Schmuggel statt Asyl

Griechenland Im Flüchtlingscamp Softex blühen Schattenwirtschaft und Schwarzhandel. Wächter und Grenzbeamte verdienen mit

Yassir ist Zigarettenhändler, so weit, so gewöhnlich. Doch der Standort für sein Gewerbe ist das Flüchtlingslager Softex in Nordgriechenland. Das heißt, vor Yassirs weißem Wohncontainer, in dem er lebt, steht ein umgedrehter Pappkarton, auf dem er Zigarettenschachteln verschiedener Marken platziert, wodurch ein kleiner Marktstand entsteht. Andere Camp-Bewohner kommen vorbei und zeigen auf die eine oder andere Schachtel. Zwei Euro sind in der Regel fällig. Wie kann die Ware so billig sein? In Griechenland kosten Zigaretten in dieser Menge mindestens vier Euro. „Ich kaufe sie drüben in Mazedonien“, erzählt Yassir, der vor zwei Jahren aus Syrien geflüchtet ist, seither in Griechenland festsitzt und darauf wartet, zu seiner Familie in Deutschland stoßen zu können. Nächster Transitstaat wäre für ihn Mazedonien, aber das hält seine Grenzen gesperrt, es ist das erste Land auf der geschlossenen Balkanroute. Illegale Grenzübertritte sind keine Seltenheit und werden schwer geahndet. Wer es versucht, kommt oft mit erheblichen Blessuren, ohne Geld und Papiere nach Griechenland zurück. Wie also kann Yassir einfach so nach Mazedonien, um Ware einzukaufen? „Mit dem Taxi“, erzählt er. „Ich fahre jede Woche. Die Grenzbeamten kennen mich schon. Ich zahle ihnen jedes Mal hundert Euro, damit sie mich passieren lassen. Und noch mal hundert für die Rückkehr. Fünf dieser Kartons erwerbe ich auf der anderen Seite“, er zeigt auf ein Exemplar, das ihm als Ladentheke dient.

Das Camp Softex liegt mitten in der Industriezone von Thessaloniki, auf dem Gelände einer einstigen Fabrik für Toilettenpapier, deren Werkhalle als Beton-Skelett in den Himmel ragt. Im Vorjahr, als hier noch 4.000 Menschen lebten, waren dort die eng an eng stehenden Zelte hart umkämpft. Wer verlor, musste mit seinem Zeug in die pralle Sonne ausweichen und überleben. Mittlerweile wurden die Zelte für die verbliebenen 400 Bewohner durch Wohncontainer ersetzt. Sie stehen auf grobem Schotter, aneinandergereiht wie Dominosteine. Die bunte Wäsche auf den Leinen überall ist der einzige Farbkontrast in ansonsten trostlos grauer Umgebung. Viele Menschen sind nicht zu sehen, nur um Yassirs Zigarettenstand sammelt sich eine kleine Gruppe.

Tatsächlich ist der Verkauf von Ware aus Mazedonien in griechischen Camps kein neues Phänomen. Schon in Idomeni, dem größten inoffiziellen Flüchtlingslager direkt am mazedonischen Grenzzaun, schafften es Zigaretten irgendwie über die Demarkationslinie. Im Mai 2016 wurde Idomeni, das für unzumutbare Bedingungen fast berüchtigt war, geräumt und durch Camps wie Softex ersetzt. Hier haben Militärs die Aufsicht, verteilen Essen und bewachen den Zugang. Außer den Bewohnern dürfen nur offiziell registrierte Nichtregierungsorganisationen (NGOs) das Gelände betreten, nicht aber die Presse. In diesen Anlagen sollen die Flüchtlinge nicht nur besser behandelt, sondern registriert und beherbergt werden, bis ihre Verfahren abgeschlossen sind. Ahmad, der ebenfalls in Softex ausharrt, erzählt, er sei mit dem Versprechen aus Idomeni gelockt worden, in den neuen Lagern werde alles leichter sein. „Doch das erwies sich als Lüge, es wurde alles eher schlimmer und das Warten unerträglicher.“ Tatsächlich werden diese Unterkünfte heute medial kaum mehr wahrgenommen. Mehr als 60.000 Menschen, die auf diese Weise in Griechenland strandeten, wurden unsichtbar gemacht.

Teppiche aus Aleppo

Wer die Militärcamps meiden will, dem bleibt oft nichts anderes übrig, als auf der Straße zu leben. Um dieser Not zu begegnen, eröffnete schon Ende 2015 das Wohnprojekt Orfanotrofeio im Herzen Thessalonikis. Griechische Aktivistinnen hatten ein leer stehendes Waisenhaus besetzt und es für Geflüchtete wie Freiwillige gleichermaßen geöffnet. Die daraus entstandene Gemeinschaft renovierte das Areal, baute eine Küche und sorgte für häufige Veranstaltungen. Orfanotrofeio wurde so zum selbstverwalteten Zuhause für etwa 50 Menschen. Dank der Hilfe aus der griechischen Nachbarschaft und von Aktivisten aus der ganzen Stadt überlebte das Projekt ganze sieben Monate, bis das Gebäude schließlich von der Polizei gewaltsam geräumt und danach abgerissen wurde. Die offizielle Begründung, die hygienischen Zustände seien gesundheitsschädigend, war vorgeschoben. Warum sonst wurden viele der Bewohner wegen illegaler Hausbesetzung und fehlender Papiere abgeschoben? „Die Polizei wollte die Kontrolle zurück und die selbstbestimmten Strukturen zerstören, die dort zu wachsen begannen“, glaubt Mira, eine deutsche Aktivistin. Wenn Projekte wie das selbstverwaltete Orfanotrofeio wie ein Gesetzesverstoß behandelt und geahndet werden, dann bleiben Unterkünfte wie Softex letztlich die einzigen Orte, an denen Flüchtende nicht kriminalisiert werden.

