Schluss mit lustig

Medientagebuch Unten ist, wenn man trotzdem lacht: Was die Kritik an Mario Barth erzählt

Es ist nun fast einen Monat her, aber noch immer stehen wir derart unter dem Eindruck des Sturms im Wasserglas der Edelfeuilletons, dass wir nicht aufhören können, wieder und wieder ins Auge dieses Orkans zu schauen, der über ein grässliches mediales Monster hinweggeweht ist. Gegen das scheußliche Ungetüm und seine Anhänger hagelte es aufklärerische Brandreden: Es handele sich um die "durchschnittlichste Dauerwurst Deutschlands", die das "kleinbürgerliche Lachvolk" (Spiegel-Online) unterhalte.

Es geht also, man ahnt es, um Mario Barth, den derzeit erfolgreichsten deutschsprachigen Comedian, der Mitte Juli zum Abschluss seiner Tournee "Männer sind primitiv, aber glücklich!" das Berliner Olympiastadion mit 70.000 Menschen gefüllt hat. Schon bei der Ankündigung dieses Weltrekords stand das Verdikt über den Berliner Spaßmacher fest; es gewann nur noch an Renitenz. Bei Barths Humor, der ohnehin keiner sei, da er jeglichen Witzes entbehre und der "deutschen Spießerseele" nur Anlass böte, einmal "ordentlich die Sau rauszulassen" (Spiegel-Online), gehe es "darum, sich selbst zu überhöhen und andere niederzumachen", kurz um "Ausgrenzung" (taz). Harsche Urteile für einen Mann, der sein Publikum vor allem mit belanglosen Erzählungen aus seinem belanglosen Leben und nachgemachten Furzgeräuschen amüsiert. Auffälligerweise wirken die Kommentare ungewöhnlich feindselig und alarmistisch. Man musste sich wundern, dass bei all der Attestierung regressiver Massenbegeisterung zum Auftritt im 1936 eröffneten Olympiastadion keine anderen Vergleiche herangezerrt wurden, denen die Frankfurter Rundschau mit der Bezeichnung des Publikums als "gleichgeschaltetes" immerhin recht nahe kam.

Woher kommt diese scharfzüngige Medienkritik, in der das informierte Zitieren aus Elias Canettis Masse und Macht nicht fehlen darf? Der bissige Duktus der meisten Kommentare wirkt gerade so, als hätten die Autoren in den fulminant-fundamentalen Kulturindustrie-Kritiken von Adorno und Horkheimer gesucht, um diese gegen Barth in Stellung zu bringen. Immerhin war die Kritische Theorie in der Medienberichterstattung etwas aus der Mode gekommen, da man sich mit den gewichtigen Diagnosen, wie es der Medienprofessor Peter Glotz einst ausdrückte, vor allem eine "lebenslange Neurose" einhandelte.

Polemik im Gleichschritt ist aber keine. Das könnte man auch von Adorno lernen. Und so entpuppt sich die feuilletonistische Verachtung des "Zeremonienmeisters des Prekariats", beziehungsweise des "Kollateralschadens der Demokratie" (Der Spiegel) als hypokritische Abgrenzung der Hohepriester der Hochkultur von den Massen.

Barths primitive Geschichten haben keinen Witz, sondern unterhielten das verrohte Publikum lediglich durch ihren Wiedererkennungswert, argumentierten gerade jene bürgerlichen Räsonierer, die Harald Schmidt jahrelang lustig fanden, weil er aus dem Programm des Berliner Ensemble vorlesen konnte oder das Literarische Quartett nachspielte. Die Anklage, der Berliner Witzbold sei frei von jedem Funken Subversion, wirkt auffällig gespreizt, wenn man bedenkt, dass die als subversiv gehandelten Kabarettisten und Kleinkünstler seit Jahren zumeist handzahme Mundreichungen für sozialdemokratisch gestimmte Lehrer produzieren.

So spricht aus dem distinguierenden Blick nach unten nichts anderes als die dünkelhafte Rache für die Dürftigkeit der eigenen Kulturprodukte, was ironischerweise jenem Mechanismus entspricht, der Barth oftmals vorgehalten wird. Dabei gibt man sich alle Mühe den "entfesselten Spießer" genau dort zu fixieren, wo man ihn gerne hat: im Bodensatz der holzenden Chauvi-Prolls. Als der gelernte Elektriker Barth in einem Spiegel-Interview über sein Verhältnis zu Geld zu erzählen begann, unterbrach der Fragensteller nonchalant: "Ein anderes Thema: Beobachten Sie Frauen beim Autofahren?"

Von Adorno, der entgegen der landläufigen Meinung nicht massenverachtend war, könnten seine momentanen Widergänger etwas anderes über sich erfahren. Die Analyse ist so passend, dass wir sie ausgiebig zitieren möchten: "Leichte Kunst als solche, Zerstreuung ist keine Verfallsform. [...] Die Reinheit der bürgerlichen Kunst [...] war von Anbeginn mit dem Ausschluss der Unterklasse erkauft. Ernste Kunst hat jenen sich verweigert, denen Not und Druck des Daseins den Ernst zum Hohn macht und die froh sein müssen, wenn sie die Zeit, die sie nicht am Triebrad stehen, dazu benutzen können, sich treiben zu lassen. Leichte Kunst hat die autonome als Schatten begleitet. Sie ist das gesellschaftlich schlechte Gewissen der ernsten."

Ob dieses schlechte Gewissen insgeheim den Tross der Kritiker von Mario Barth plagt, sei dahingestellt. Tatsächlich aber ist Mario Barth bei denen, die unten stehen, so beliebt, weil er als "einer von uns" zu erkennen ist und aus "unserer" Welt erzählt. Dass diese Welt so armselig ist, spricht eher Wahrheit über jene aus, die sich partout von ihr abzugrenzen wünschen.

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