30 Tage russische Besatzung in Trostjanez: Tage, die nie verblassen werden

Ukraine Das ukrainische Grenzstädtchen Trostjanez ist eines der ersten Opfer der russischen Invasion. In den ersten Tagen verliefen die Kontakte mit den Besatzern eher harmlos. Doch dann wurde ihr Verhalten immer aggressiver

Trostjanez war einst eine schläfrige kleine Stadt, rund 30 Kilometer von der russisch-ukrainischen Grenze entfernt. Heute, nach dem Rückzug der russischen Soldaten, ist sie zu großen Teilen zerstört. Bereits in den ersten Stunden der russischen Invasion in die Ukraine rollten die Panzer in Trostjanez ein. Die Soldaten schwärmten in der Stadt aus und besetzten mehrere Gebäude: das Amt für Forstwirtschaft, den Bahnhof und eine Schokoladenfabrik.

Der General der Einheiten machte Zimmer 23 der Stadtverwaltung zu seinem Büro – früher war hier die Buchhaltung. Eine Malt-Whiskey-Flasche steht noch auf dem Schreibtisch, auf dem Rand eines Aschenbechers liegen ausgedrückte Kippen. Geschlafen hat der Befehlshaber auf einem schmalen Bett, das aus einem nahe gelegenen Hotel stammt. Seine Männer waren ein Stockwerk tiefer untergebracht. Ganz offenkundig scheinen sie dort in denselben Räumen geschlafen, gegessen und ihre Notdurft verrichtet zu haben. Offenbar waren auch Verletzte darunter. Auf dem Boden liegen mit Blut verschmierte russische Uniformen.

Dreißig Tage waren die Russen in Trostjanez. Dann verließen sie die Stadt während einer heftigen ukrainischen Gegenoffensive in einem Konvoi von Panzern, Militärfahrzeugen, Lastwagen voller Kriegsbeute und zahlreichen gestohlenen Fahrzeugen, auf die sie ein Z gemalt hatten, das Zeichen der russischen Invasionsarmee. Die Gewalt, die Zerstörungen und die Toten, die die Soldaten mit ihrer ungewollten „Befreiungsaktion“ hinterließen, werden den Bewohnern dieses einst malerischen Kurorts mit seinen 20.000 Einwohnern für den Rest ihres Lebens in Erinnerung bleiben.

Auf dem Platz vor dem Bahnhof ist jetzt ein düsteres Panorama aus zerschossenen Panzern, einer zerstörten Panzerhaubitze und einem zerschossenen gelben Bus zu sehen, dessen Sitze mit eingetrocknetem Blut beschmiert sind. Hunderte grüne Munitionskisten und Granathülsen sind auf dem Platz verstreut, sie zeugen vom Einsatz von Granaten und Grad-Raketen, die die Russen von hier aus auf die Nachbarorte abgefeuert haben. Gebäude, die während der Kämpfe nicht zerstört wurden, sind mit pro-russischen Slogans und Beleidigungen gegen den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj übersät.

Wo einst Tschaikowski schlief

Während unserer zweitägigen Recherche in der Stadt fanden wir Hinweise auf Hinrichtungen, Folter und systematische Plünderungen während des Monats der russischen Besatzung. Es wird allerdings noch lange dauern, bis die Verbrechen katalogisiert sind, die die Russen an Orten wie Trostjanez verübt haben.

Im Moment aber haben die Aufräumarbeiten Priorität. Ukrainische Militäringenieure entfernen Minen und Stolperdrähte auf dem Friedhof, im Bahnhof und sogar im Schokoladenmuseum, das in einer eleganten Villa untergebracht ist, in der einst der russische Komponist Pjotr Tschaikowski übernachtet hat. Am vergangenen Sonntag gab es erstmals seit Wochen wieder Strom. Am Montag erreichte der erste Eisenbahnzug seit der Invasion den zerschossenen Bahnhof. Aber die Straßen sind weiter übersät mit den verbogenen Überbleibseln von russischen Militärfahrzeugen. Und es gibt nichts zu essen zu kaufen – alles wurde geplündert.

