Schlafen im Kühlfach

Nachtlager "Übernachten an ungewöhnlichen Orten", Teil 3: Eine Nacht im Iglu erlebt man am besten zu zweit. Nicht wegen der Kälte, sondern wegen der Angst vor dem eigenen Herzschlag

Jetzt haben wir, was uns versprochen wurde - absolute Stille! Doch statt eines verzaubernd lautlosen Nichts' hört man das irritierende Pochen des eigenen Herzens. Über unserem Nachtlager wölbt sich ein Firmament aus gespenstisch schimmerndem Eis. So geräumig die froststarrende Kuppel auch ist – man fühlt sich beengt, gefangen, fast begraben.

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Dennoch war das Leben im Eis für die Bewohner gemäßigter Zonen immer schon ein Faszinosum, das sich im Zeitalter der Klimaerwärmung eher noch verstärken dürfte. Zudem ist das Iglu die konsequenteste Antwort auf jenen Erlebnisverlust, den der Siegeszug des 'internationalen Standards' mit sich bringt: Die globalisierte Hotellerie überschüttet den Gast nun an jedem Ort der Erde mit wohlvertrautem Komfort, lässt ihn dafür aber ohne bleibende Erinnerung nach Hause zurück fahren.

Die Nachfrage ist dementsprechend riesig, die Wochenendtermine sind bei Saisonbeginn längst ausgebucht. Allein in der Schweiz genehmigen sich jedes Jahr 10.000 Menschen eine Auszeit im Eis. Der durchschnittliche Freizeit-Inuit ist zwischen zwanzig und dreißig Jahre alt und kommt in aller Regel zu zweit. Zwei Drittel der Buchungen für ein Zweieriglu werden von weiblicher Seite vorgenommen.

Angefangen hat alles mit einem Snowboardfreak namens Adrian Günter. Um morgens als erster auf der Piste zu sein, hatte er sich Mitte der Neunziger Jahre ein Iglu im Skigebiet von Scuol (Graubünden) gebaut, ein Stück oberhalb der 2200 Meter hoch gelegenen Bergstation. Das große Interesse, das sein Domizil bei Wintersportlern erregte, brachte ihn bald auf die Geschäftsidee, die sein weiteres Leben bestimmen sollte. In den ersten Jahren noch als Phantast abgetan, hat der gebürtige Berner jetzt den Swiss Economic Award erhalten, die höchste Schweizer Auszeichnung für innovative Jungunternehmer. Schneeunterkünfte konstruiert Günters Iglu-Dorf GmbH mittlerweile nicht nur an vier Orten in der Schweiz, sondern auch auf dem Zugspitzplatt und – ab dieser Saison – in den Pyrenäen. An all diesen Orten werden die Iglu-Bauer von Tourismusorganisationen und Bergbahngesellschaften tatkräftig unterstützt - durch Versorgung mit Strom, kostenlose Pistenraupeneinsätze und Marketing-Aktivitäten.

Eine Eis-Bar mit dem Nötigsten: Flachmann, Fisherman's Friend, Verhüterli

Wer beim Wort Iglu-Dorf eine Ansammlung von Rundbauten erwartet, erlebt allerdings eine Überraschung: Das moderne Iglu ist ein unförmigen Schneehügel mit mehreren Eingängen und einem Röhrensystem, das eine Vielzahl von Einzelräumen miteinander verbindet. Betritt man das Labyrinth, so fühlt man sich abwechselnd an eine Zivilschutzanlage und an eine Neandertalerbehausung erinnert. Ansatzweise behaglich wirken allein die geräumigen Schlafkammern der so genannten Romantik-Iglus. Sanfter Kerzenschein fällt hier auf das mit Schaffellen ausgelegte Luftbett, an dessen Ende zwei aufgerollte Expeditionsschlafsäcke liegen. Daneben eine kleine Eis-Bar mit dem Nötigsten – einem Flachmann mit Wodka, einer Tüte Fisherman's Friend und einem Päckchen Verhüterli.

Charme erhält das ungewöhnliche Liebesnest durch die Eisfiguren, die die Wände zieren. Adrian Günter lässt schon mal einen Inuit-Künstler aus Kanada einfliegen, der das vergängliche Bauwerk mit Motorsäge, Hobel und Schaufel in einen prachtvollen Eis-Palast verwandelt. Während die Aufenthaltsräume mit unterschiedlichsten Ornamenten und Skulpturen verziert sind, finden sich in den Zweier-Schlafkammern zumeist Glücks- und Liebes-Symbole. Und das kommt bei der Kundschaft an. Eindeutiger Verkaufsschlager ist das Iglu mit dem eingravierten Riesen-Herz – zugeschnitten auf Hochzeitsnacht, Valentinstag und frisch Verliebte.

Ansprechendes Design ist freilich nicht alles. Auch im Iglu geht der Trend zu mehr Luxus. Den Kundenwünschen folgend, werden in den Schneedörfern von Gstaad und Zermatt nun 'Romantik Iglu Suiten' angeboten. Sie bestehen aus drei Einzelelementen - einem Schlafraum, einer separaten Toilette und einem ebenso privaten Whirlpool. Kostenpunkt: 339 Euro pro Person und Nacht am Wochenende, dreißig Euro weniger an den anderen Tagen.

Früher war das alles noch Handarbeit

Die aufwändige Bautechnik der ersten Jahre wird allerdings nicht mehr verwendet. Damals wurden noch Eisquader ausgesägt und in Handarbeit kunstfertig aufeinander getürmt. Heute kommt die von Adrian Günter entwickelte und patentierte 'Iglu-Bauvorrichtung' zum Einsatz. Sie besteht aus dickwandigen Gummiballons, die aufgeblasen und mit Hilfe einer Schneefräse eingeschneit werden. Herbeigeschafft wird die weiße Geschäftsgrundlage mit dem Pistenbully oder mit der Propeller-Schneekanone. Pro Dorf und Saison werden rund 3000 Tonnen Schnee bewegt.

Wer will, kann darin einen Widerspruch sehen: Die Rückkehr zum einfachen Leben im Eis wird mit viel High-Tech geebnet. Und sie findet inmitten technikstrotzender Skigebiete statt, in denen der Schnee längst per Knopfdruck hergestellt wird. Irgendwo brummt hier immer eine Maschine, auch abends, wenn man die Farbenspiele des alpinen Sonnenuntergangs genießen will. Dann nämlich schwärmen die Pistenraupen aus, um die Pisten für den nächsten Skitag zu präparieren.

Morgens brummt dann auch noch die Kaffeemaschine - im Selbstbedienungsrestaurant der nahen Bergstation, wo das Frühstück eingenommen wird. Nachts bleibt man von den Schrecknissen der Zivilisation aber tatsächlich verschont - dann, wenn es in den Schlafkammern atemberaubend still wird und sich die ermatteten Körper von einer Seite auf die andere drehen - schlaflos wegen der ungewohnten Höhe und ein wenig auch, weil man sich fühlt, als wäre man in ein Eisfach gesperrt.

Haben Sie schon einmal (freiweillig oder unfreiwiliig) an einem ungewöhnlichen Ort übernachtet? Dann schreiben Sie uns doch hier ihr Erlebnis auf! Bitte nutzen Sie dafür die Kommentarfunktion.

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13:50 02.03.2009

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