Schauburg

Dresdener Abend Der Frühling lockt. Ich durchschlendere die Dresdner Neustadt. Einst grau und steinern, heute scheinen die Trottoirs zu blühen. Das Elbtal grünt. Ein ...

Der Frühling lockt. Ich durchschlendere die Dresdner Neustadt. Einst grau und steinern, heute scheinen die Trottoirs zu blühen. Das Elbtal grünt. Ein Kleinkind liegt auf einer Decke im Gras, Sonne scheint. Es hält die Arme ausgestreckt, sieht durch seine Finger, durch das Laub der Bäume zum Himmel. Wind spielt mit den Blättern, Sonnenflecken tanzen über den Boden. Das Kind spreizt die Finger, schließt sie wieder, lacht.

An meinem zehnten Geburtstag, zwischen Blinde-Kuh-Spiel und Würstchenwettessen, tauchte plötzlich der Ex-Mann meiner Mutter auf. Ich kannte ihn nicht, aber da er Geschenke brachte, war er willkommen. Meine Mutter geriet verständlicherweise etwas aus dem Konzept. Seitdem waren sie wieder zusammen, er und sie. Er lebte in Dresden. Samstags nach der Schule fuhren wir hin, mit dem Bummel- oder D-Zug, am Sonntagabend zurück; wir verbrachten die Ferien dort, Weihnachten und den Jahreswechsel. Es waren 100 Kilometer, und ich glaube, ich habe in den drei, vier Jahren, die die Beziehung dauerte, mein Lebenspensum an Bahnfahrten erfüllt.

Die Wohnung lag in einer stillen, mit Platanen bestandenen Straße der Neustadt. Sie war groß, dennoch gab es keinen Platz. Alles war vollgestellt, Staub lag auf den Möbeln. Eine alte Briefmarkensammlung, ein Grammophon, Bücher, eine Pfauenfeder. Ich war als Entdecker in eine unerforschte Höhle geraten und zerrte immer neue Schätze hervor. Ich kramte und stöberte und niemand hinderte mich. Natürlich wurde es mir bald zu eng, ich wollte nach draußen. Ich wurde ermahnt: nicht so weit! Und rannte los.

Einmal, und diese Erinnerung liegt so tief, dass sie einem Traum gleicht, kam ich auf meinen einsamen Streifzügen über den Bahnhof Neustadt zu einem Raum, der versteckt am hinteren Ausgang lag und sonst wohl verschlossen war, ich hatte ihn nie bemerkt. Der Raum war mannshoch geteert, darin lagerten russische Soldaten, der Geruch ihrer Uniformen drang bis nach draußen. Sie warteten, dunkel und dumpf, auf ihren Transport. Nach Hause?

Dann gab es das Kino Schauburg. Meine Favoriten waren die Olsenbande und Louis de Funès. Ich sah sie alle. Mehrfach.

Bereits auf dem Weg dahin, das Eintrittsgeld fest in der Faust, vorbei an einem Kohle- oder Kokshaufen vor dem Kino, der nie kleiner wurde, hüpfte mein Herz. Dann empfing mich der Saal, der Dreiklang des Gongs. Es wurde dunkler, dunkler ... In den Kindervorstellungen wurde jedesmal heftig geschrieen, wenn das Licht ausging. Angst und Lust mischten sich zu einer Spannung, die uns nur das Kino verhieß. Im Dunkeln, Kinder, wird´s was geben: Abenteuer.

Einmal spielten sie Das große Restaurant. Es kommt darin eine Hitler-Parodie vor. Während de Funès auf seine Angestellten einbrüllt, fällt ein Schatten, der ihm einen Scheitel auf die Glatze und ein Bärtchen ins Gesicht spielt. Alle älteren Erwachsenen, die mit mir im Kino saßen, lachten. Ich verstand nicht warum. Ich nehme diese Erinnerung noch heute als Beweis: Wir Schüler kannten kein Hitler-Bild.

Ein andermal spielten sie Die Olsenbande stellt die Weichen. Ich liebte diesen Film, sah ihn bestimmt zum dritten Mal. Ich saß auf dem Rang, kaum Leute sonst, in meiner Nähe ein älterer Mann. Irgendwann saß er plötzlich neben mir und streichelte mein Knie, aber gar nicht zärtlich, sondern roh und unsensibel, und fragte mich leise, ob das schön sei. Nein, das war nicht schön. Trotzdem wusste ich nicht, was ich antworten, was ich machen sollte. Nach einem Zögern, das ihn ermutigte, wusste ich nichts anderes als aufzustehen und hinauszugehen. Aber ich wollte den Film sehen! Also ging ich erstmal auf die Toilette, um zu überlegen, was zu machen sei. Als ich dort war, fiel mir ein, dass das vielleicht nicht der beste Ort war, ihm zu entkommen. Ich ging dann einfach zurück auf den Rang, setzte mich in eine andere Reihe, sah den Mann nicht mehr, mein zitterndes Knie beruhigte sich, und ich folgte weiter den Weichenstellereien der Olsenbande. War es nicht toll, dass der Kanzler der BRD, Helmut Schmidt, immer die Zigarre im Mund, neben seinen Regierungsgeschäften noch die Zeit fand, als Chef eines dänischen Gaunertrios raffinierte Pläne auszuhecken?

Lichtspiele. Jahre später, das Kind, das wir unterm Baum sahen, sitzt im Kino, und wieder hält es die Hand vor die Augen: um nicht sehen zu müssen, wie das Monster die Jungfrau frisst. Und dann spreizt es heimlich die Finger, um es doch zu sehen.

Wieder später, jetzt ein junger Mann, wird er dafür zu cool sein. Neben ihm sitzt eine Jungfrau. Der Junge will sie, fast wie das Monster, mit Haut und Haar. Trotzdem bringt er sie nach dem Kino brav bis zur Haustür, und es gelingt ihm fürs Erste auch nur ein ungeschickter, schneller Kuss.


00:00 14.05.2004

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