Raumstation Malewitsch

Frischzellenkur Im späten 19. Jahrhundert forderte der Russische Kosmismus die physische Unsterblichkeit. In Berlin wird sein Nachleben jetzt ausgelotet

Es war ein zähes Ringen um Antworten, als Maximilian Schell Anfang der 1980er die inzwischen über 80-jährige Marlene Dietrich für seine Filmdokumentation interviewte. Der Körper der Legende durfte laut Vertrag nicht gezeigt werden, lediglich alte Filmschnipsel und ihre Stimme. Zu den Höhepunkten seiner Doku gehörte Dietrichs Antwort auf die Frage, ob sie an ein Weiterleben nach dem Tod glaube. Die Göttliche reagierte unwirsch: Wie? Sollen die da oben etwa alle zusammen auf einer Wolke stehen? So viel Platz ist da gar nicht. Das ist doch viel zu eng!

Dem ungeklärten Platzproblem widmet sich nun eine Ausstellung im Berliner Haus der Kulturen der Welt: Art Without Death: Russischer Kosmismus. Diese philosophische Denkrichtung aus geistes- und naturwissenschaftlichen Strömungen entwickelte sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und ging einher mit Forderungen nach physischer Unsterblichkeit des Lebens bis hin zur Wiedererweckung der Verstorbenen. Dies sei das wichtigste Ziel des technischen Fortschritts, meinte etwa der russische Philosoph Nikolai Fjodorow, der 1829 geboren wurde. Um die zu erwartenden Menschenmassen irgendwie anständig unterzubringen, sah man Reisen ins All zur Erschließung neuer Siedlungsräume als logische Konsequenz an. Folglich gelten die Kosmisten heute auch als Visionäre der Raumfahrt. Die Vorstellung, dass auf anderen Planeten bereits andere, außerirdische Existenzen lebten, wurde zunächst vernachlässigt.

Eine Frischzellenkur erfuhr die Melange aus Spiritualität, Spiritismus, Wissenschaftseuphorie, Fortschrittsgläubigkeit und Technikbegeisterung durch die moderne Kunst der 1920er Jahre. Bekannte Künstler der russischen Avantgarde ließen sich von Fjodorows Ideen inspirieren. Ihr berühmtester ist der Gründer des Suprematismus, Kasimir Malewitsch. Sein Gemälde Das Schwarze Quadrat auf weißem Grund aus dem Jahr 1915 gilt bis heute als eine Ikone der Moderne. Im Schwarzen Quadrat steckt einfach alles drin: Tradition, Gegenwart, Zukunft, Tiefe, der Weltraum – die totale Verkörperung wie auch die vollkommene Vergeistigung. Außerdem funktioniert das Bild als perfekte Alternative zu einer eher westlichen Ikone, Fountain aus dem Jahr 1917, Marcel Duchamps hellweißes Urinal-Ready-made aus Porzellan: hier unendliche Tiefe, dort glatte Oberfläche.

Die Ausstellung im HKW zeigt denn auch einige schwarze Quadrate auf Papier – Ölgemälde von Solomon Nikritin, einem ukrainischen Maler. Dessen künstlerische Spur verliert sich in der Sowjetunion der 1930er Jahre. Nikritins Gemälde stammen, wie viele der ausgestellten historischen Werke, aus der Sammlung des in Moskau geborenen Griechen George Costakis, die sich heute im Staatlichen Museum für Zeitgenössische Kunst in Thessaloniki befindet. Da Nikritins Quadrate einige entscheidende Jahre nach der legendären Petrograder Ausstellung 0,10 entstanden, in der Malewitschs Schwarzes Quadrat vorgestellt wurde, sind sie nicht so berühmt.

In tiefstes Schwarz ist auch das Aufsichtspersonal im Haus der Kulturen der Welt stilgerecht von Kopf bis Fuß gekleidet. Einen konzeptionellen Grund dafür gebe es jedoch nicht, erden die beiden jungen freundlichen Männer meine Hyperinterpretation: „Schwarze Kleidung müssen wir eh fast immer tragen. Auch bei anderen Veranstaltungen.“

