Schwarzer Traum

MEDITATIONEN Die Graphiken des Bildhauers Richard Serra als Kraftfelder

Richard Serra ist als Bildhauer bekannter denn als Graphiker, und doch setzen die Riesenformate seiner Druckgraphiken den überwältigenden Eindruck der Stahlplastiken fort. Die stehen provozierend im öffentlichen Raum, auf Plätzen und in Gärten - die Graphik dagegen muß sich im Museum, in einer geschützten Umgebung, behaupten und will den Betrachter in eine Art Kokon einbeziehen. Serra zeigt nie Inhalte, Abbilder und Wirklichkeit; es geht ihm immer um eine Art Selbstversenkung des Betrachters, der sich zum Objekt in Bezug setzen soll - und (vielleicht) wie der Kunstproduzent Serra, der dieser Tage 60 Jahre alt geworden ist, in die Grenzbereiche der eigenen Wahrnehmung vordringen möchte.

In der Stuttgarter Staatsgalerie sind ausladende schwarze Formen auf sich leise, reflief artig in den Raum wellender Pappe zu sehen: Radierungen und mit Ölkreide nachbearbeitete Siebdrucke. So wie bei Serras Riesen skulpturen der langsam vor sich hinrostende, an der Oberfläche porös werdende Stahl einen materialen Eindruck von Vergehen, von Zeit vermittelt, so evozieren die Drucke schon beim Gucken ein fast taktiles Erlebnis: rauhe schwarze Oberfläche, die sich wölbt, schartig, geriffelt, gesprenkelt, wie die Haut des Mondes aus weiter Entfernung gesehen, aber eben dunkel und schattig.

Die Arbeiten heißen Coltrane, Bessie Smith oder Pasolini, Pere Lachaise oder Iceland, und natürlich nimmt das nur Bezug auf einen Entstehungszusammenhang. Also: beim Hören von Coltraine oder nach einer Island-Reise. Die Graphiken sind Kraftfelder und Projektionsflächen, Serra geht auf ganz einfache, fast kindliche Handlungsmuster zurück: zeichnen, drucken, schneiden, übermalen, sich in den Raum hinein vorwärtsbewegen, sich von der Intuition leiten lassen.

Das klingt ein bisschen nach Jackson Pollock, aber Serras durch Farb-Spritzer und Kreideflecken verschatteten Schwarzdrucke haben nichts von der nach außen geschleuderten Selbsterfahrungswut der abstrakten Expressionisten, sondern eher etwas Meditatives, vorsichtig Tastendes. Es geht nicht darum, die eigene Befindlichkeit aufs Papier zu übertragen, sondern das je eigene Kraftfeld des Bildes zu erkunden und sich dazu in Beziehung zu setzen. Philosophischer ausgedrückt: beschäftigt sich Pollock mit dem Ich und dem Unbewußten, so geht es Serra um das Sein an sich oder auch um das In-der-Welt-Sein.

Serra arbeitet oft mit geometrischen Variationen, wobei sich das trotz der Wuchtigkeit der Formate fast spielerisch zu ergeben scheint. Man verliert sich in schwarzen Flächen und Rundungen, manche dieser Drucke erinnern an Otto Pienes mit Öl und Rauchspuren gefertigte "schwarze Sonne" - nur dass Piene sich eben noch für Farbvibrationen und Licht interessierte.

Konkrete Kunst war schon immer bedrohlich - am eindrücklichsten hat das (ohne Absicht) der Schriftsteller Martin Walser vorgeführt, als er das von Serra gestaltete Stelen-Feld des Berliner Holocaust-Mahnmals einen "fußballfeldgroßen Alptraum" nannte. Wie furchtbar! Genau das soll das Denkmal ja tun: den Alptraum des Holocaust evozieren. Der etwas spießigen Kunstbetrachtung eines Martin Walser ist das unangenehm, und die jetzt gefundene Kompromißlösung, Stelen-Feld plus Informations-Zentrum, kastriert die Kunst, indem sie deren Eindrücklichkeit mißtraut und wieder mal den Holocaust erklären will. Hier haben wir Kunst, dort ein Schild, was es bedeutet.

Das genau wollte Serra nicht, deshalb hat er sich aus dem Eiseman-Projekt zurückgezogen. Die brachiale Abstraktheit, der Einbruch der puren, nackten Form, das kalte Vorführen der sonst immer kaschierten kapitalistischen Rationalität in Serras Plastiken - das hat in Amerika für solche Aufregung gesorgt, dass Serras riesiger "Titelheld Arc" in New York wieder abgebaut werden muss te.

Serras Graphiken in Stuttgart sind nur eine andere Spielart dieser Skulpturen, sie lassen den Betrachter ziemlich einsam vor den zerklüfteten schwarzen Flächen zurück. Der Homo sapiens braucht die Illusion, die Story, die Abbildung - Serra verweigert sie.

Staatsgalerie Stuttgart, bis 16. 1. 2000; danach in Chemnitz (Kunstsammlungen, 16. 3. - 14. 4. 2000) und in Gent (Stedelijk-Museum, 23. 6. - 27. 8.). Werkverzeichnis Druckgraphik 39,- DM.

00:00 12.11.1999

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