Retusche

Etikettenschwindel Eine Aufsatzsammlung der Bundeskulturstiftung zur "Postcommunist Condition"

In der verdienstvollen Reihe suhrkamp taschenbuch wissenschaft ist ein Wälzer von fast 800 Seiten erschienen, der den Titel Am Nullpunkt trägt. Das macht neugierig. Wieder mal ein Nullpunkt. Wann war der? 1945? 1989? 1990? Ein "Grußwort der Kulturstiftung des Bundes" gleich hinter dem Inhaltsverzeichnis und noch vor der "Editorischen Vorbemerkung" schafft Klarheit: "Dieses Buch ist ein Teil des Forschungsprojektes ›The Post-Communist Condition‹. ... Im Zentrum steht dabei die Frage, unter welchen Bedingungen Kultur und Kunst im östlichen Europa nach dem Zerfall des Ostblocks existieren. ... Es geht darum, die Realitäten des Transformationsprozesses in den Ländern des ehemaligen Ostblocks präziser in den Blick zu bekommen."

Aha. Also Nullpunkt 1989. Doch da gibt es einen Untertitel auf dem Buchumschlag: Positionen der russischen Avantgarde. Die Avantgarde von 1990? Wir werfen einen Blick ins Inhaltsverzeichnis und treffen auf vertraute Namen, auf Chlebnikov und Malewitsch, auf Tretjakov und Rodc?enko, auf Platnonov und Charms. Eine recht willkürliche Zusammenstellung zwar, aber mit Post-Kommunismus haben sie allesamt nichts zu tun. Die im vorliegenden Band veröffentlichten Aufsätze und Manifeste, die für Kenner der Materie zu einem großen Teil so aufregend neu nicht sind, wurden zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts geschrieben, vor dem - wie wir heute wissen: erfolglosen - Versuch, in der Sowjetunion den Kommunismus zu realisieren. Man kann darüber streiten, ob die Oktoberrevolution die hier präsentierte Avantgarde eher befördert oder behindert hat, ob sie sich eher in Übereinstimmung oder in Gegnerschaft zu sozialistischen Utopien begriff, nur eins kann man nicht: sie für den Post-Kommunismus, dessen Bezeichnung im Übrigen definitiv voraussetzt, dass es einen realen Kommunismus gegeben habe, in Anspruch nehmen.

Zwar heißt es im erwähnten Grußwort der künstlerischen Direktorin der Kulturstiftung des Bundes, der vorliegende Band leiste "zunächst die historische Vermittlung" zum Verständnis, "wie Wissenschaftler und Künstler den Wechsel zweier Modernisierungsmodelle - vom Kommunismus zum Kapitalismus - gegenwärtig reflektieren". Aber das ist lediglich prätentiöser Quatsch. Chlebnikov und Charms mögen alles Denkbare vermitteln, aber mit der Reflexion über den Wechsel vom Kommunismus, was immer man darunter verstehen mag, zum Kapitalismus haben sie so viel zu tun wie die Erstürmung des Winterpalasts mit den Geschäften amerikanischer Banken im heutigen St. Petersburg.

Wenn wir uns nicht mit der Erklärung zufrieden geben wollen, dass die Verantwortlichen in der Kulturstiftung des Bundes Gelder nach banausischen Kriterien verteilen und danach auch noch darauf bestehen, ihre Ahnungslosigkeit in Grußworten zu dokumentieren, dass es darüber hinaus den Herausgebern Boris Groys und Aage Hansen-Löve schnurz ist, was da in ihrem Buch steht, wenn sie nur genug Mittel erhalten, also adäquat bestochen werden, dann hat die Veröffentlichung von Texten aus den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts im Kontext des "Post-Kommunismus" einen tieferen politischen Sinn. Indem die Utopien des Prä-Kommunismus mit dem so genannten Post-Kommunismus in eins gesetzt werden, wird der Kommunismus - oder vielmehr: was sich so nannte und von seinen Gegnern so genannt wurde - aus der Geschichte retuschiert wie Trotzki in der Zeit des Stalinismus aus den offiziellen Fotos. Es darf ihn nie gegeben haben. Die Vorstellung, Schriften der frühsowjetischen Avantgarde - zu der hier übrigens weder Majakowski, noch Kandinski, noch Eisenstein, noch Meyerhold zu zählen scheinen - könnten eine historische Vermittlung zum Post-Kommunismus leisten, ist ungefähr so absurd wie die Idee, der Verlust einer Brieftasche lasse sich aufklären, indem man über die Situation nachdenkt, in der man sie noch nicht besaß.

Am Nullpunkt? Gemeint ist - wir verraten es hier - der Nullpunkt der Avantgarde, dessen Existenz man auch ohne den gegebenen Kontext anzweifeln kann. Er bläst eine marginale Anregung von Daniil Charms auf, die der deutsche Leser aus Peter Urbans Edition seit langem kennt. Unter Berücksichtigung der politischen Implikationen nimmt der Titel freilich eine ganz neue Bedeutung an. Am Nullpunkt der Moral. Am Nullpunkt der wissenschaftlichen Sorgfalt. Am Nullpunkt der historischen Redlichkeit. Wie das halt so ist im Post-Kommunismus, wenn Wissenschaftler den Wechsel von Modernisierungsmodellen reflektieren.

Am Nullpunkt. Positionen der russischen Avantgarde. Hrsg. v. Boris Groys und Aage Hansen-Löwe. Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft. Übersetzt von Gabriele Leupold, Annelore Nitschke, Olga Radetzkaja. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2005777 S., 20 EUR.


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00:00 16.12.2005

Ausgabe 39/2020

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