Samen im Sand

Versprechen In seinem Buch "Aus Poesie gut" zieht Günter de Bruyn eine Summe der preußischen Kultur

"Die Nachricht, dass sein Vater im Sterben liege, war dem Kronprinzen durch einen Feldjäger schon am frühen Morgen übermittelt worden, doch zögerte er, wie es seine Art war, stundenlang mit der Abreise, traf also seinen Vater nicht mehr lebend an." Friedrich Wilhelm III. von Preußen, der er derart 1797 wurde, genießt Günter de Bruyns Sympathie nicht, denn er, der Preußen "in den Jahren seines kulturellen Glanzes regieren sollte", tat das, "ohne begreifen zu können, was da geschah". So hielt Friedrich Wilhelm III. den Satz, mit dem er Gneisenaus militärische Denkschrift bedachte, und der in Günter de Bruyns mächtigem, dem Andenken an Preußens große kulturelle Zeit gewidmetem Buch zum Ehrentitel wird, bloß für ein passendes Bonmot: "Als Poesie gut!" Während darin doch die, von de Bruyn nachdrücklich geteilte, Einsicht ihm entging, dass "nämlich allen patriotischen, religiösen und sittlichen Gefühlen Poesie zugrunde läge und somit auch ›die Sicherheit der Throne‹ auf Poesie gegründet sei".

Günter de Bruyn hat justament jenes Alter erreicht, für das er in seiner Autobiografie mit dem Titel Zwischenbilanz 1992 ankündigte, endgültig Bilanz zu ziehen, eben mit 80. Eine weitere, endgültig bilanzierende Autobiographie, scheint aber nicht in Sicht. Doch vielleicht hat er schon damals, bei der angekündigten Bilanz, an eben dies gedacht - eine Summe der preußischen Kultur zu jener Zeit, als sie sich mit der von Weimar und Jena messen konnte. "Unsere Samen, unsere Toten / Ruhen in dem leichten Sand." Dass Preußens Poesie keineswegs nur von jenem berühmt-berüchtigten Dichter der ländlichen Wimmelbiologie, Schmidt von Werneuchen, vertreten wird, über den Goethe in langen Strophen spottete, darin auch die vorstehenden Zeilen, macht de Bruyns Panorama aus 49 Kapiteln - Porträtskizzen und Zeitaufnahmen zugleich - beeindruckend deutlich. Imponierend nicht nur, was da von ihm aufgeboten wird, sondern ebenso, wie de Bruyn es gelingt, eine Vielfalt von Figuren und Facetten zwischen Aufklärung zur Romantik, Kosmopolitanem und Patriotismus, zwischen Militär und Medizin, Philosophie und Konversation, Komödie und Tragödie, Leidenschaft und Pflicht, Lächerlichkeit und Würde plastisch zu konturieren, ihnen Gerechtigkeit widerfahren und sie zugleich wieder zu Leben kommen zu lassen!

Natürlich - nicht alles davon ist neu und bisher unbekannt, schon gar nicht den Lesern de Bruyns. Selbstverständlich sind seine ihn schon lange begleitenden Lebensfiguren wieder dabei. Aber so arrangiert, so zur Sprache gebracht, in dem de Bruyn eigenen, Gedanken- und Sprachkraft jener Zeit inkorporierendem Stil, ist ein nicht nur starkes, sondern auch großes Buch entstanden. Es als historisch-panoramatischen Roman, ein sozusagen preußisches Krieg und Frieden zu etikettieren, wäre Klappentextrhetorik. Nennen wir es also ein großartiges erzählendes Sachbuch, das diese verkannte, sozusagen preußische Sparte der Literatur aufs Höchste ehrt.

"Zwar herrschte, seit 1795, Frieden in Preußen, aber ringsumher tobten Kriege, und die Generation, die die Illusionen der Aufklärung nicht mehr teilte, weil der Verlauf der Französischen Revolution sie enttäuscht hatte, sah der ungewissen Zukunft mit Bangen entgegen und artikulierte ihre Empfindungen teils durch Vergangenheitsidealisierung, vorwiegend des Mittelalters, teils durch Rückzug in die ›Waldeinsamkeit‹ - eine Wortschöpfung Tiecks. Das Vernunftbetonte, Klare und Didaktische der Alten, das in Berlin durch die Friedrich-Verehrer Nicolai, Engel und Ramler verkörpert wurde, war schon Vergangenheit für die Jungen, denen auch Friedrich der Große nicht mehr viel galt." Dies eine jener Passagen, in denen de Bruyn, der sich vor ausgiebigen Zitaten nicht scheut, gelegentlich die historische Situation zusammenfasst, in der seine Figuren sich bewegen.

Tieck und Wackenroder, Karl Philipp Moritz und Jean Paul, E. T. A. Hoffmann und Heinrich von Kleist, Christian Daniel Rauch und Karl Friedrich Schinkel, Rahel Varnhagen und Pauline Wiesel, Marie von Clausewitz und Fanny von der Marwitz und, und - und die vergötterte Luise sowieso. Gewissermaßen eskortiert werden sie durchs preußische Militär, auch das kein uniformer Block, ein Spektrum vielmehr zwischen "den Pflichtbewussten, wie Marwitz, den Schöngeistern, wie Fouqué, den Strebsamen, wie Clausewitz, oder den innerlich Zerquälten, wie Kleist", oder aber auch durch jemanden wie "den sächsische Preußen und späteren Russen" Karl von Nostiz, der sich lieber zu den "Raufbolden, Mädchenverführern und Schuldenmachern gesellte". Frivole Anekdoten kommen darin nicht zu kurz, aber es scheint, als sei Friedrich August Ludwig von der Marwitz (1777 - 1837) nicht zufällig eine der privilegierteren, im Zeit- und Textverlauf wiederkehrenden Figuren, die diesen preußischen Reigen zusammenhalten - ein Vertreter von Entsagung und Pflicht.

1990 hatte Günter de Bruyn in einem Interview mit Regina General gesagt: "Ich habe immer doppelt gearbeitet, mich mit Geschichte, Literaturgeschichte befaßt und daneben Gegenwartsbücher geschrieben." Gegenwartsbücher schreibt er noch, wenn man etwa an seine Liebeserklärung an eine Landschaft (2005), nämlich ans märkische Abseits, vom vergangen Jahr denkt. Denkt man aber an seine wunderbaren Romane, dann, so scheint es, hat er inzwischen die Pflicht auf sich genommen, seine Gegenwart der Geschichte preußischer Vergangenheit wegen zurückzustellen. Es wäre nicht Günter de Bruyn, wenn er sie nicht zu seiner und unserer Gegenwart machte - in aller der Zuneigung gebührenden Reserviertheit, versteht sich. So erscheint dies reiche Buch wie die Einlösung eines geheimen Versprechens. In seinem Schluss aber trägt es ein weiteres Versprechen. "Ende des ersten Teils" steht dort - ohne Punkt - geschrieben. Dass wir dafür bis zu seinem Neunzigsten warten müssen, jedoch nicht.

Günter de Bruyn: Als Poesie gut. Schicksale aus Berlins Kunstepoche 1786-1807, S. Fischer, Frankfurt am Main 2006, 524 S., 24,90 EUR


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00:00 15.12.2006

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