Schlafen

A–Z Der Mensch braucht seine Nachtruhe. Nur die Werbeindustrie schläft nie: Mit Spezialkissen, Pillen und Videos macht sie uns noch im unschuldigsten Zustand zur Zielgruppe
Redaktion | Ausgabe 09/2015 1

A

Arbeitsplatz Manch einer soll im Büro zum Schlafen unter den Schreibtisch kriechen, die Ausrede „Da war ein Kabel locker“ parat, falls der Chef reinkommt. In den USA erlauben viele Unternehmer ihren Mitarbeitern schon seit den 90ern ein Nickerchen. Studien beweisen auch, wie gesund das ist. Bei Google können die Angestellten in futuristische Kapselliegen steigen, auch der Remscheider Haustechnikhersteller Vaillant duldet den Powernap. Gewohnt effizient sind die Japaner: Sie trainieren Inemuri, was so viel heißt wie anwesend sein und schlafen. Gesellschaftlich ist das akzeptiert. Einzige Bedingung: aufrecht bleiben – und nicht schnarchen. Madeleine Richter

F

Folter Wie sich eine schlaflose Nacht anfühlt und wie zerknirscht man sich danach durch den Tag schleppt, hat bestimmt jeder schon mal erlebt. Mehrere Tage hintereinander setzt fehlender Schlaf dem menschlichen Körper sehr stark zu. Erschöpfung, Kopfschmerzen, sogar Denkstörungen können die Folge sein. Dauerhafter Schlafentzug ist also eine optimale Methode, um Menschen zu schwächen, körperlich wie geistig. So wurde und wird er immer wieder als Foltermethode eingesetzt, etwa um Leuten bestimmte Aussagen zu entlocken. Der Vorteil für die Peiniger: Weder die körperlichen noch die psychischen Schäden sind leicht nachzuweisen. Es sei denn, es kommen Wasser- und Nahrungsentzug hinzu, oder qualvolle Körperhaltungen. Solche Kombinationen sind etwa aus dem US-Gefangenenlager in Guantánamo bekannt. Der Schlafentzug wurde dort in vielen Varianten praktiziert, etwa mit veränderten und verkürzten Schlafphasen zu unterschiedlichen Tageszeiten (➝ Zeitverschiebungen). Katharina Finke

J

Jahreszeiten Sie beeinflussen den Schlafrhythmus fast so stark wie Tag und Nacht. Auffällig ist das in den gemäßigten Breiten bei Tieren, die Winterschlaf halten – beneidet von uns Menschen. Was für ein Leben, sich den wärmeren Teil des Jahres über fröhlich fett zu fressen und die kalten Monate zu verpennen, um im März schlank wieder aufzuwachen. Stattdessen nehmen wir im Winter zu. Anschließend eiern wir frühjahrsmüde durch die Gegend, weil sich der Hormonhaushalt umstellt. In Äquatornähe ist es etwas anders: Viele Tiere halten Sommerschlaf, um der Trockenheit zu entgehen, die Menschen verdösen die Mittagshitze bei der Siesta. Sophie Elmenthaler

K

Kapitalismus Raubt uns unser Wirtschaftssystem noch den letzten Schlaf? Die Statistiken sind uneindeutig. Nach Angaben des Schlafforschers Jürgen Zulley liegen die Deutschen heute durchschnittlich sieben Stunden im Bett – zwei Stunden länger als die Fabrikarbeiter in der Zeit der Industrialisierung. Jonathan Crary hingegen, Autor des Buchs Schlaflos im Spätkapitalismus, berichtet, dass ein erwachsener Nordamerikaner durchschnittlich sechseinhalb Stunden pro Nacht schlafe, während es um 1900 noch zehn Stunden gewesen seien. Crary sieht im Schlaf wegen dessen „prinzipieller Nutzlosigkeit und Passivität“ den „natürlichen Gegenspieler“ des Kapitalismus. Wobei der Nutzen durchaus da ist – nicht nur für das persönliche Wohlergehen, auch für die Regeneration der Arbeitskraft. Trotzdem ist der eine Teil der Gesellschaft hoffnungslos überarbeitet, und der andere Teil steht ohne Job da und hat schlaflose Nächte. Da hilft nur: Arbeitszeitverkürzung. Felix Werdermann

