Reise nach innen

Besetzte Seelen Ein Symposium zu Rudolf Bahro

Am 18. November wäre Rudolf Bahro 70 Jahre alt geworden. Deshalb wird sich an genau diesem und dem folgenden Tag ein Symposium in der Berliner Humboldt-Universität unter dem Titel Integration. Natur-Kultur-Mensch. Sozialökologische Innovationen für eine zukunftsfähige Lebensweise mit den Anstößen befassen, die er gegeben hat. Die Bedeutung Bahros sehen wir erst im Nachhinein deutlicher. Vieles, was er tat, wirkte befremdlich, weil es nicht "anschlussfähig", weder an eherne noch an Modeströmungen war. Doch er setzte Traditionen fort, sonst hätte er gar keine öffentliche Sichtbarkeit gehabt - nicht einmal die des Fremdkörpers, die Gregor Gysi sagen ließ, Bahro sei "in etwa so das Gebildetste und Unverkäuflichste", was er je erlebt habe.

Eine der Traditionen soll hier knapp vorgestellt und ihre Bedeutung für Bahro skizziert werden. Der Typus des Gebildeten und Unverkäuflichen, den man eigentlich nicht antrifft, der aber als bemerkenswertes Einzelexemplar auffällt, ist in der deutschen Geschichte zum Beispiel durch Johann Gottlieb Fichte vertreten (1762 bis 1814). Tatsächlich war Fichte für Bahro ein Vorbild in allen Lebensphasen. In seinem ersten Buch ... die nicht mit den Wölfen heulen, geschrieben 1967 bis ´69 in der Zeit des "Prager Frühlings", feiert er Fichte als unbeugsamen Revolutionär. Wie Beethoven habe auch Fichte wegen der Enttäuschung, die Napoleon bereitete - der Revolutionär, der zum Imperator wurde -, nicht resigniert. Das war noch vor der Alternative (1977), durch die Bahro berühmt wurde.

Eine ganz veränderte Hauptrolle gab er Fichte, als er nach Westdeutschland umgezogen war. In der Logik der Rettung (1987) wird uns nicht mehr der frühe, aktivistisch stürmende, sondern der späte Fichte vorgestellt, den Bahro als quasi taoistischen Mystiker deutet. Er ist das Vorbild des ökologisch Wünschbaren: einer Bereitschaft, die Natur nicht überwältigen zu wollen, sondern geschehen zu lassen. Und damit nicht genug. Nach der letzten Lebenswende, die Bahro wieder nach Ostdeutschland und zur Humboldt-Universität führt, taucht Fichte erneut auf und ist Lehrgegenstand. Spätestens hier wird deutlich, dass Bahro sich selbst in Fichtes Rolle sah. Das war ja die Rolle des Mannes, der an eben dieser Universität in den Reden an die deutsche Nation ein Konzept zur Abschüttelung der französischen Besatzungsmacht entworfen hatte, wohl wissend, dass diese zusah. Bahro lehrte zwar nicht über die Nation, sondern über die Natur. Und wenn er gegen die Macht sprach, musste er nicht die Festnahme, sondern allenfalls Spott, Ignoranz und Ausgrenzung fürchten. Aber trotzdem haben beide Redner viel gemeinsam.

Das beginnt bei der Frage der "Besatzungsmacht". Denn schon Fichte sah nicht bloß die Straßen Berlins, sondern die Seelen seiner Bewohner besetzt. Er fand sie durch scheinrevolutionären Neusprech eingenommen, der ihnen die Sprache, mit der sie dachten, verwirrte. Deshalb schlug schon er, und nicht erst Bahro, eine Reise nach innen zum eigenen Denken vor. Die Menschen sollten wieder eigenständig urteilen lernen. Das war die Voraussetzung jeglichen Widerstands. Aber nur langsam würde sich die Urteilskraft zurückgewinnen lassen. Fichte setzte auf die nächste Generation und deren Erziehung in von der Außenwelt isolierten Internaten. Bezeichnend, dass ihm die unvermeidlichen Lehrer zugleich als Gefahr erschienen, weil sie ja nun einmal aus der Außenwelt kamen. Es war ihm klar und er sagte deutlich: Diese Lehrer müssten gegen die eigene besetzte Seele unterrichten. Sie würden das aber selbst wollen und auch können. Fichte, der Idealist, war auf seine Art ein großer Realo.

