Schulranzen

A–Z Der schönste Ranzen zeigt einen grauen Wal im Meer aus Filz mit cremefarbenen Leder. Nur worin liegt das Geheimnis des Tintenflecks am Boden? Das Schulzeit-Lexikon
Redaktion | Ausgabe 36/2015

A

Akkuratesse Schutzumschläge kleben, für Schulbücher? Mein Opa konnte das so gut, dass meine Mutter es nie lernen musste. Verzweiflung also, jedes Jahr, bei meinen Büchern: „Meine Eltern waren zu geschickt. Darum bin ich jetzt hoffnungslos!“ Ihre Angst wurde zu meiner: fehlender Mut, über Generationen weitergereicht. Auch über Getränkedosen hörte ich als Kind nur Schlechtes. „Jedes Mal reißt man versehentlich den Ring am Deckel ab.“ Ich selbst öffnete meine erste Cola-Dose (➝ Marken) darum erst mit 13, auf dem Pausenhof. Freunde mussten mir Mut zusprechen. Mit 17 zündete ich mir die erste Zigarette an. Denn jahrelang hatte meine Mutter gewarnt, Feuerzeuge seien kompliziert. „Ist deine Mutter echt an Cola gescheitert?“, fragt Maria. „Nicht eher an Konserven?“ Maria verkauft Feinkost. „Bei Fisch geht der Metallring nämlich tatsächlich dauernd ab.“ Stimmt. Wow. Man lernt nie aus. Stefan Mesch

F

Fleck Am Ende verband eine Sache sie dann doch alle, die braven Streber mit ihren strengen Tornistern, die Unangepassten mit ihren legeren Rucksäcken, selbst die Scheinheiligen mit ihren wuchtigen Lederranzen: Früher oder später zeichnete sich jedes einzelne dieser schulischen Requisiten durch einen kreisrunden, tiefdunklen Tintenfleck am Boden aus. Jeder Fleck, für sich genommen ein ultramarinblaues Unikat, in der Masse der Makel aber Ausprägung einer strukturellen Konstante, entstand eigentlich immer auf die gleiche Weise: durch einen achtlos und unverschlossen in den Tornister geworfenen Filzstift oder Füllfederhalter. Während ein anderes bekanntes Kainsmal dieser Zeit, das vielfach beschriebene einseitige Brillenpflaster, tatsächlich nur die traurigsten und bemitleidenswertesten Geschöpfe dieser Erde (➝ Politik) traf, machte erst der egalitäre Tintenfleck, das Signum ganzer Generationen, sie alle wieder zu gleichwertigen Wesen. Timon Karl Kaleyta

H

Hausaufgabenheft Wenn ich heute den Stapel meiner gesammelten Hausaufgabenhefte ansehe, hätte ich sofort Lust, die Hausaufgaben von damals zu machen, die mich immer so gequält haben. Glücklich war man nur dann, wenn man nichts „auf“ hatte. Ein Herbarium anlegen, Kurvendiskussionen (➝ Zeichen), Käuzchenkuhle lesen, Er ist’s von Eduard Mörike lernen, wie idyllisch das klingt, warum hat mir das keinen Spaß gemacht? Leider kommt meine Begeisterung für den Schulstoff 30 Jahre zu spät. Heute heißen meine Hausaufgaben Steuererklärung, Kita-Gutschein beantragen, Windows neu installieren. Und wenn ich das alles pünktlich schaffe, bekomme ich keine gute Zensur, kein Lehrer freut sich über meine Fortschritte, ich habe auch kein Hausaufgabenheft mehr, sondern To-do-Listen meiner Freundin, die eigentlich „Tu-du-Listen“ heißen müssten.

Am Ende jeder Woche mussten die Eltern im Hausaufgabenheft unterschreiben, manchmal stand in Rot ein Eintrag drin, „Jochen hat im Unterricht gealbert und seine Mitschüler vom Lernen abgelenkt“, oder der Stempel „Arbeitsmaterialien unvollständig“. Hatten die Eltern unterschrieben, war es aber überstanden. An wen kann ich mich heute wenden, damit er meine Sünden mit einer Unterschrift aus der Welt schafft? Jochen Schmidt