Doch macht sich auch in diesen Camps längst eine Eigendynamik bemerkbar, weil sie nicht in dem Maße abgeriegelt sind, wie das den Anschein hat. Der hohe Stacheldrahtzaun, der das Gelände umgibt, hat zur Straße hin ein großes Loch. Kaum möglich, dass dies noch nicht aufgefallen ist. Die griechischen Militärs halten sich in Containern am Eingang auf, scheinen sich aber sonst um wenig zu kümmern. Und so wird diese Bresche von Bewohnern des Camps, von Putzkräften, Freiwilligen der NGOs und Schwarzhändlern gleichermaßen genutzt.

Es mag im Lageralltag an Beschäftigung und Geld fehlen, nicht aber an Kreativität. So sind Parallelstrukturen zu den Angeboten draußen vor der Tür entstanden – Imbissstände, Friseure, kleine Läden oder Yassirs Zigarettenhandel. Selbst Flüchtlinge, die nicht in Softex leben, kommen hierher, um einzukaufen. Weil die Dienstleistungen des Lagers und die Produkte aus Mazedonien billig zu haben sind, lohnt sich das. Doch kann sich auch ein Markt für Drogen und Prostitution ausbreiten.

Während sich Flüchtlinge aus Syrien und dem Irak relativ sicher sein können, irgendwann in ein anderes EU-Land weiterreisen und dort einen Asylantrag stellen zu können, besteht diese Hoffnung bei allen anderen Nationalitäten kaum, seien es Marokkaner, Algerier oder Afghanen. Laut der Internationalen Organisation für Migration liegt ihre Ablehnungsrate bei 98 Prozent. Von den Vereinten Nationen bekommen sie zwar 90 Euro Unterstützung im Monat, nur reicht das kaum zum Leben. Um über die Runden zu kommen, ist die einzige Option oft ein Schattendasein als Schwarzhändler: eine Gratwanderung an der Grenze zur Kriminalität, wenn es auf Drogendeals hinausläuft, oder ein Bruch mit der persönlichen Würde, wenn nur der Verkauf des eigenen Körpers bleibt. Wen es betrifft, der liefert ein Beispiel dafür, wie Menschen durch das Grenzregime der EU und die Alternativlosigkeit des Lagers gezwungen werden, sich selbst zu schaden.

Auch an Yassirs Pappstand mit der Zigarettenauswahl werden letztlich illegale Geschäfte abgewickelt. Bedrückt erzählt er, einst in Aleppo Textilhändler gewesen zu sein. Er habe in Syrien weben lassen und bis nach Belgien verkauft. Er habe seine Kunden besucht und kenne Westeuropa. Erst seit er flüchten musste, sei ihm das alles versperrt und er zum Straßenhändler degradiert. Aber er brauche Geld für seine Familie und müsse sich beschäftigen. Missmutig zeigt er auf seine Zigarettenmarken und zuckt mit den Schultern. „Das ist doch nicht gut.“ Die Wachsoldaten des Camps verdienen an Leuten wie ihm. Er ist ihr Klient und zahlt für die ihm gewährten kleinen Freiheiten. „Mit Geld geht hier alles“, lächelt Yassir.

Vorwürfe, dass sich griechisches Personal bereichert, gibt es nicht nur in Softex. In Nea Kavala, einem anderen Lager weiter nördlich, soll das Catering vom Unternehmen eines Familienmitglieds des Kommandanten übernommen worden sein. Doch die Vorwürfe hören nicht bei Vetternwirtschaft auf. Einem Insider zufolge werde die Anzahl der im Camp lebenden Menschen dauerhaft überhöht. So kann das Catering-Unternehmen fast doppelt so viele Mahlzeiten liefern, wie gebraucht werden – und ein ganz ordentliches Geschäft machen.

400 Euro bis Serbien

Jedes Mal, wenn Yassir von Griechenland nach Mazedonien fährt, trinkt er mit den Grenzbeamten einen Kaffee und raucht eine Zigarette. Solange sie von Yassir Geld bekommen, wäre es ihnen egal, würde er eines Tages nicht mehr zurück nach Griechenland fahren, sondern weiter nach Zentraleuropa. Die Weiterfahrt kann käuflich erworben werden. Es heißt, Menschenhändler würden Grenzbeamte bestechen, um Flüchtende über die Grenze zu bringen. 400 Euro koste der Transit nach Serbien; 3.000 Euro müsse aufbringen, wer im Flugzeug nach Deutschland sitzen wolle. So funktionieren Fluchten in Abhängigkeit vom Zahlungsvermögen, nicht von der Schutzbedürftigkeit.

Die griechischen Militärcamps werden mehr und mehr zu wirtschaftlichen Mikrokosmen mit eigenen Märkten. Mit einiger Kreativität werden Geschäftsideen aus der Not heraus geboren, zumeist informell, teils auch illegal. Menschen wie Yassir nehmen es trotzdem selbst in die Hand, ihrem Schicksal nicht ausgeliefert zu sein. Tatsächlich aber sieht die Organisation der Camps in Griechenland diese Art von Selbstbestimmung nicht vor.

06:00 14.06.2017

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