Read the Fucking Manual

A-Z Nerds Hacker haben den USA den Krieg erklärt? Ihr IT-Support ist zwar hilfsbereit, Sie verstehen ihn nur leider nicht? Dann sind Sie hier richtig: Unser Nerd-Lexikon der Woche

Anonymous

Wie das klingt, Hacker. Nach selbst zusammengelöteten Festplatten, nach Kabelsalat und Kartoffelsalat aus der Büchse. Früher waren Hacker unscheinbare Antihelden, die den Großen ein Bein stellten. Ein wenig ist das immer noch so, wenngleich sich aktuelle Hacker-Kollektive wie Anonymous oder Lulz Security schon sehr im Medienlicht sonnen und bisweilen tief in die Pathos-Kiste greifen. Ende Juni schlossen die beiden einen Pakt, in dem sie allen Regierungen und Konzernen den Krieg erklärten, die „unseren Internet-Ozean“ kreuzen. Sie verstehen sich als Freiheitsaktivisten, die sich gegen jede Kontrolle im Web zur Wehr setzen. Ihre direkten Gegner: Die Hacker von den Securityfirmen, die die Rechner ihrer Kunden auf Sicherheitslücken untersuchen. Diese wiederum liefern sich jedoch nicht nur einen Schlagabtausch mit den Autonomen aus der virtuellen Subkultur (➝ Geekcode), sondern haben es auch mit richtigen Großkriminellen zu tun, den Spionage-Hackern oder Cyberinvasoren. Mit ihnen hat der Hacker-Begriff seinen utopischen Kern (➝ Zukunft) verloren. Mark Stöhr

DAU

Wenn ein Layer8 Problem auftritt, ist den meisten Computerfreaks sofort klar: PEBKAC und mit hoher Wahrscheinlichkeit ist es ein DAU. Gegen den DAU hilft keine Firewall und kein Virenscanner, auch wenn alle Softwareentwickler versuchen das Problem in den Griff zu bekommen (➝ Troubleshooting) – vor dem DAU ist nichts sicher; denn der achte Layer des siebenschichtigen OSI-Systems befindet sich gegenüber der siebten und letzten Schicht, der Anwendungsschicht und zwar zwischen Keyboard und Stuhl (ProblemExistsBetweenKeyboardAndChair). Ein beliebter Aufenthaltsort für DAUs. Manchmal sagt der Nerd dann nur noch RTFM, DAU (ReadTheFuckingManual). Und ist erstmal AFK (AwayFromKeyboard). Und wenn der DümmsteAnzunehmendeUser (➝ Troubleshooting) sich mühevoll diesen Fachbegriff ergoogelt, wird ihm klar: Sogar die Beleidigungen dieser Nerds sind Fachchinesisch. Daniel Buisman, Freitag-IT-Supporter

Frauen

Die IT-Welt ist mit vielen Vorurteilen verbunden, zwischen bösen Hackern (➝ Anonymous), Pizza fressenden Programmierern, fetten Forentrollen und zum Autismus neigenden Nerdschluffis, die komische Geheimsprachen (➝ Geekcode) sprechen, scheint für Frauen kein Platz zu sein. Computer waren schon immer etwas für Jungs, genauso wie Technikbastelkästen und Fußball – Mädchen spielen mit Puppen. Eines scheint also völlig klar: Frauen, die zwar alle physischen Voraussetzungen erfüllen, haben keinen Sinn für Technik und schon gar nicht für Computer. Damit sich das ändert, gibt es staatliche Förderprogramme, Girlsdays und Kampagnen, die junge Frauen, die sich für IT interessieren, für IT interessieren sollen. Und auch die Nerds wären eigentlich ganz froh, mehr Frauen in ihren Reihen zu haben. Die Abbruchquote von Frauen in der IT-Ausbildung ist leider trotzdem sehr hoch, wohl nicht aufgrund der Materie, sondern der geringen Akzeptanz in der Männerwelt. Daniel Buisman, Freitag-IT-Supporter

Geekcode

Wann ist ein Nerd ein Nerd? Der Geekcode gibt etwa in E-Mail-Headern Aufschluss über die jeweilige Nerdität des digitalen Gegenübers. Bereits 1993 erfand Robert A. Hayden das Zeichensystem (geekcode.com), das mit seinem kryptischen Anstrich und dennoch leichter Entschlüsselbarkeit dem Mitteilungsbedürfnis der Nerd-Community entgegenkommt. So gibt sich mit der Zeichenkette „GM s+:+ e* L+++ h! dpu r-- z“ ein Mathefreak mit leichter Übergröße erkennbar, der als Schulabbrecher sein Können aus Doug Adams Trilogie Per Anhalter durch die Galaxis erwarb und auf Linux schwört. Noch bei den Eltern lebend und einem einsilbigen Klamottenstil verpflichtet, glaubt er, zu unattraktiv für Dates zu sein, hatte aber schon einmal Sex – allerdings nicht mit anderen. Tobias Prüwer

Look

Das Stereotyp eines Nerds besagt, dass dieser stets um Geist und Code bemüht ist, jedoch nichts auf sein Aussehen gibt. Vor dem Computer muss es bequem sein. Doch ganz egal kann es ihm nicht sein, denn weltweit haben Nerds eine Kleiderordnung abgesprochen, die bunter ist, als man zunächst vermutet. Denn so wie das Fashionvictim einen faustgroßen Ring als Statement-Piece trägt, steckt hinter jedem bedruckten Nerd-Shirt eine Botschaft und Geschichte. Ob der Print eines Adrenalin-Moleküls, Superman oder antike Radios – zuletzt hat vor allem die Physiker-Sitcom The Big Bang Theory unzählige Kultshirts hervorgebracht, die von sheldonshirts.com gesammelt werden. Der Geek-Chic ist längst zu einer attraktiven Kunst des Kleidens geworden: nerdboyfriend.com ist Modeblog und Liebeserklärung zugleich. Teresa Bücker