Haute Couture Ein Schulranzen als Schildkrötenpanzer, und jeder Grundschüler könnte Ninja-Turtle sein. Oder die Kafka-Variante, Modell Gregor Samsa? Kinder als Riesenkäfer, Rucksäcke als Jetpacks. Engelsflügel, Briefkästen, außerirdische Parasiten, die Protonenpäckchen aus Ghostbusters. So viele Designmöglichkeiten. Und so viel Quatsch! Tatsächlich werden Ranzen immer stereotyper. Feen, Pferde, Blumen. Oder Dinos, Autos, Fußballer. Dass Scout immer wieder einzelne blaue Modelle „für Mädchen“ anbietet – Delfine oder Meerjungfrauen in der Pastellsee, eine Pferdekoppel unterm Frühlingshimmel –, wirkt zwischen all den Klischees fast subversiv. Der schönste Ranzen, den ich kannte, zeigte einen grauen Wal im Meer aus Filz, dahinter cremefarbenes ➝ Leder. Alles selbstgemacht, im Stil eines Retrokinderbuchs. Damals haben wir Eva, die Besitzerin, ausgelacht: zu kindlich, zu betulich. Kinder sind Konformisten. Und fiese Trottel. Stefan Mesch

I

Intershop Tintenkiller waren in der DDR ein heiß begehrtes Statussymbol, und es gab sie zu meiner Schulzeit nur in Westpaketen oder im Intershop. Der nächstgelegene war einen guten Fußmarsch von unserer Wohnung entfernt und lag ironischerweise genau gegenüber dem riesigen Karl-Marx-Kopf, der meiner Heimatstadt seinerzeit ihren Namen gab. Meine Mutter hatte die Forumschecks und einen Traum: die neue Platte von Demis Roussos (➝ Kult). Ich habe inständig gehofft, dass am Ende noch genug Kleingeld für den Kauf eines schicken Tintenkillers übrig bleibt – und hatte großes Glück. Schönes Mädchen aus Arcadia untermalte an diesem Nachmittag meine großzügig korrigierten Hausaufgaben. Elke Allenstein

K

Kult Der Comic-Autor Randall Munroe klagt: „Eine ‚amerikanische Tradition‘ ist alles, was einem Babyboomer zweimal passierte.“ Diese geburtenstarken Jahrgänge haben die höchste Kaufkraft (➝ Schließfächer), und bleiben bis heute gefragte Zielgruppe. Für Netzjournalismus zählen eher Menschen unter 40. Darum vergeht auf Buzzfeed und Facebookseiten wie „Kindheitserinnerungen“ (220.000 Fans) kein Tag ohne „Weißt du noch?“-Liste über die Schulzeit der 80er und 90er: Der Frühstücksclub und Club der toten Dichter, Willkommen im Leben, Mean Girls. Pausenhofnostalgie, Filme und Fernsehen, in immer neuen Listen neu aufgewärmt. Den eigenen Ranzen von damals findet man bestimmt auch. Stefan Mesch

L

Leder Bei meiner Einschulung gab es nur Ranzen aus Leder, sie waren auch ohne Inhalt schon schwer genug und haben sicher zu Haltungsschäden einer ganzen Generation beigetragen. Meiner bestand aus rehfarbenem Glattleder und hatte dazu noch eine Rehprägung auf der Klappe. Er war todschick, mit Abstand der schönste der Klasse. Das allabendliche Packen war ritualisiert, Bücher, Hausaufgaben, belegte Brote in Butterbrotpapier, Hefte mit Fettflecken inklusive. Mein Tornister war mir heilig, da durfte niemand ran. Ich war wohl auch eine ziemliche Streberin und immer für alle Eventualitäten gerüstet. Noch heute gehe ich nirgendwohin ohne Tasche mit Überlebensset (➝ Akkuratesse). Braucht jemand ein Aspirin, Pflaster, Nagelschere oder Feile: voilà. Der Grundstein hierfür wurde wohl in der Schulzeit gelegt, ich schiebe es auf den Rehranzen. Jutta Zeise

M

Marken Seit 1975 bietet Scout (Pfalz) „Leicht- und Leuchtschulranzen“. Konkurrent McNeill (bei Offenbach) prahlt mit „mehr als zehn Prozent retroreflektierendem Material“. Amigo (ebenfalls Offenbach, ab 1980) ist „im wahrsten Sinne des Wortes dein Freund“. Bei älteren Kindern wurden Rucksäcke von 4You, später Eastpak (Boston, USA) populär, heute auch die teuren schwedischen Outdoormodelle von Fjällräven. Angebereltern kaufen Retrotornister mit Kuhfellbesatz. Viele Taschen von etwa Piquadro (Italien), Ergobag (Köln) und Die Spiegelburg (Münster) kosten über 200 Euro.