Bei Bahro wurden aus den Internaten die Landkommunen. Auch sie sollten von der Außenwelt unbeeinflusst sein. Allerdings gab es hier keine Schüler und Lehrer, sondern nur Erwachsene und ihre Kinder und das Bestreben, gemeinsam voranzukommen. Über seine eigene Rolle als Autorität in den Kommunen machte sich Bahro viele Gedanken, wobei er das abschreckende Beispiel des Bhagwan vor Augen hatte. Seine Tätigkeit an der Humboldt-Uni war auch der Versuch, seine Lehrfunktion gleichsam auszulagern. Aber ich meine, es gab ein noch größeres Problem: dass er sich nicht selbst als Lehrer mit notwendig besetzter Seele ansah. Vielleicht hätte er sonst misstrauischer gegen die eigene Person agiert. Vielleicht wäre er gegen andere besetzte Lebensformen, auch politische Formen, Parteien zum Beispiel, weniger abweisend gewesen.

Positiv wird heute fast jeder seine Umdeutung des Kampfs gegen die Selbstsucht finden. Selbstsucht, bei Fichte der Verhinderungsgrund der Urteilskraft, ist für diesen eine Sucht der Sinnlichkeit und soll durch autoritäre Selbstbeherrschung verschwinden. Für Bahro hingegen ist Selbstsucht die Abwälzung ökologischer Lasten auf andere, während Sinnlichkeit zum guten natürlichen Leben gehört. Im übrigen nimmt sein ökologisches Konzept auf Fichte Bezug. Wie schon angedeutet, stellt er in der Logik der Rettung heraus, dass Fichtes Spätphilosophie zum Vorbild des naturfreundlichen Geschehenlassens werde. Da muss man aber genau hinsehen. Es ist einerseits wahr, dass Fichte von seinem Jugendglauben, man müsse stürmend das Unendliche erobern und die Welt neu zusammensetzen, im Alterswerk abkommt zugunsten der Einsicht, dass man eigentlich doch immer schon angekommen sei, bei sich selbst nämlich. Andererseits betont er da aber, diese Einsicht betreffe den inneren Ich-Kern; die äußerliche Handlungs- und Reflexionsebene bleibe das Feld des unendlichen Stürmens. Mit andern Worten, Fichtes Reise nach innen kann nur das Innen gelassen machen, verändert aber nicht das außerweltliche Stürmen, macht es keinen Deut umweltfreundlicher.

Das jedenfalls ist die Konstellation in den späten erkenntnistheoretischen Schriften - während sich in den Reden an die deutsche Nation ein anderes, von Fichte nicht mehr verallgemeinertes Konzept andeutet. Hiernach lassen sich nämlich Innen und Außen gar nicht trennen, da die Sprache ja beides verbindet, und Fichte argumentiert, man denke mit der eigenen Sprache und solle sich im Interesse der Urteilskraft kein Neusprech aufdrängen lassen. Oder besser gesagt: Man habe es sich schon aufdrängen lassen; man müsse da wieder heraus. Diese Annahme nicht nur voraussetzend, sondern auch weiterdenkend, kommen wir vielleicht doch auf etwas andere politische und sonstige Veränderungswege als das isolierte Internat, die isolierte Landkommune allein. Die Wege sollten nicht nur nach innen führen. Sie müssen sich auch mit dem Äußerlichen gemein machen.


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00:00 11.11.2005

Ausgabe 39/2020

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