L

Labor Die Schlaflosen haben im Labor der Literatur eine lange Spur hinterlassen, als Somnambule: Schlafwandler und Streuner, die zwischen Tag- und Nachtlandschaften vagabundieren und sich mit dem Traumseligen (➝ Träume) und Dämonischen vermählen. Die Bürgergesellschaft hat den Nachtschlaf als notwendiges Übel kultiviert und sechs bis sieben Stunden verordnet. Doch es gibt Menschen, die wollen sich diesem Takt (➝ Kapitalismus) nicht fügen. Manche finden nächtens keine Ruhe, quälen und wälzen sich – mehr Frauen übrigens als Männer. Für sie gibt es das wissenschaftliche Schlaflabor. Dort werden Hirnströme, Augenbewegungen und Muskelaktivität beobachtet. Aus den „Sensationen der Nacht“ wird ein Schlafprofil erstellt, Grundlage für eine Therapie. Schlaf ist ein aktiver Prozess, und „Lernen im Schlaf“ nicht nur eine Redensart. Vor einer Entscheidung gilt völlig zu Recht: Noch mal darüber schlafen. Ulrike Baureithel

M

Marketing Beim Schlaf gibt es noch Spielraum zur Selbstoptimierung. Und so war und ist die – angebliche – Schlafkrise der Bevölkerung auch ein dankbares Thema für die Medien. Die Folge ist ein Boom, der sich unter Slogans wie „1.000 Tipps zum besseren Schlaf“ subsumieren lässt – und von der Werbung ordentlich befeuert wird. Im Schlaf schlummert ein gutes Geschäft: Etliche rezeptfreie Medikamente werden heute mit dem Versprechen auf ein sanfteres Wegdämmern und ein runderneuertes Erwachen beworben. Spezialkissen und -Unterlagen (➝ Matratze), die sich an Form und Gewicht des Schläfers anpassen – für Bauch-, Seiten- und Rückenschläfer gemacht –, kommen hinzu. So wird der Mensch selbst im unschuldig schlafenden Zustand zur Zielgruppe. Benjamin Knödler

Matratze Futon-, Kaltschaum-, Taschenfederkern-, Latex- oder Viscomatratze? Und das sind nur einige der Glaubensrichtungen, die es im horizontalen Sektor gibt. Selbstverständlich haben alle die Wahrheit für sich gepachtet: Gesund für den Rücken soll die Unterlage sein, langlebig und neuerdings auch nachhaltig. Man will ja mit gutem Gewissen in die Federn kriechen. Und trotzdem liegt man dann wohlgebettet wach, weil noch eine Frage auf der müden Haut brennt: Was gibt die Libido (➝ Sexsomnia) noch her auf einer Neunzonenkaltschaummatratze mit optimaler Punktelastizität? Jan Jasper Kosok

P

Pyjama Allein das Wort! Nur „Schlafanzug“ klingt noch bescheuerter. Welcher Mensch glaubt, ernst genommen zu werden, wenn er sich in Klamotten mit solch infantilen Namen schlafen legt? Macht man das aus Angst, das Bett zu beschmutzen? Wozu wurden Bettzeug und Laken und nicht zuletzt die Waschmaschine erfunden? Oder ist es Scham? Dafür gibt’s getrennte Zimmer! Was kann schöner sein, als sich nackt in die Decke zu kuscheln und zu spüren, wie sie warm wird? Nackt schlafen soll auch gesünder und erholsamer sein – aber das sind Argumente für Pyjamaleute. Tobias Prüwer

S

Sexsomnia Wir kennen das Schlafwandeln, aus Filmen und Büchern, vielleicht sogar aus dem echten Leben. Auch Menschen, die im Schlaf sprechen, lachen oder weinen, sind den meisten schon begegnet. Ein Prozent der Weltbevölkerung ist zudem von dem ganz erstaunlichen Phänomen Sexsomnia betroffen: einer Schlafstörung, die zu unbewusstem Sexualverhalten führt. Ob Masturbation oder Beischlaf mit dem Menschen, der gerade neben einem liegt: Der Betroffene kann sich am nächsten Morgen nicht an seine Aktivitäten erinnern. Was unglaublich klingt, ist manchmal alles andere als lustig. Im besten Fall ist das verführte Gegenüber belustigt über die Gedächtnislücke des Liebhabers. Im schlimmsten Fall kann es zum Vorwurf einer Vergewaltigung kommen, es gibt dokumentierte Fälle mit juristischem Nachspiel. Verantwortlich ist eine erhöhte Aktivität des Gyrus postcentralis, eines Teils des Großhirns, der sich auf die mechanische Wahrnehmung auswirkt. Das Verhalten setzt in der Non-REM-Schlafphase ein, in der auch Bedürfnisse nach Toilettengang oder Nahrungsaufnahme auftreten. Drogen, Alkohol, Erschöpfung und Stress verstärken die Veranlagung. Sophia Hoffmann

