Reden, nicht schreien

Covid In der Corona-Krise ist es um die Debattenkultur schlecht bestellt. Hören wir auf zu drohen, zu beschimpfen, zu geifern und Menschen, die anders denken, lächerlich zu machen!
Reden, nicht schreien

Illustration: der Freitag

In einer westdeutschen Großstadt: Impfgegner hatten zur Kundgebung aufgerufen, Impfbefürworter wollten dagegen protestieren. Wir, die wir das Ganze als Passanten beobachteten, konnten in dem Handgemenge, das rasch entstanden war, nicht mehr erkennen, wer zu welcher Fraktion gehörte. Die eine Gruppe beschimpfte die andere als Faschisten, die anderen ihre Gegner als Nazis. Darunter geht es in Deutschland nicht mehr. Wer die absolute Deutungshoheit für sich beansprucht, befindet sich im verbalen Krieg. Auch die politische Elite mischt mit. Sie trägt damit zur Verunsicherung, Ängstlichkeit und, ja, Spaltung der Gesellschaft bei.

Was meint ein Bundeskanzler genau, wenn er sagt, es dürfe keine roten Linien mehr bei der Pandemie-Bekämpfung geben? Will er das Grundgesetz außer Kraft setzen? Bei der Neujahrsansprache sagte Olaf Scholz, eine starke Gemeinschaft halte Widersprüche aus. Stimmt, tut sie, aber verbaler Krieg geht an die Substanz. Wie klingt ein Bundesgesundheitsminister, der abermals harsche Kontaktbeschränkungen fordert, aber kein Verständnis für die hat, die in beengten Verhältnissen leben und ihren einzigen Lichtblick einmal in der Woche im Bier der Kneipe haben?

Da fordert eine Bundestagsabgeordnete der Grünen tatsächlich, Schlagstöcke gegen Corona-Kritiker anzuwenden. Zur Erinnerung: Die Grünen sind eine Partei, die ihre Wurzeln in Brokdorf und Wackersdorf hat, Orte, die mit brutalen Polizeieinsätzen verbunden sind. Die Abgeordnete ist eine eloquente Frau. Später löscht sie ihren Eintrag und schreibt, sie sei falsch verstanden worden. Was kann man da falsch verstehen? Die Forderung wird auch in den sozialen Netzwerken erhoben, von Menschen, die sich als links und grün verstehen.

Lauterbach-Kritik gilt als Majestätsbeleidigung

Wir erinnern uns: Am Anfang der Pandemie forderte die AfD viel härtere Maßnahmen von der Regierung, die Linke verfiel erst mal in Schockstarre. Als die AfD merkte, dass ihre Wählerschaft das gar nicht gut fand, schwenkte sie ins Gegenteil um, und einem Teil der Linken wurde klar, was zu tun ist: einen härteren Staat fordern. Da werden Menschen pauschal als Nazis, Dummköpfe, Schmarotzer, Querdenker etc. beschimpft. Und das soll die Impfquote erhöhen? Langsam bekommt man es mit: An den Demonstrationen gegen den Impfzwang beteiligen sich auch Geimpfte. Sie differenzieren, haben Sorgen, die sie zum Ausdruck bringen wollen. „Nazis“? Nein.

Dass mit der Rhetorik etwas falschläuft, ist auch dem stellvertretenden Bundesvorsitzenden der Deutschen Polizeigewerkschaft (DPolG) aufgefallen, er forderte die Grünenpolitikerin auf: Rüsten Sie mal rhetorisch ab. Dass ich mit einem Menschen von der Polizeigewerkschaft mal auf derselben Seite der Barrikade stehen würde, hätte ich mir vor der Pandemie in meinen kühnsten Schriftstellerträumen nicht ausmalen können. Als ich in einer Runde von Linken vorsichtig formulierte, dass man vielleicht auch mal den Aspekt der Einsparungen in den Krankenhäusern diskutieren sollte, konnte ich froh sein, dass ich nur verbal angemacht wurde. Kritik an Karl Lauterbach wird von einem Teil der Linken in Whatsapp-Gruppen, in denen ich bin, als Majestätsbeleidigung aufgefasst.

Ich weiß von Anarchisten, die im Januar 2020 noch das System abschaffen wollten und nun erklären, dass die gesetzlichen Maßnahmen gegen das Virus viel zu harmlos seien, und ein stärkeres Vorgehen und strengere Gesetze von dem ach so einst verachteten Bullenstaat fordern. Nicht, dass ich hier falsch verstanden werde: Natürlich gibt es die Rechtsradikalen und sonstigen Arschgeigen unter den Impfgegnerdemonstranten. Impfgegner, die früher eher dem linken Spektrum zugeordnet waren, radikalisieren sich auf eine andere sehr unangenehme Weise. Die Unangenehmsten wähnen sich bereits in einem neuen Faschismus. Dass sie damit das furchtbare historische Regime des Nationalsozialismus verharmlosen, ist ihnen nicht beizubringen. Mit solchen Menschen ist jede Diskussion sinnlos, ich habe es mehrfach versucht. Trotzdem sollten man reden. Reden, nicht schreien. Wie schön, wenn es etwas ruhiger würde. Hören wir auf zu drohen, zu beschimpfen, zu schreien und Menschen, die anders denken, lächerlich zu machen.

Mirijam Günter ist Trägerin des Oldenburger Kinder- und Jugendbuchpreises

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