Auch Scouts zum Schulstart werden für 200 Euro verkauft, jeweils mit Sportbeutel, Feder- und Schlampermäppchen. Trolleysets kosten circa 40 Euro. „Bei Schulranzen habe ich vor allem den Geruch in der Nase“, erinnert sich eine Freundin, „leicht muffig, nach Bleistift, ungelüfteten Klassenräumen und Radiergummikrümeln. Oder säuerlich-beißend nach Filzstiften und Tintenkillern“ (➝ Intershop). Mir selbst war Scout als Grundschüler zu bieder – und ich war froh über meinen 4You, ab 13. Erst heute lese ich: Die „amerikanischen“ 4Yous kamen 1994 auf den Markt. Von Sternjakob. Dem Scout-Hersteller aus der Pfalz. Stefan Mesch

P

Politik Wie man auf die Idee kommt, minderjährigen Flüchtlingen den Schulbesuch ausgerechnet unter Verweis darauf zu verwehren, dass die Eltern der anderen Kinder ja durch die vielen Asylbewerber, die es oft unter größter Not nach Deutschland geschafft haben, so immens verunsichert seien: Man ahnt es nicht. Wenn man es auch nur ein bisschen ernst mit der viel beschworenen Willkommenskultur und der Integration (➝ Fleck) meinen würde, wäre das gemeinsame Lernen und Spielen doch eigentlich ein idealer Ansatz – vielleicht sogar, um bei rassistischen Müttern und Vätern ein paar Vorurteile abzubauen, wenn sie die neuen Freunde ihrer Kinder kennenlernen.

Dass ausgerechnet der Thüringer SPD-Vorsitzende und Erfurter Oberbürgermeister Andreas Bausewein die Aussicht der Schulpflicht für eine ganze Kindergruppe abschaffen möchte – immerhin eine der großen Errungenschaften, die in der Weimarer Verfassung für ganz Deutschland vorgeschrieben wurde –, ist jedenfalls von beispielhafter Knalltütigkeit. Zumal seine Begründung, nämlich die, dass „angesichts der Tatsache, dass die Stimmung innerhalb der Bevölkerung zu kippen droht“, einer Kapitulation vor jenem braunen Mob gleichkommt, der in Freital, Heidenau und anderswo gerade Asylbewerberheime attackiert. Es ist nun ausgerechnet der CDU-Bundesvize Armin Laschet, der das, was es zu dieser Idee zu sagen gibt, mit den Worten zusammenfasste, es sei „das Dümmste, was ich seit langem gehört habe“. Andreas Bausewein hat es verdient. Elke Wittich

S

Schließfächer In US-Filmen sind keine klobigen Ranzen zu sehen, denn in US-Schulen werden Bücher und Hefte (➝ Hausaufgabenheft) in Spinden verstaut. Bei uns stellen immer mehr Firmen kommerzielle Fächer auf, die Kinder privat mieten müssen, meist für über 20 Euro jährlich. Teures Zubehör wie Spindtapete, Spiegel, Lampen oder kleine Teppiche sind online erhältlich. Nur selten darf man eigene Schlösser anbringen. 2009 gab eine High School in Lower Merion, Pennsylvania, Laptops an alle Schüler aus, die via Webcam Kinder auch beim Schlafen, Essen, Umziehen filmen konnten. Mit Fächern, Rechnern, WLAN bieten Schulen den Kindern einen vermeintlich eigenen Raum. Der aber jederzeit aufgebrochen, überwacht, gegen sie verwendet werden kann. Einige US-Schulen ohne Schließfächer stellen jedem Schüler jedes Buch doppelt zur Verfügung: Eine Ausgabe wird zu Hause aufbewahrt, eine im Klassenzimmer. Stefan Mesch

Z

Zeichen Sie hatte einen Handgriff statt Schulterriemen, war knallrot mit weißen Seitenteilen, glänzte so, wie es nur reines Plastik vermag (➝ Haute Couture), und ich war immens stolz auf sie, denn sie war der Schultasche gewordene Ausdruck des neuen Status: endlich aufs Gymnasium gehen. Und dann kam der große Tag, an dem zum ersten Mal „Mathematik“ auf dem Plan stand, klang irgendwie kompliziert, aber auch interessant. Der Lehrer, Herr Wiesner, sagte dann zu mir: „Dass du schlecht in Mathematik sein wirst, sehe ich schon an deiner Tasche.“ Nicht mit meiner Mutter, die das Plastikteil zwar zutiefst verabscheute, dem Unverschämtling aber umgehend die Hölle heiß machte. Wir wurden keine Freunde, Herr Wiesner, die Mathematik und ich. Elke Wittich

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06:00 16.09.2015

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