Roh, naiv, deutlich

Ideale In der UdSSR diente die Mosaikkunst zur Selbstdarstellung. Und heute? Ein Bildband zeigt mehr als den Exotismus ihres Verfalls

Warum war die Mosaikkunst in der ehemaligen UdSSR so verbreitet? Was ist an dieser Kunst sozialistisch? Und was wird aus dem Mosaik nach dem Untergang der sozialistischen Utopie, in der auch der Kapitalismus wenig mehr zu bieten hat, sondern sich in teils gleitendem, teils offenem Verfall befindet?

Solche Fragen gehen einem durch den Kopf, wenn man den Bildband Mosaiki – Bruchstücke einer Utopie aus dem Lukas Verlag in Händen hält. Man geht auf eine Reise durch ein ziemlich fremdes Land. Passiert Monumentalbauten und Plattenbausiedlungen, durchquert verwaiste Freizeitanlagen, heruntergekommene Denkmalsareale, leer und grasüberwachsen; vorbei an Bushäuschen, verlassenen Kinos, Bahnhöfen, Kliniken und Universitäten, Bibliotheken, Industriegeländen. Jetzt wirkt das vergessen und still. Aber diese Funktionsgebäude waren Teil eines gestalteten öffentlichen Raumes. Sie gestalteten, indem sie ihr Inneres nach außen kehrten, zeigten, was sie enthielten. Manchmal ist das naiv und folkloristisch, manchmal futuristisch-dynamisch, manchmal mystisch verschleiert. Die stilistische Vielfalt der Mosaike aus Armenien, Aserbaidschan, Georgien, Kasachstan, Kirgistan, Moldawien, Tadschikistan, Turkmenistan, Usbekistan, Weißrussland und der Ukraine ist verblüffend.

Nichts daran ist „gewachsen“ wie in den romanischen Ländern, die deswegen so schön sind. Das meiste ist hier Konstruktion, Gewalt, die Faust in der Leere: gemacht, gewollt und erzwungen. Die Regel ist, dass auf ein graubraunes, schmucklos-hässliches Dutzendgebäude an einer Stelle ein Mosaik angepappt wurde, das die Armseligkeit mit einem Versprechen überstrahlt. Jetzt, wo der Verfall die meisten dieser Gebäude und Anlagen ergriffen hat, leuchten die Versprechen anders und mehr als früher, auch wenn klar ist, dass dieses Kontrastversprechen nicht lange währen wird, weil der Verfall auch all das, was hin und wieder noch eine Weile Trost zu bieten scheint, mit sich nehmen wird. Deswegen sind diese Bilder weder starr noch fließend, sondern zum Zerreißen gespannt. Sie atmen Zeit, stoßweise. Ein wenig sieht man auf ihnen, was Geschichte ist.

Lenin wollte es so

Warum Mosaiken? Zur Selbstdarstellung der sozialistischen Gesellschaft im öffentlichen Raum (so lautete Lenins Forderung) eignete sich das Mosaik als archaische, kindliche, klassenlose Kunst. Es setzte Erinnerungen an die alte Sakralkunst frei und holte die geliebten Ikonen aus dem Dämmer der orthodoxen Kirchen ans Tageslicht. Es ist eine kindliche Kunst: Jeder hat wahrscheinlich als Kind aus zusammengesuchten Steinen Bilder zu legen versucht und ist deswegen imstande, die große Kunst zu bewundern, die hinter vielen der in diesem Band festgehaltenen Mosaiken steckt. Es ist eine Kunst der einfachen Formen, entweder naive Darstellungen erzwingend oder wuchtige Abstraktionen. Es ist eine haltbare Kunst, die mit anderen Zeitansätzen umgeht als die sich zwischen ihr bewegenden Menschen, die in den Nöten des sozialistischen und postsozialistischen Alltags gefangen sind. Sie war ideologisch, wahrscheinlich aber hilfreich. Sie produziert keine glatten, sondern durchbrochene Oberflächen; Oberflächen, die nichts verdecken, sondern etwas zeigen.

