Schreiben für die Freiheit

Geschichtsbücher Neues über Deutschland in Büchern von Sebstian Haffner und Julius Posener

Als der Erzähler von F.C.Delius Roman Der Königsmacher die Vermarktungskapazitäten der Marke Preußen entdeckt, stellt er in einer Talkshow die These auf: "Preußen, das ist ein Widerspruch in sich. Bis etwa 1815 ein progressiver Staat, danach ein reaktionärer." Die These hat er bei Sebastian Haffner geklaut. Das Preußenjahr ist inzwischen vorbei, aber Haffner hat mindest eben solches Vermarktungspotential. Und auch er ist ein progressiv-reaktionärer Widerspruch in sich. Jedenfalls scheint es so, wenn man sich die Reaktionen auf ihn ansieht. Kalt gelassen hat er kaum jemanden. Und das nicht erst, seit seine Anmerkungen zu Hitler 1978 zum Bestseller wurden. Einige haben offenbar einen solchen Furor bewahrt, dass sie, als postum seine Geschichte eines Deutschen erschien und Bestseller wurde (Freitag 42/2000), ihm mehr reflexartig als reflektiert, Fälschung, nämlich Prophetie ex post vorwarfen. Das endete kläglich. Ein Gutachten des Bundeskriminalamts hat die Vorwürfe entkräftet.(Freitag 38/2001).

Seither läuft die Haffner-Welle gewissermaßen im Fortschwung der Preußen-Welle, zu deren Muster seine Preußenbücher ohnehin bestens passen: Das gute Preußen einerseits, das böse andererseits (Preußen ohne Legende, Preußische Profile, Von Bismarck zu Hitler). Denn wo links und rechts, grün und gelb so recht nicht mehr zu unterscheiden sind, wo Partykultur und Amtsausbeutung, Staatsräson und law and order quer durch die Parteien sich verwerfen, wo Journalisten zwischen FR und Welt, vom Freitag zum Parlament wechseln oder FAZ und SZ ihre Stämme tauschen, Journalisten zu Politikern und Politiker zu Journalisten werden können, da herrscht Bedarf an neuen Orientierungsmustern. Wo nicht mehr Strukturen, Schichten und Lager die Verhältnisse zu rahmen scheinen, da starrt man, um Halt zu finden, auf Vorbilder. Da gewinnen öffentliche Figuren, die in ihren Widersprüchen zugleich solitär und groß erscheinen, erheblich an Faszination. Man erhebt sich selbst an ihnen.

Ob allerdings Haffner nun gerade dazu taugt, steht noch zu prüfen an. Gewiss, er hat in seiner Biographie von Churchill, zuerst 1967 bei Rowohlt erschienen und nun bei Kindler neu aufgelegt, nicht wenig von sich selbst preisgegeben. Churchills Brillanz und Machtgespür, seine Starrköpfigkeit und Arroganz, seine Bulligkeit und Sensibilität, auch sein Wechsel der Positionen und Haltungen, alles das war ihm selbst nicht fremd, hielt es sich wohl auch zugute. Denn wenn Schwächen, waren es immerhin die eigenen.

Nachdem er 1933 auf juristische Beschäftigung im Staatsdienst verzichtet, sich zunächst noch eine Weile als Redakteur bei der Neuen Modenwelt in Deutschland einzurichten versucht hatte, war Haffner, weil seine jüdische Freundin ein Kind von ihm erwartete, mit ihr Sommer 1938 nach England emigriert. Dort schlug er sich zunächst eben so durch, wurde zweimal interniert, machte dann aber beim Observer vor allem als Kommentator Karriere, ein Kollege unter anderem von Isaac Deutscher, Arthur Koestler und George Orwell. Auch diese Texte der Jahre 1942 bis 1949 sind nun im Buch gesammelt. Sie waren, so der Titel, zweifellos Schreiben für die Freiheit. Sie sind bestechend in ihrer Schärfe, aber man kann nicht sagen, dass sie immer sehr prophetisch waren. Seine Mutmaßungen, was nun aus Deutschland werden müsse, sind kaum zutreffender als die anderer Autoren damals. Wie überhaupt seine späteren Prognosen, etwa die von 1983, dass eine deutsche Vereinigung nur "im Massengrab" stattfinden könne, nicht präziser waren als das ringsum.

Doch nicht auf Prophetie, sondern auf der Scharfzüngigkeit seiner Diagnosen gründete seine Autorität und deren Provokationskraft. Diese Diagnosen, so sehr man sie zeitgenössisch als genuin politische las, diese Prognosen waren in ihrer Pointiertheit und Prägnanz viel mehr ästhetisch bestimmt, entstammten irrlichternder Aufmerksamkeit, Lust am Spiel und reizbarem Gespür für Stil.

Wollte man seinen abrupten Wechsel vom unversöhnlichen Antikommunisten zum Sympathisanten der Studentenbewegung, von der Welt zum Stern, wollte man seine harsche Kritik an der Sozialdemokratie wegen ihrer Haltung 1918/19 oder seine späte Skepsis gegenüber der deutschen Vereinigung vor allem dieser ästhetisch-stilistisch grundierten Geistesgegenwart zugute halten, man würde ihm wahrscheinlich weniger ungerecht als im Versuch, ihn als zunächst konservativen, aber spät - und deshalb um so überzeugenderen - nach links bekehrten politischen Kopf zu verehren.

