Scharfe Stellen

Literaturschau Six-Pack

Dass es wieder einmal eine neue Sammlung von Max-Goldt-Stücken gibt, muss man vielleicht gar nicht eigens erwähnen. Das spricht sich für üblich in Windeseile herum. Wer dennoch über den je neuesten Zuschnitt in der Staffel der Goldtschen Lebensabschnittsbegleiter schreibt, tut das - liest man die Besprechungen - wohl eher, um nicht die Bekundung versäumt zu haben, als Vorsänger doch auch der Gemeinde anzugehören. Da mal wieder schon alles gesagt ist, diesmal besonders schön von Uwe Wittstock in der Literarischen Welt ("Und sofort fühlt man sich leichter, gelöster, freier - und möchte weiter lesen, weiter, immer weiter."), bleibt hier in der Verschleppung nur die (Selbst)Anzeige in ihrer kürzesten Form: Es gibt wieder viel Bedenkenswertes zu lesen, zum Beispiel dass QQ für "Quiet Quality" steht, über die Unsitte der Hotels, keine klassischen Kleiderbügel mehr zu verwenden, über das Übel der Prokrastination (= zwanghaftes "Aufschieben dringlicher Arbeiten in Verbindung mit manischer Selbstablenkung") oder auch die Erläuterung der Deipnophobie als "Furcht davor, durch die Unfähigkeit zu oberflächlicher Plauderei aufzufallen". So, nun ist es raus.

Max Goldt: Q Q, Rowohlt Berlin, Berlin 2007, 159 S., 17, 90 EUR


Des weiteren sind Stellen anzuzeigen. Stellen aus dem wohl ältesten Gewebe der Literatur. Sogenannte scharfe Stellen. Das mithin in Sprache, was in bewegten Bildern angeblich dem Internet den meisten Zulauf bringt. Rousseau war es wohl, der in aller Natürlichkeit von Büchern sprach, die man nur mit einer Hand lesen könne. Dies ist sozusagen ein Handbuch aus Einhändern. Und wenn man sich nicht traut, den prall schönen Umschlag von Rudi Hurzlmeier drum zu lassen, streckt man dem U-Bahn-Gegenüber zwar einen lustroten Einband entgegen, hat selbst aber Texte vor Augen, die nicht nur ausgewogen über mehrererlei Geschlechter, Vorlieben und Nachstellungen verteilt sind, sondern mehrheitlich durchaus weltliterarische Erzeugernamen tragen - Aretino, Diderot, Baudelaire, Flaubert, Rilke, Maupassant, Nabokov, Schnitzler, Freud, Thomas Mann, Molly Bloom, Josefine Mutzenbacher, Fanny Müller, Erica Jong oder Thomas Gsella - und entweder dadurch überraschen, wie unverblümt oder dadurch, wie elegant sie sein können. Und es gibt ein Lesebändchen, so dass man nicht alles auf einmal lesen muss.

Katinka u. Fritz Eycken: Scharfe Stellen. Haffmans bei 2001, Frankfurt am Main 2007, 441 S., 17,90 EUR


Das älteste Gewerbe der Welt - vielleicht ist das doch eher die Gaunerei. "Galerie der pfiffigsten Schliche und Kniffe berüchtigter Menschen" - der Untertitel zeigt, dass wir´s mit Gaunern zu tun haben. Adelbert von Chamisso, der Autor des großartigen Schlemihl oder der rührenden Waschfrau, hat sie zusammengestellt. 1836, zwei Jahre vor seinem Tod, ist das Bändchen erschienen, bald aber in gründlichste Vergessenheit geraten. Nun ist es wiederentdeckt worden und in einer schönen, gefälligen Ausgabe zu haben. Was darin berichtet wird, wirkt - von heute aus gesehen - recht harmlos, auch wenn es um alle Formen menschlicher Hinterhältigkeit geht, denn es kommt mit bodenständiger Schlichtheit, in Kalendermannssprache daher. Nach "gedruckten und handschriftlichen Quellen", strikt dokumentarisch soll das heißen, lesen wir vom bösen englischen Räuber Will Dudley, von Sir John Falstaff, aber auch von raffiniertem Wechselbetrug, Rosinendieberei, von Gaunern, die sich wechselseitig prellten, gar von einem Dieb aus Frömmigkeit. Und Aus dem Tagebuche eines noch lebenden Spielers erfahren wir das Bekenntnis: "So habe ich manchen betrogen, indem ich mich mit seinen Leidenschaften bekannt machte und ihn, indem ich ihn auf dieselben hinleitete, zerstreute." Auch dies eine moderate Zerstreuung.

