlechte Unterhaltung

Wenn man nur 15 Jahre, aber eine in den Extremen verwickelte Kultur auf weniger als 200 Seiten zusammenfassen muss, kann eine Tendenz zur Stichwortrevue nicht ganz ausbleiben. Doch nimmt man das in dem Fall gern in Kauf für eine Darstellung, der bei aller Kürze ein bemerkenswertes Spektrum und eine Umakzentuierung gegenüber dem Gewohnten gelingt. Statt mit notorischen Potpourri aus Saxophon, Revuebeinen und Lederkappe beginnt es hier nämlich mit der politischen Kultur. Der Bogen geht von der Verfassungstagung in Weimar zum berüchtigten "Tag von Potsdam". Die Rolle des Wissenschafts- und Bildungssystems wird akzentuiert, auch die der Glaubensgemeinschaften, etwa die integrative Funktion des Katholizismus. Kleinigkeiten wie das überschüssige "e" im Namen von Franz Biberkopf kann man ignorieren, nicht zu übersehen ist, dass die Linke, ihre Republikfeindschaft und Gewaltbereitschaft, stärker ins Gebet genommen wird. Merkwürdig allerdings die Bemerkung, dass sie in den "gesellschaftlich-kulturellen Institutionen" viel besser etabliert war als die "konservativen Revolutionäre", wenn es keinen Hinweis auf die politischen Vorlieben in Justiz, Militär und Verwaltung gibt. Eigentümlich auch die Betonung, dass die nationalistischen Frontromane keinen "Mythos von der Volksgemeinschaft" pflegten, ohne dass deren Kameradschaftsideologie erwähnt wird. Dass der sozialkritische Film eher links war, es ansonsten aber nur gute oder schlechte Unterhaltungsfilme gab, wird man im Blick auf die Ufa so auch nicht stehen lassen wollen. Aufs Ganze gesehen jedoch ist das Buch ein ebenso kompakter wie anregender Überblick zur Kultur der Weimarer Republik.

Peter Hoeres Die Kultur von Weimar. Durchbruch der Moderne. be.bra, Berlin 2008, 190 S., 19,90 EUR

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00:00 16.01.2009

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