Noch vor zehn Jahren hätten die Leute in Trostjanez wohl vor allem Gutes über Russland zu sagen gehabt, das nur eine kurze Autofahrt entfernt liegt. Viele haben dort Freunde und Familie. Jetzt wetteiferten sie darum, die Nachbarn zu beschimpfen, die dieses Unglück über sie gebracht haben: „Barbaren!“ „Schweine!“ „Bastarde!“

Jurij Bova ist der Bürgermeister von Trostjanez. Er läuft in einer Uniform durch die Stadt, die Pistole hat er vorne in die schusssichere Weste gesteckt. Er sagt, es sei noch zu früh, um verlässlich zu sagen, wie viele Zivilisten die russischen Soldaten getötet haben. Es waren „definitiv mehr als 50, aber wahrscheinlich nicht Hunderte“, schätzt er. Die Vorstellung einer russischen Invasion, so räumt er heute ein, hat er bis vor wenigen Wochen noch für vollkommen abwegig gehalten. Als jedoch die Warnungen vor einem Krieg immer lauter wurden, berief er ein Treffen mit allen ein, die den territorialen Verteidigungskräften beitreten wollten, auch wenn es in dem Städtchen noch nie eine militärische Einrichtung gegeben hat. Etwa hundert Personen kamen. Alles zusammengenommen standen ein paar Jagdgewehre zur Verfügung, ein paar Pistolen, einige Polizeibeamte verfügten über Kalaschnikows. Man beschloss, Kiew um Waffen zu bitten.

Doch es war schon zu spät. Drei Nächte später begann der Einmarsch. Am Morgen des 24. Februar stand bereits eine russische Panzerkolonne kurz vor der Stadt. Bova schickte eine Gruppe Forstarbeiter los, damit sie die Bäume entlang der Hauptstraße fällten, um die Durchfahrt zu blockieren. Das brachte ihnen einige Stunden Zeit. Am Vormittag berief er ein neues Meeting der Verteidiger ein. „Zu versuchen, mit ein paar Gewehren gegen Panzer anzugehen, hätte unseren sicheren Tod bedeutet. Daher entschied ich, dass wir Partisanen werden“, erzählt Bova. Die Anwesenden hatten ein paar Minuten, um zu entscheiden, ob sie mitmachen wollten. Dann verließen der Bürgermeister und seine Mitstreiter die Stadt und zogen sich in die benachbarten Dörfer zurück. Als ukrainische Streitkräfte wenig später eine Brücke südlich von Trostjanez in die Luft sprengten und damit den russischen Vorstoß abwürgten, wurde die Stadt zu einem Sammelpunkt für Soldaten und Panzer.

In den ersten Tagen verliefen die Kontakte mit den Besatzern eher harmlos. „Wir hatten Angst vor ihnen, aber nach einer Weile bekamen wir Mitleid. Sie hatten schmutzige Gesichter, sie stanken und sie wirkten so verloren“, erinnert sich Jana Lugovez, die einen Monat lang mit ihrem Mann, ihrer Tochter und Freunden im Keller ihres Hauses übernachtete. Einmal, so erzählt sie, sei ein Soldat in ihr Haus gekommen, um es zu durchsuchen. Als ihre Tochter aus Angst vor dem fremden Eindringling aufschrie, habe er die Durchsuchung abgebrochen. Die Scham habe ihm dabei im Gesicht gestanden.

Die 26-jährige Daria Sasina ist Besitzerin eines Schönheitssalons in der Nähe des Bahnhofs. Als sie nachsehen wollte, ob dort noch alles in Ordnung war, fand sie sieben russische Soldaten vor, die dort eingebrochen waren und ihr Lager aufgeschlagen hatten. Anfangs reagierten sie eher entschuldigend. „Ich begann zu weinen, ich war hysterisch. Ein junger Soldat versuchte, mich zu beruhigen. Er sagte: Hören Sie, es tut mir leid. Wir haben so etwas wie das hier nicht erwartet.“

Alles wurde gestohlen

Aber jede Begegnung mit den Besatzern war auch ein riskantes Glücksspiel. Ein paar Tage später unternahmen Sasina, ihr Mann und ihr Vater den Versuch, die Stadt zu durchqueren, um der 96-jährigen Großtante Brot zu bringen. Plötzlich richtete eine Gruppe russischer Soldaten ihre Waffen auf sie. „Es waren ungefähr 20 Mann und sie begannen zu schreien: Lauft, ihr Hunde! Wir rannten durch den Matsch, so schnell wir konnten. Sie begannen in die Luft zu schießen. Wir konnten sie lachen hören.“

Am Tag nach dem russischen Abzug sah Sasina wieder in ihrem kleinen Salon nach dem Rechten. Die teuren Haartönungen, Shampoos und Nagellacke im Wert von Tausenden von Dollar waren gestohlen, ihre Scheren, die Föne, alle Stühle, mehrere Glühbirnen und die Bilder an der Wand ebenso. „Alles, was ich aufgebaut habe, wurde zerstört“, sagt Sasina verzweifelt.

