Schwarzes Gift

A-Z Alice Cooper Wenn er nicht gerade Wendelieder schreibt, spendet er Denkmäler für tote Hühner oder tourt ab und an durch Deutschland – wie zur Zeit. Was wären wir ohne Alice Cooper?

All Time Best

1. Poison: Kamerafahrten entlang von quergelegten, halbnackten Frauenkörpern in Musikvideos haben gender-historisches Potenzial (➝ Wendelied)

2. Welcome to my nightmare: Version Auftritt in der Muppet Show – nur die ganz Großen dürfen in diese Show

3. Santa Claus is coming to town: Weihnachten braucht immer mal wieder eine brachial-alternative Soundkulisse

4. School’s Out: wollen alle weltweit mal mitgrölen dürfen SL

Alice Cooper - Poison (Official Music Video). Watch more top selected videos about: Alice Cooper

Corpse-Painting

Es gibt eine Sache, die sofort allen zu Alice Cooper einfällt: Dieses Outfit! Neben der obligatorischen Lederjacke und der Reitgerte, die der Rocker gerne auf der Bühne mit sich herumträgt, fällt der Rocker vor allem durch die Art auf, sich zu schminken: Seit den siebziger Jahren kennt man ihn mit kalkweißem Gesicht und dunklen Augen, aus denen Tränen aus schwarzer Schminke laufen. Das sieht aus heutiger Sicht wenig gruselig (➝ Horror), sondern eher etwas albern aus – dass man mit so etwas Teenie-Eltern schocken konnte, ist in jedem Fall schon eine Weile her.

Ein Vorreiter des „Corpse-Paint“ ist Alice Cooper deswegen aber noch lange nicht. In der Black-Metal-Szene, in der sich manche Musiker mit dieser schwarz-weißen Gesichtsbemalung darum bemühen, wie Leichen auszusehen, wird jeder Stil-Einfluss von Alice Cooper oder KISS geleugnet. Aber den gläubigen Christen (➝ Religion) und Ex-Alkoholiker (➝ Zerstörung) Cooper darf von diesen bösen Jungs wahrscheinlich sowieso keiner ernst nehmen. Hanning Voigts

Denkmal

Die Zuschauer des Toronto Rock and Roll Revival Konzerts warfen im Jahre 1969 Alice Cooper ein lebendiges Huhn auf die Bühne. Der bemerkte, im Gegensatz zu Ozzy Osbourne (➝ Vorbild), dass es sich um ein echtes Tier handelte, und schleuderte es zurück in die Menge ("Das ist ein Vogel, dann kann es auch fliegen.") Er ahnte nicht, dass die durch seine Musik angestachelte Meute das Federvieh grausam zerfetzen würde. Was aber der Legendenbildung sehr zuträglich war. Vor Kurzem dachte Cooper öffentlich darüber nach, dem Huhn ein Denkmal zu stiften. Eine schöne Geste! Sophia Hoffmann

Familie

Cooper gilt als absoluter Familienmensch. Seit 1976 ist er mit der Balletttrainerin und Tänzerin Sheryl Goddard verheiratet, die in seiner Show "Welcome to my Nightmare" auftrat. Er habe sie nie betrogen und sei geradezu süchtig nach ihr, wie Cooper einmal in einem Interview meinte. Zusammen hat das Paar drei Kinder. Die heute 30-jährige Tochter Calico tritt wie einst die Mutter auf Coopers Touren in grotesken Rollen auf. Sie gibt Krankenschwester oder Domina und lässt sich als Paris-Hilton-Double vom Handtaschen-Hund in den Hals beißen. Auch Cooper-Sohn Dash (*1985) mimte schon finstere Charaktere in Daddys Show – über Sonora Roses (*1993) Schauspieltalent ist nichts bekannt. Tobias Prüwer

Gender

Es gibt viele Gründe, sich einen neuen Namen zuzulegen. Die Hexe in Mel Brooks’ Robin-Hood-Parodie etwa macht ästhetische Gründe geltend: Sie heißt jetzt "Latrine"; das ist schöner als ihr Geburtsname "Scheißhaus". Oder weil man gegen einen Mafiaboss aussagen soll, das ist auch immer ein guter Grund.