Uwe Soukup, der sich zuvor schon um Wiederauflagen von Haffners "linken" Werken verdient gemacht hatte, hat nun in ausführlicher Einarbeitung von autobiographischen Schriften und Interviews, ergänzt um bisher unbekannte Materialien vor allem zur Exil-Zeit, Haffners Weg zurück nach Deutschland und ihn als ebenso streitbaren Deutschen wie strikten Anti-Nationalisten dargestellt. Soukup macht kein Hehl daraus, dass er in Haffner eben den linken politischen Levitenleser verehrt. Das bringt ihn zwar immer wieder in ehrfürchtige Nachsicht (und Nachschrift) und enthält damit Haffners Biographie die Komplexität vor, die die reale Person ausgezeichnet haben muss. Aber nützlich ist die Biographie in jedem Falle - ob nun mit dem oder gegen den Strich. Zudem: Wie immer man Haffner liest, als den idiosynkratischen Widerspruchsgeist oder als den politischen Propheten, dass er eine andere Statur hat als das, was sich im Politischen so bietet, scheint außer Frage. Ebenso aber, dass man, nimmt man Maß an ihm, an Statur nur gewinnen kann. Auch wenn das für politische Prognosen wie publizistische Diagnosen allein nicht ausreichen dürfte.

Das gibt Gelegenheit, auf ein Buch hinzuweisen, das, ginge es irgend mit (ge)rechten Dingen zu, einen ähnlichen Erfolg haben müßte wie Haffners Geschichte eines Deutschen. Es ist die Wiederauflage eines 1947 in Jerusalem erschienen Berichts aus dem Deutschland der Jahre 1945/46. Ihn hatte der exilierte Architekt und spätere große, alte Herr der deutschen Architekturgeschichte, Julius Posener, über seine Wahrnehmungen und Erfahrungen als britischer Offizier im unmittelbaren Nachkriegsdeutschland für seine Freunde in Palästina geschrieben. Distanziert nach Themen geordnet - Die Leute, Kollektivschuld, Reeducation und Denazifizierung, Politik, Verwaltung, Gewerkschaften etc. - und mit einem Appendix zu den jüdischen Gemeinden versehen, ist der Bericht gerade in seinem nüchternen, knappen, bisweilen sarkastischen Duktus eine besonders beeindruckende, blitzartig jene Jahre in ihren Konturen schärfende Skizzensammlung. Man ist geneigt, am Stück daraus zitieren zu wollen, gerade weil Posener unbestechlich nach beiden Seiten zu sein versucht. Er notiert, dass im Ruhrgebiet 20 Prozent des Industriepotentials, aber 80 Prozent der Wohnungen, in den Kasernen wundersam die Garagen, nicht aber die Unterkünfte zerstört wurden. Er notiert allenthalben gehörte Geschichten von plündernden und vergewaltigenden russischen Zwangsarbeitern und dass die Deutschen es für "die vornehmste Aufgabe" der Briten ansahen, sie davor zu schützen. "Die Antwort war, daß ja nicht wir die Russen ins Land gerufen hätten, und diese Antwort liebten sie nicht." Er notiert, dass viele nichts oder nicht alles gewusst hätten. Hält aber ebenso fest, was auch heute zu erinnern gut ansteht: "Beamtenentlassungen, Ausschlüsse, Nürnberger Gesetze, Stürmerkästen, gelber Stern; Dinge, die genügten, ein Volk zu entehren, auch wenn kein einziger Mensch in den Lagern sein Leben gelassen hätte."

Und am Ende, nach einem so präzisen und lebhaften Lehrgang durch jene Zeit, wie sie kein Guido Knopp im Fernsehen auch nur annähernd hinbekäme, erzählt er die Geschichte eines alten Juden aus Solingen, der Theresienstadt überlebte und nun zum Schrecken aller sich für einen Gestapo-Gewaltigen einsetzte. "Ich, der ich den Mann gesehen habe und seine schauerlichen Schicksale kenne, ich kann nicht umhin, ihn zu bewundern und zu lieben."

Wem dieses Geschichtsbuch nicht hilft, dem hilft gar nichts mehr.

Sebastian Haffner: Churchill. Eine Biographie, Kindler-Verlag, Berlin 2001, 208 S., 17,50
Sebastian Haffner: Schreiben für die Freiheit. 1942 - 1949. Als Journalist im Sturm der Ereignisse. Hrsg. von Rainer Nitsche, Transit-Verlag, Berlin 2001, 231 S., 16,80
Uwe Soukup: Ich bin nun mal Deutscher. Sebastian Haffner. Eine Biographie. Aufbau-Verlag, Berlin 2001, 344 S., 20,-
Julius Posener: In Deutschland 1945 bis 1946, Berlin: Siedler München 2001, 208 Seiten, 19,95

00:00 26.04.2002

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