Mythos

Welches Bild von Nerds hätten wir ohne Filme? Wahrscheinlich kein besonders visuelles. Grundlegend für das Genre der Nerd-Filme war 1983 Wargames. Matthew Broderick spielt den Highschool-Schüler David Lightman, der einen Telefonhörer auf einen Akustikkoppler legt und per „Wardialing“ (diesen Hacker-Begriff schuf der Film erst) in fremde Netzwerke eindringt. Als er sich bei einer Computerspielefirma einwählen will, um deren neueste Spiele auszuprobieren, landet er unwissentlich im Zentralcomputer des amerikanischen Militärs und beginnt „Weltweiter Thermonuklearer Krieg“ zu spielen (➝ Polyplay). Der Computer verwechselt Simulation und Wirklichkeit, er macht die Atomraketen abschussbereit. Lightman gelingt es in letzter Sekunde, deren Start zu verhindern, indem er der lernenden Maschine beibringt, dass bei einem Atomkrieg keiner gewinnen kann. Die Ausdifferenzierung der Nerd-Rolle in späteren Filmen – etwa der Nerd als Paranoiker wie in 23 oder als eiskalter Karrierist wie in The Social Network – war da noch fern. 1983 war ein Nerd jemand, der eigentlich nur spielen wollte. Jan Pfaff

Nerdcore

Der Sound für Nerds dreht sich um Phi und PCs, Star Wars und Der Herr der Ringe. Das auch als Geeksta bekannte Hip-Hop-Subgenre Nerdcore weist die höchste Akademikerquote der Musikrichtung auf. Auch hier zählt die Attitüde, statt auf die Pistole fällt die Wahl aber auf den Pentium. Für die Künstler geht es wie in anderen Hip-Hop-Stilen ums plakative Respekt-Zollen für die eigene Szene, um entsprechende Nerd-Credibility. Nerdcore-Rapper von Rang haben Hornbrillen auf der Nase sitzen und attestieren Krawattenpflicht (➝ Look). Als Hauptvertreter gilt der US-Amerikaner MC Frontalot, der den Nerdcore vor rund zehn Jahren auch erfand. Seine technikaffinen Texte behandeln Internetporno­grafie und Evolutionstheorie, er disst Sportos und Poweruser und preist die Maschinenmusik: „I’m wishin’ CPU could rock a beat / nerd core hip hop could reign supreme.“ TP

Polyplay

Man zockte, also, was man sich in der DDR so unter Zocken vorstellte, mit „Polyplay“. 1986 wurde der Videospielautomat vom VEB Poly(!)-Technik in Karl-Marx-Stadt entwickelt, man wollte mit ihm im Bereich der Computertechnik Kurs halten. Poly stammt aus dem Griechischen, es heißt „viel“: Wer 50 Pfennig eingeworfen hat, konnte immerhin unter acht verschiedenen Spielen wählen, etwa Schießbude, Fangen von Schmetterlingen oder Hase und Wolf. Letzteres war eine DDR-Version des westlichen Spielhallen-Hits PacMan. Das Prinzip war dasselbe: Verfolgung im Labyrinth. 22.000 Mark kostete ein virtuelles Glücksspiel-Gerät, heute ist es ein Sammlerstück: Auf Youtube kann man das angeblich „letzte Exemplar weltweit mit Ufo-Spiel“ finden (bit.ly/pPgBsF): funkelnde Leuchtkörper, die bei Abschuss sirenenartig aufheulen – dabei gab es doch im Osten gar keine Ballerspiele. Maxi Leinkauf

Scam Baiting

„Schöne Grüße, ich bitte Sie um Nachsicht für ein dringendes Geschäft.“ Auf solche Tricks fallen nicht mehr viele rein. Sich aber einen Spaß machen mit der „Nigeria-Connection“ und dem Vorschussbetrug, das machen nur Profis. Beim Scam Baiting (Bauernfänger ködern) schlagen Nerds zurück und ärgern ihrerseits die Betrüger. Oberstes Ziel: Kosten für die Betrüger in die Höhe treiben. Zum Schein gehen die Baiter auf die per E-Mail unterbreitete Geschäftsidee ein, verlangen aber Sicherheiten wie Ausweispapiere, Fotos oder entlocken den Scamern sogar selbst Vorleistungen. So manch einer hat den Gauner sogar zu Reisen zur vermeintlichen Geldübergabe bewegen können. Beim Scam Baiting ist der Nerd ganz altruistisch und wacht als digitaler Vigilant über den Frieden in der Netzgemeinde. TP

Troubleshooting

Fehlersuche, die.

Zukunft

Wenn Feuilletonmacher eine neue Bewegung ausrufen, um anlog dazu den Gesamtzustand dieser Gesellschaft zu analysieren, sollten die Bewegungsangehörigen gewappnet sein: Jetzt geht’s um die Zukunft! Die der Welt. Der Zivilisation. Des Universums. So geschehen zuletzt bei der Gründung der Partei mit dem feuilletonaffinen Namen „Piraten“. Hach, was waren da für kurze Zeit für tolle Utopien möglich! Zumindest auf linker (technikunfeindlicher) Seite. Und aber ach, was galt es da zu warnen (sowieso auf linker Seite als auch auf konservativ-progressiver Seite): Was geschieht, wenn nun diese Nerds auch noch politisch denken und handeln? Dabei tun sie das, seit es sie gibt. Der Chaos Computer Club jedenfalls wird nun 30 Jahre alt. Susanne Lang


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09:00 14.08.2011

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