Rückkehr der Mythen

Im Gespräch Tom Segev, israelischer Historiker, über den Terror und den Verlust an Rationalität

Tom Segev beschreibt als Kolumnist des linksliberalen Blattes Haaretz des öfteren die vermehrt zu Tage tretenden inneren Brüche der israelischen Gesellschaft. Er gilt als Protagonist einer "neuen Geschichtsschreibung", die Tabus des jüdischen Staates in Frage stellt. So hat seine letzten Veröffentlichung zur britischen Mandatszeit in Israel heftige Debatten ausgelöst, weil Segev dort die These vertritt, die britische Besatzungsmacht sei in Wirklichkeit nicht von der jüdischen Untergrundbewegung, sondern von den Arabern vertrieben worden.

FREITAG: Ist nach Ihrem Eindruck der Friedensprozess zwischen Israelis und Palästinensern wirklich und endgültig gescheitert?
TOM SERGEV: Er ist zum Stillstand gekommen. Ich weißt nicht, ob er beendet ist, aber ich glaube, dass er irgendwann erneuert wird. Es gibt sehr viele Menschen, die meinen, Oslo sei tot. Ich bin der Auffassung, man kann den Prozess wieder beleben. Oslo war eigentlich eine gute Idee. Nur braucht der Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern sehr lange Zeit, um gelöst zu werden. Und er bedarf eines sehr intelligenten Managements. Oslo ist vor allem falsch gemanagt worden.

Sowohl die palästinensische Hamas als auch religiös-nationalistische Radikale in Israel bekämpfen Oslo. Ist das nicht eine seltsame Allianz?
Es ist im Nahen Osten fast immer so gewesen, dass die Extremisten die Dinge bestimmen und nicht die Friedensbewegung. Das ist eine Tragik, mit der wir leben. Sie stammt aus Zeiten, als der Nationalismus noch auf beiden Seiten überwog.

Wie sieht der Alltag heute in Israel aus? Schicken Eltern ihre Kinder noch zum Basketball und zum Ballettkurs oder bleiben viele einfach zu Hause aus Angst vor weiteren Selbstmordanschlägen?
Das ändert sich von Tag zu Tag. Wenn es zwei oder drei Tage keinen Terrorismus gibt, dann sehen sie die Menschen wieder in den Cafés, in den Restaurants und in den Shopping-Malls. Nach Terroranschlägen ist es so, wie Sie sagen: Die Menschen bleiben zu Hause. Sie fragen sich, ob sie den Autobus benutzen oder die Tochter zum Ballett schicken sollen. Es gibt viel Depression, viel Hilflosigkeit. Aber mehr als irgendetwas herrscht in Israel politische Verwirrung. Die Menschen wissen gar nicht, wie sie diese Intifada überhaupt bewerten sollen. Sie dauert nun 22 Monate.
Demgegenüber hat die Oslo-Illusion nun schon acht Jahre Bestand. Viele Menschen glauben an Oslo und halten sich an der Hoffnung fest, die Dinge ließen sich irgendwie regeln. Aber es ist schwerer, mit einer Illusion fertig zu werden, als mit einem andauernden Kriegszustand.

Wie interpretieren Sie, dass es vor allem junge Männer sind, die sich und andere in die Luft sprengen? Was bedeutet das für die palästinensische Gesellschaft?
Die ist noch traditionell islamisch geprägt und wird von Männern getragen - und bei den Terroristen handelt sich oft um sehr junge Männer, darunter übrigens auch Mädchen. Sehr viele der Attentäter waren während des Osloer Abkommens noch Kinder, aber im Unterschied zur israelischen Gesellschaft besaß Oslo unter den Palästinensern keine große Bedeutung. Im Gegenteil, die Palästinenser waren viel früher verzweifelt als die Israelis. Wir haben uns nicht Rechenschaft darüber abgelegt, dass die meisten Palästinenser überhaupt nichts von Oslo hatten. Wir haben das einfach ignoriert - das war einer der größten Fehler.

Sind die vielen jungen Männer unter den Attentätern auch ein Produkt patriarchalischer Erziehungsstrukturen in der palästinensischen Gesellschaft?
Ich glaube nicht, dass Sie daraus etwas über die palästinensische Gesellschaft lernen können. Die palästinensische Gesellschaft im Großen ist gar nicht so religiös fanatisch, das trifft nur auf eine ziemlich kleine Gruppe zu.

Wie tot ist die Friedensbewegung in Israel?
Heute ist es nicht leicht in Israel eine Friedenspolitik zu vertreten. Sie sitzen in einem Café, diskutieren mit anderen und eine halbe Stunde später ist das Café in die Luft gesprengt. Da fühlen sie sich schon ein bisschen idiotisch und ein bisschen dumm. Aber ich glaube doch, dass die Friedensbewegung jetzt in Israel wieder stärker wird.

Sie gehören zu den sogenannten "Neuen Historikern", die eine Reihe zentraler Mythen des Zionismus in Frage stellen, etwa die Geschichte des Zionismus, die Umstände der Entstehung des Staates Israel und des israelisch-arabischen Konflikts. Warum hört man zur Zeit so wenig von den neuen Historikern?
Die "neuen Historiker" sind schon lange nicht mehr so neu, denn es gibt heute viele Israelis, die nicht mehr mit den alten Mythen leben. Es ist allerdings auch so, dass der Terrorismus uns eine Atmosphäre der Angst und der Verschlossenheit bringt. Wir gehen rückwärts. Vieles deutet darauf hin, dass wir unter dem Einfluss des Terrorismus zurück in die Zeit der Mythen gehen. Der Terrorismus kostet natürlich Leben, aber er gefährdet nicht die Existenz des Staates. Was er bedroht, ist die Fähigkeit und der Wille vieler Israelis, rational zu denken.

Das Gespräch führte Michael Marek.

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00:00 02.08.2002

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