Reste

Zweiäugig Beim 16. Open-Mike-Literaturwettbewerb ging es wieder welthaltig zu

Die Literatur junger Autoren ist in der Problemwelt angekommen. Es ist ihnen nicht mehr genug, Streifzüge durch das eigene Bewusstsein zu beschreiben, in den finsteren Windungen des Verstandes zu bohren und den Zustand der Seele zu analysieren, sie wollen wieder eingreifen, dagegen halten. Die Sprache nutzen und Bilder entwerfen, in denen möglichst viel Realität eingefangen ist, ohne in die Falle des naturalistischen Abklatsches zu tappen.

Der Open-Mike-Literaturwettbewerb der Berliner Literaturwerkstatt, vergangenes Wochenende zum 16. Mal veranstaltet, zeigt: die Flucht nach innen ist zur Ausnahme geworden, in eher trotzigem Ton wird das Ende der Schönrederei eingeläutet: "Lasst euch das gesagt sein, wenn wir tot sind, gehört das alles euch, sagte die Großmutter. Da wusste sie nicht, dass wir nichts hatten." heißt es im Siegertext von Sonia Petner, einer 1979 in Waldenburg (Polen) geborenen Autorin.

Es ist nicht der einzige Text, der die neue Armut in den Mittelpunkt rückt, die morbide Hinterlassenschaft einer auf Raubbau und Verschleiß getrimmten Elterngeneration beschreibt und die großen Gesten geißelt, mit denen die jämmerlichen Reste nun, ungerecht wie immer, verteilt werden. Reste materieller wie ideeller Art. Man kann auch Liebe portionieren und in Happen teilen, dann bleiben nur Reste von Anteilnahme und aus Liebe wird Gewalt, wie es Julia Powalla in ihrer Geschichte Henni oder Nina Bußmann in Herr Paul zeigen. Die Kälte einer zu warm gewordenen Welt hat das Mitgefühl einfrieren lassen.

Alte, Einsame, Frauen mit Säuglingen oder anderen Schutzbefohlenen, denen die Kraft zum Überleben genommen wird, sind Gegenstand anrührender Texte dieser 25- bis 35-jährigen Autoren, denen die Bild-gestählte Gesellschaft aus Gaffern und Kommentatoren des Elends offenbar auf die Nerven geht. Sie wollen ihr Ego nicht mehr in den Absetzbewegungen von verzweifelter Selbsthilfe, die in Selbstzerstörung gipfelt, pflegen, sondern der Gesellschaft mit eigenen Normen und Ansprüchen entgegen treten.

Die jungen Autoren greifen keine "Fälle" auf, sie spüren Lethargie, Gleichgültigkeit, Profilierungsneurosen, Verzweiflung in unterschiedlichen Zusammenhängen auf. Eine überfahrene Katze ist ein ebenso brauchbarer Ansatz wie das Hobby, das zum Tunnelblick verführt, wie es Martin Fritz in Mein neues Hobby oder Svealena Kutschke in ihrem mit dem zweiten Preis ausgezeichneten Text Rückspiegel demonstrierten.

Der zupackend realistische Ansatz in der Prosa findet sein Pendant in einer multimedial aufgepoppten Lyrik, die sich zunehmend als Gattung rhythmisch verkürzter Lichtpunkte aus Worten versteht. Musikalisch, bildhaft, prägnant. Die Autoren kommen oft mit einem Rüstzeug aus anderen künstlerischen Berufen - Musiker, Tänzer, Werbetexter, Szenaristen - und sind in der Lage, dem selbst gelesenen Text Nuancen hinzuzufügen, die sich bei der häuslichen Lyriklektüre schwer erschließen. Ob das der Lyrik als Literatur oder eher ihrer Verortung bei den darstellenden Künsten dient, muss sich erweisen. Auf jeden Fall gibt es nichts, worauf sich kein Vers machen ließe: Techniknutzung, Verpackungslager, das ganz Alltägliche wie die Nabelschau - "Wir sind einäugig ... wir sind zweiäugig nur in Ausnahmefällen ... die Bauchnabelumgebung ist nicht die Mitte" so der 1979 in Ho-Chi-Minh-Stadt geborene Thien Tran, der den Lyrikpreis erhielt. Der Open-Mike-Wettbewerb hat diesen Extrapreis für Lyrik in diesem Jahr zum zweiten Mal vergeben. Das scheint qualitätsfördernd zu wirken. Und erfüllt, neben der Aufgabe zu unterhalten, an- und aufzuregen, zu erheitern, auch die Funktion, dieser alten Gattung neue Aufmerksamkeit zu verschaffen. Der Publikumsjury gefiel in diesem Jahr ein sehr direkter Text, Sie prämierte Johanna Wecks Geschichte Punkte. "Ich erschieße einfach alle", sagt darin die Protagonistin, "Erst die ganzen Arschlöcher und dann mich selbst."

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00:00 20.11.2008

Ausgabe 38/2020

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