Die Entscheidung von Bürgermeister Bova, aus der Stadt zu fliehen, hat ihm auch Kritik eingebracht. Aber Bova besteht darauf, dass es die einzige vernünftige Entscheidung war. Auf dem Handy scrollt er durch Fotos aus den Besatzungstagen. Leute schickten ihm Informationen über den russischen Aufmarsch, die er weiterleitete. Als die ukrainische Armee zum Gegenangriff überging, wurde das Verhalten der Russen immer aggressiver. Eine von den ukrainischen Sicherheitsdiensten veröffentlichte, mit Schimpfwörtern gespickte Tonaufnahme belegt angeblich, wie ein russischer General einen Raketenangriff auf zivile Ziele anordnet, nachdem er von einem nahe gelegenen Dorf aus beschossen wurde: „Macht den ganzen Ort dem Erdboden gleich, von Ost nach West.“

Smartphone im Stall

In Bilka, einem ruhigen Dörfchen in der Nähe von Trostjanez, stationierten die Russen mehr als 200 Militärfahrzeuge. Mindestens zwei Menschen wurden in dem Ort exekutiert. Am 2. März, als die Russen im Dorf ankamen, protestierte der Schweinezüchter Alexander Kulybaba gegen die Beschlagnahmung seiner Scheune. Er wurde auf der Stelle erschossen. Ebenfalls an diesem Tag verließ Mykola Sawschenko, ein freundlicher Elektriker mit Schnauzbart, der gemeinsam mit seiner Frau Ludmyla sechs Pflegekinder betreute, sein Haus. Er suchte nach einer Möglichkeit, sein Handy aufzuladen, weil der Strom zu Hause ausgefallen war. „Ich bin ein paar Minuten weg“, sagte er. Er kam nie wieder zurück.

Seine Frau Ludmyla steht weinend vor ihrem Haus und hält den gestempelten Totenschein der Polizei in der Hand. In fein säuberlicher Handschrift steht dort, ihr Mann sei „brutal gefoltert und dann durch einen Schuss ins Herz und einen weiteren in den Kopf getötet worden“. Laut einer Untersuchung waren Finger und Arme gebrochen.

Ludmyla besteht darauf, dass ihr Mann nicht im Widerstand gegen die Russen aktiv war. Viele andere Einwohner des Ortes waren es. In einer Straße in der Nähe erzählt ein Bauer, wie er sein Smartphone im Schweinestall versteckte, während er zur Tarnung ein uraltes Handy mit sich herumtrug, um es bei Kontrollen den russischen Soldaten zeigen zu können. Nachts holte er dann sein Smartphone aus dem Versteck und schlich zu dem einzigen Punkt, an dem es in Trostjanez noch Mobilfunkempfang gab. Von dort schickte er Infos über die russische Materialstandorte an einen Verwandten in der ukrainischen Armee. „Sie schickten Bayraktars und zerstörten es“, sagte er. Gemeint sind die türkischen Aufklärungs- und Kampf-Drohnen, die die Ukraine mit tödlichem Erfolg gegen das russische Militär einsetzt

Sasina, die Besitzerin des Schönheitssalons, listet ihre Verluste auf: ihr Haus zerstört, der Schönheitssalon geplündert, der Spielwarenladen ihrer Mutter ebenfalls geplündert, ein Auto von Freunden gestohlen, mit „Z“ beschmiert und dann zertrümmert. Ihr Bruder läuft an Krücken. Am ersten Tag der Invasion wurde an einem Checkpoint auf sein Auto geschossen, eine Kugel traf ihn in den Rücken.

Sasinas Tante lebt in der Nähe von Moskau. Fast jeden Sommer kam sie zu ihrer Nichte nach Trostjanez. Als Sasina bei ihr anrief, um von den Schrecken vor Ort zu berichten, antwortete die Tante, das sei unmöglich. Wahrscheinlich seien die Soldaten als Russen verkleidete Ukrainer. „Jetzt redet sie nicht mehr mit mir“, sagt Sasina und schüttelt fassungslos den Kopf.

Im Keller des Bahnhofs kann man im schwachen Licht der Taschenlampe ein improvisiertes Feldlazarett erkennen. Dort haben die Russen ihre Verwundeten behandelt, Der Boden ist mit Tabletten und medizinischem Material übersät. An einem Kleiderständer hängt noch ein medizinischer Tropf.

An der Wand draußen im Flur bietet sich vielleicht der verstörendste Anblick in ganz Trostjanez. Dort sind aus Russland mitgebrachte Kinderzeichnungen an die Wand geheftet, Grußkarten von Schulkindern zum „Tag der russischen Armee“, dem Tag vor der Invasion. Eine kommt von „Sascha P., 1. Klasse“, und ist mit Wachsmalfarben gemalt, dazu die gedruckte Botschaft: „Danke, Soldat, dass du dafür sorgst, dass ich unter friedlichem Himmel lebe.“

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