Strahlung Für unsere bald vierköpfige Familie brauchen wir ein größeres Bett. Aus Holz soll es sein – und diesmal ganz metallfrei, ohne Schraubverbindungen oder Eisenstreben. Denn wir glauben, dass ein metallfreies Bett verhindert, dass die Erdstrahlung weitergeleitet wird, die den Schlaf stört oder krank macht. Einige Verkäufer schmunzeln darüber. Sie versuchen uns zu bekehren oder gar einen per Motor verstellbaren Lattenrost zu verkaufen. Dabei sind metallfreie Betten keine Seltenheit und – fragt man Schreiner – nicht ungewöhnlich. Was wir noch gelernt haben: Ein Federkern (➝ Matratze) wäre noch viel schlimmer in Sachen Strahlenübertragung. Barbara Herzog

T

Träume Schon immer waren Träume ein mysteriöser Gegenstand des Forschungsinteresses, denn man kann sie nicht sehen, kann ihr Auftreten nur über die Messung von Hirnströmen beobachten und weitere Informationen nur über – nicht immer verlässliche – Erinnerungen erhalten. Sigmund Freud deutete sie um 1900 unter anderem als Wunscherfüller. Für die moderne Traumforschung ist sein psychoanalytischer Ansatz immer noch bedeutsam, auch wenn inzwischen andere Hypothesen aufgestellt werden. So weiß man heute, dass Träume in allen Phasen des Schlafes möglich sind, nicht nur in der REM-Phase, die etwa 25 Prozent des Schlafes ausmacht. Träume der Non-REM-Phasen haben oft einen stärkeren Bezug zur Realität, während die REM-Träume meist abstrakter ausfallen. Dominierend sind dabei visuelle Eindrücke, die oft in Verbindung mit Resten von Erinnerungen an die vergangenen Tage stehen. Das Erlebte wird kreativ verarbeitet. Träume sind also wichtig für unsere psychologische – und auch physiologische – Gesundheit. Milena Fee Hassenkamp

U

Übungen Lange verband ich autogenes Training mit esoterischer Weltfremdheit und kruder Küchenpsychologie, geprägt durch eine Lehrerin, die an unserer Schule für zwei Dinge bekannt war: ihre unglaublich großen Brüste und ihren Hang zu Entspannungstechniken, die meist mit Anekdoten über ihr Pferd endeten. Von ihrem Unterricht sind mir vor allem die Lachanfälle – bei uns Schülern – in Erinnerung. 15 Jahre später entdeckte ich bei Youtube ein Video mit autogenen „Wärmeübungen“ zum Einschlafen. Leise Glockenschläge und unerträglich sanfte Stimmen, die über den Himmel sprachen: Ich wollte wieder lachen. Stattdessen schlief ich ein, so tief wie schon seit Wochen nicht mehr. Juliane Löffler

Z

Zeitverschiebungen Solange wir unserem Organismus einen regelmäßigen Rhythmus bieten, läuft er wie eine gut geölte Maschine. Wer selbst an arbeitsfreien Tagen immer eine Minute vor der üblichen Weckzeit aufwacht, weiß das nur zu gut. Verwirrt man den Rhythmus mit einem Langstreckenflug in eine andere Zeitzone, wird man mit einem Jetlag, anstrengendem Umgewöhnen, nicht unter einem Tag bestraft. Ähnlich ist es bei Schichtarbeit: Der Wechsel von Tag- und Nachtarbeit verlangt dem Körper eine enorme Flexibilität ab. Die innere Uhr steuert dagegen, immer nur dann zu schlafen, wenn es gerade gefragt ist ( Kapitalismus). Da helfen oft nicht mal Schlafbrille und Jalousien. Jutta Zeise

06:00 11.03.2015

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