Verjüngende Strahlen

Von Solomon Nikritin werden einige weitere, gegenständliche Bilder gezeigt. Sie setzen technische Erfindungen wie den Zeppelin, das Teleskop und den Wolkenkratzer in klassische Techniken wie Tusche- und Bleistiftzeichnung um sowie in Gouachen. Beim Gemälde Die Wiederauferstehung einer Meldebeamtin (1924) kommt unerwartet Humor ins Spiel: Die Körpertransformation hat der Beamtin ein zusätzliches, überflüssiges drittes Bein beschert. Olga Rosanowas und Alexej Krutschonychs Papier- und Textcollage Der universale Krieg I – IX oder Alexander Rodtschenkos Komposition Nr. 117 strahlen enorme Sinnlichkeit aus, Letzteres ist ein kosmisch schwarzes Gemälde, aus dem verstreut einige winzige farbige Lichtpunkte blinzeln. Spannend ist auch Kliment Redkos Gemälde Dynamit aus dem Jahr 1922, versehen mit der Sprengkraft eines Werbeplakates. Nicht zuletzt hat ja Alfred Nobel, der Erfinder des Dynamits, als Stifter des Nobelpreises Kunst und Wissenschaft freundschaftlich verknüpft. In Maria Enders Aquarell Transkription von Klängen aus dem Jahr 1921 spiegelt sich der Versuch, die Grenzen der Genres aufzubrechen: Töne sehen und Farben hören, ein beliebtes Thema der künstlerischen Avantgarde jener Zeit. Der Philosoph, Kunstkritiker und Medientheoretiker Boris Groys stellte für die Ausstellung all diese klassischen Leckerbissen unter dem Titel Cosmic Imagination: Künstler*innen der Russischen Avantgarde zusammen.

Unter der „verjüngenden Strahlung von Ionisierungslampen“ präsentiert der 1984 geborene russische Konzeptkünstler Arseny Zhilyaev im großen Foyer des HKW einen imposanten sternförmigen Lesetisch. Die Installation betitelt er Intergalactic Mobile Fedorov Museum-Library. Besuchern bietet sich dort eine große Auswahl von russischsprachigen Werken kosmistischer Wissenschaft, Literatur und Dichtung. Die Sternskulptur wirkt prächtig, beeindruckend und zugleich auch irgendwie nostalgisch mit ihrer Futurismus-Mimikry. Die Bücher sind mit Metallschnüren am Tisch fest verankert und damit vor Diebstahl gesichert. Es scheint ein zeitgenössischer Trend in der Kunst zu sein, thematische Ausstellungen mit einer Art „Bibliothek des Anschauens“ zu versehen. Thematisch begrenzte Unübersichtlichkeit oder wissenschaftliche Unendlichkeit wirken durchaus attraktiv. Doch welche neuen Erkenntnisse sind davon zu erwarten?

In kristallisch geformten, vier-, fünf- und sechseckigen schwarzen Gebäuden innerhalb der großen Ausstellungshalle werden drei 30 Minuten lange Filme des Künstlers Anton Vidokle, Jahrgang 1965, gezeigt: Willkommen in der Raumstation Malewitsch. Unsterblichkeit für Alle! überschreibt Vidokle seine Filmtrilogie. Der große Einfluss der Sonne auf Ereignisse wie die russische Revolution wird in narrativ verbundenen Filmcollagen aus Realität, vermeintlicher Realität und Inszenierung im wissenschaftlichen Gestus untersucht. In unwirklich gestochen scharfen hyperrealistischen Filmbildern changieren Mystik und Wissenschaft, Tradition und Fortschrittsglaube. Sie treffen auf Statistik und Informationen zur Präparation von Lenins Leiche oder zu einer Begegnung mit einer ägyptischen Mumie. Exotische Gesichter bäuerlicher Kasachen treffen auf ernste, blasse russische Wissenschaftler. Elektronisch erzeugte sphärische Klänge von John Cale und Carsten Nicolai kitten letzte Fugen und Brüche. Modern wie der/die/das Stern* in Boris Groys’ Ausstellungstitel taucht unvermittelt das Wort „Transsexualität“ im Fließtext auf. Der hochgiftige Bärenklau erscheint als großformatige Projektion. Dass hier ein perfektes, beeindruckendes Spiel mit brillanter Technik und grotesker Theorie abläuft, verrät augenzwinkernd der Schriftzug. „Dieses Video könnte Ihre Gesundheit beeinträchtigen.“ Wird hier die Erlösung von der Ideologie zelebriert? Schließlich ist nach den Vorstellungen der Kosmisten das Museum selbst der heilige Ort einer künftigen Wiederauferstehung der Körper.

Zurück in die Gegenwart: Vor zwei Jahren, 2015, stellte sich heraus, dass unter dem Schwarzen Quadrat von Malewitsch zwei Vorgängergemälde liegen. Dabei wurde eine Aufschrift entziffert, die sinngemäß „Schlacht von Schwarzen in einer dunklen Höhle“ bedeutet. Weitere 18 Jahre vorher existierte bereits ein ähnlich betiteltes Bild des französischen Humoristen Alphonse Allais Combat de nègres dans une cave, pendant la nuit, also „Kampf von Schwarzen in einem Keller, in der Nacht“. Ein eindeutig klassisch weißer, rassistischer Kalauer. Missverständniswissenschaftler sollen derzeit dabei sein, diese neugewonnenen Erkenntnisse in Klangvariationen des Weißen Rauschens zu übertragen. Ein Ende von Aufklärung und Forschung ist folglich nicht zu erwarten.

Info

Art Without Death: Russischer Kosmismus Haus der Kulturen der Welt Berlin, bis 3. Oktober

06:00 01.10.2017

Kommentare