Adelbert von Chamisso: Die Gauner. Matthes u. Seitz, Berlin 2007, 156 S., 16,80 EUR


Dies dünne Buch ist ein dickes Ding, fast eine Lumperei. 1934 zuerst im holländischen Exil erschienen, aber überhaupt nicht wahrgenommen worden. Und das war auch gut so. Denn es handelt sich um eine von ärgsten Vorurteilen zerfressene Autodidakten-Ranküne gegen den Literaturbetrieb der Weimarer Republik. Als hätte Wilhelm Stapel, der rechtsradikale "Literatenwäscher", unter Pseudonym geschrieben, so primitiv werden Figuren der Berliner Szene, Alfred Döblin allen voran, als talentlos, klüngelhaft korrupt, sadomasochistisch, sich prostituierend und andere zur Prostitution zwingend, dargestellt. Nun könnte man das vielleicht noch als Groteske lesen, aber es ist nicht grotesk, sondern bloß giftig. Zumal sich der Autor nicht entblödet, selbst als edelste Blume der Dichtung - natürlich verkannt und unterdrückt - aufzutreten. Das alles in einem Stil, der bestenfalls aus den Kolportageromanen der Jahrhundertwende herrührt. Dieses sauerbierhafte Dünnzeug nun kommt ausgerechnet in der sprichwörtlich sorgsamen Ausstattung des Weidle Verlags daher, ergänzt um ein vorbildlich recherchiertes Nachwort zum Autor. Aber das zeigt schließlich nur, dass Dembitzer trotz seiner ostjüdischen Herkunft, sozialistisch-religiösen und überhaupt gutmenschlichen Einstellung außer Folklore und Zukurzgekommenheit eines "Ringenden" nichts zustande gebracht hat, was sich auch nur im Entferntesten an dem messen könnte, das er da attackiert.

Salamon Dembitzer: Die Geistigen. Weidle, Bonn 2007, 187 S., 19 EUR


Das Titelbild zeigt Marie Nejar als aparte, melancholisch-hübsche, erkennbar dunkelhäutige junge Frau. Regina Carstensen, die die Erinnerungen der inzwischen fast 80-Jährigen aufgeschrieben hat, bemüht implizit die Erinnerung an den Erfolg von Hans Massaquoi Neger, Neger, Schornsteinfeger (1999). Leider ist, was sie so zu Erklärungen der Nazi-Filmkultur hineinpackt, eher Wikipedia-Wissen, wie sie überhaupt eine gewisse Illustrierteneinfalt pflegt. Dennoch ist das Buch auf wundersame Weise äußerst lesenswert. Zum einen erfährt man über einen Rassismus, der nicht einfach vom schwarzen Loch des Antisemitismus aufgesogen wird, ein dumpfbackiger oder "witziger" Rassismus, der nicht in der Nazizeit begann und leider nicht mit ihr aufgehört hat, zum anderen ist es der ansteckende Lebenswille, die Entschiedenheit Marie Nejars, kein Opfer sein zu wollen, die einen anrührt. Beides findet zusammen in den geradezu grotesken Situationen, die das junge Mädchen als Komparsin in Filmen wie Rühmanns Quax auf großer Fahrt oder Hans Albers Münchhausen erlebte, ebenso in ihrer Karriere nach 1945 als Sängerin, der die Rolle buchstäblich auf den Leib diktiert wurde. Die Entscheidung von Marie Nejar, trotz all´ ihrer Talente schließlich Krankenschwester zu werden, ist ein unprätentiöser Heroismus des Alltags, der gerade heute seinesgleichen sucht.

Marie Nejar: Mach nicht so traurige Augen, weil du ein Negerlein bist. Meine Jugend im Dritten Reich, Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 2007, 254 S., 8,90 EUR


Als Dramatiker war der Lyriker Peter Rühmkorf durchgefallen; dafür hielt er sich als Märchendichter schadlos. Das war in den Siebzigern, in denen linke und psychoanalytische - was manchen gleich galt - Volkserzieher das (Volks)Märchen entdeckten und sich vor allem an Parodien mühten. Rühmkorfs grandiosestes und längstes Märchen, Auf Wiedersehen in Kenilworth, 1980 zuerst erschienen, ist ein wunderbar verschlungenes, von Einfällen und Sprachkobolzen geradezu überbordendes Kunstmärchen in der Tradition Hoffmanns und Tiecks. Dessen Raffinesse erreichen die nachfolgenden 13 Aufgeklärte Märchen, unter dem Titel Hüter des Misthaufens 1983 erschienen, nicht mehr - wollen es auch nicht. Doch auch sie sind (fast) allesamt für die Leser ein hochverzinslicher Einfallsreichtum, eine kapitale Lesezeitanlage! Und die Anspielungsfülle wird durch eine ausgiebige Kommentierung der Herausgeber Heinrich Detering und Sandra Kerschbaumer erschlossen, deren Nachwort dann auch noch kundig beantwortet, was man zu Rühmkorfs Märchen sonst noch so wissen möchte.

Peter Rühmkorf: Die Märchen. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 2007, 447 S., 28 EUR


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00:00 17.08.2007

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