Die Mosaiki stellen den Menschen als produktives Wesen dar. Das ist die augenfälligste Differenz zu allen Formen, in denen die kapitalistische Gesellschaft sich visuell inszeniert. Die grundlegende Form unserer Selbstdarstellung ist die Werbung. Diese appelliert im raschen Wechsel an den Menschen als Konsumenten, dessen Lebenszweck es sein soll, Gebrauchswerte zu erwerben, gleichgültig, ob es sich um eine Pizza, ein Smartphone oder um eine Markenhose handelt, die ihm Anerkennung in seiner Peergroup verspricht.

Im Gegensatz dazu setzen die Mosaiki – jedenfalls sehr viele – die Arbeit als Prinzip gesellschaftlicher Selbsterhaltung und gesellschaftlichen Fortschritts in Szene. Das kann so geschehen, dass die Menschen bei ihren Tätigkeiten gezeigt werden, beim Dengeln und Schrauben, Lesen und Studieren, beim Spalten von Atomkernen und im Kampf gegen den Krebs. Oder so, dass die Produkte ihrer Arbeit in den Mosaiken festgehalten werden: Autos, Räder, Schrauben, Formeln oder ein Bohr’sches Atommodell. Oder eben so, dass die Arbeit nicht in Werken, sondern als Prozess dargestellt wird – als „das lebendige gestaltende Feuer, die Vergänglichkeit der Dinge, ihre Zeitlichkeit“, wie es bei Marx heißt; als mystische Kraft der Entgegenständlichung, die keine Formen bestehen lässt und alles Fixierte verwandelt.

Dazu gehört auch der individuelle Mensch. Das Mosaikprinzip selbst disponiert zur Darstellung von Arbeit als dynamischem „Subjekt“ der Gesellschaft. Denn es zerlegt in Einzelteile, Splitter und Partialimpulse und setzt die Gestalt aus ihnen zusammen. Das heißt, es formt kollektive Körper: Körper, die selbst ein Gemeinwesen sind und selbst in den naivsten Darstellungen unter der Oberfläche vibrieren. Einer setzt sich aus Vielem zusammen, und dieses Viele bildet, je mehr man sich darein vertieft, ein Kraftfeld, ein Störfeld lebendiger Arbeit. Das ist die Utopie, von der die Mosaiki reden – ein wenig roh oder naiv, aber deutlich. Es geht um einen gesellschaftlichen Zusammenhang durch gemeinsame Arbeit, der die Individuen durchdringt und kollektiviert.

Davon entfernen wir uns mit rasender Geschwindigkeit. Denn, Systemgegensatz hin oder her, auch im rheinischen Kapitalismus vergangener Epochen war davon etwas zu spüren. Er war vielleicht sozialistischer als sein Ruf.

Bieten die Bilder mehr als Nostalgie für die einen, Exotismus des Verfalls für die anderen? Werden diese öffentlichen Appelle durch einen Band wie diesen nicht bloß musealisiert und dem bürgerlichen Kunstsinn zugeschlagen, für den „schön“ heute eine unverbindliche Bedeutung hat? Ist es der neue Themenpark des Untergangs, mit dem wir, zum Glück, nichts zu tun zu haben? Es ist nicht leicht zu sagen. Von der Zuversicht, die die Mosaiki ausstrahlen, ist nichts geblieben, hüben wie drüben. Das liberale System fährt sich selbst an die Wand, ökonomisch und ökologisch. Neue Führer erheben das Haupt, teilweise wärmen sie den Sozialismus wieder unter nationalem Vorzeichen auf, teilweise ist auch das nur Maskerade einer neuen Generation politischer Mafiabosse. Angesichts dessen sind die Mosaiki wirklich utopisch geworden. Sie haben keinen Haltepunkt, keine Resonanz in unserer Welt. Kein stilles Noch-nicht-Sein wartet wie bei Ernst Bloch darauf, von diesen Bildern erweckt zu werden. Es sind Setzungen geworden, abstrakte Negationen, vormals ideologisch, die durch die Geschichte dazu verdammt wurden, für die Wahrheit einzustehen. Es ist gut, dass sie in diesem großartigen Band festgehalten sind, bevor sie endgültig verschwinden.

Info

Mosaiki – Bruchstücke einer Utopie: Mosaiken im postsowjetischen Raum Aram Galstyan, Katja Koch Lukas Verlag 2019 , 288 S., 510 Abb., 39,80 €

06:00 08.09.2019
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