Alice Cooper, geboren als Vincent Damon Furnier, nannte sich – mittlerweile ist die Namensänderung sogar offiziell – Alice Cooper, weil er Weibliches und Männliches zu verkörpern gedachte. Eine unscharfe Identität schuf er so, die keine festgefügten Vorstellungen bestätigt. Was er – und irgendwie ja auch sie – stattdessen bestätigt, ist die berühmte These, dass man zu Mann oder Frau nicht geboren wird, sondern dass man es wird. Biologie hin oder her, hier stimmt es auf jeden Fall: Das Geschlecht der Kunstfigur ist tatsächlich ein soziales. Klaus Raab

Golf

"Ich weiß nicht warum, aber ich putte besser, wenn meine Hose eine Bügelfalte hat", sagt Alice Cooper im Promo-Video einer Golforganisation. Um dann darüber zu philosophieren, dass ihm schwedische Profis mit ihren eleganten Outfits Vorbild sind. Cooper ist verrückt nach Golf, bei kaum einer Gelegenheit vergisst er das zu erwähnen. Um es aber zu seinem passablen Handicap 3 zu bringen, musste er Mitte der achtziger Jahre mit dem Trinken aufhören. Seitdem beginnt der Tag für Mister Shock-Rock mit einer Runde Golf – nach seinen Angaben "an sechs Tagen die Woche, morgens um halb sieben, egal wo". Zu Hause in Arizona lädt Cooper prominente Freunde einmal im Jahr zum Charity-Golfen für seine eigene Stiftung und entspricht damit ganz einer weiteren seiner zahlreichen Wandlungen, der zum Christen (➝ Religion). Doch er weiß, dass nicht alle von seinem Wechsel von der Flasche zum Golfschläger begeistert sind: "Meine Frau sagt, ich habe eine schlechte Angewohnheit durch eine noch schlechtere ersetzt." Sebastian Puschner

Horror

Galgen, Guillotine, elektrischer Stuhl: Coopers Shows sind Geisterbahnfahrten vom Feinsten. Sein Verbrauch an Kunstblut straft jede Kritik am Regietheater als substanzlos ab. Seit den Siebzigern ist das Gruseltheater zu seinem Markenzeichen geworden. Er erfindet sich und seine Tausend Tode immer wieder neu und inszeniert die Bühne als ausgeklügelte Folterkammer. Laser- und Knalleffekte, üppiges Make-up, Fetisch-Kostüme und Requisiten-Materialschlacht sind hier Ehrensache, genauso wie eine lebende Boa constrictor. Mit diesem Spektakel hat Alice Cooper Bands wie W.A.S.P., White Zombie und Marilyn Manson inspiriert (➝ Vorbild) und den Standard vorgegeben. Kein Wunder, dass Cooper auch als Nebenfigur in diversen Horrorfilmen agierte. Seine berühmteste Rolle war der Dad des Serienkillers Freddy Krueger. TP

Kniefall

Ein echter Rocker braucht fanatische Fans. Verehrung der ganz besonderen Art erlebte Alice Cooper in einer Szene des neunziger-Jahre-Trashfilms Wayne’s World. Dort hat Cooper einen Cameo-Auftritt und trifft nach einem Konzert auf Wayne Campbell und Garth Algar (gespielt von Mike Myers und Dana Carvey). Der belesen auftretende Rocker erklärt seinen Fans den Ursprung des Namens Milwaukee ("das gute Land" in einer indianischen Sprache) und lädt sie ein, mit ihm zu feiern. Die Teenager werfen sich daraufhin theatralisch auf die Knie – mit dem Ruf "Wir sind unwürdig!"

Dass Alice Cooper bei derartigem Klamauk mitgespielt hat, zeugt von Humor und einer guten Portion Selbstironie – wobei man die für übertriebene Bühnenshows und bizarre Kostüme ja auch wirklich braucht (➝ Werbestar). HAN

Religion

Dass Alice Cooper ein religiöser Mensch ist, verwundert angesichts seines Blut-und-Hoden-Rocks. Doch hat ihn der Glaube seit der Kindheit begleitet. Sowohl Coopers Vater wie auch der von Sheryl (➝ Familie) waren evangelische Pfarrer. Als er 13 war, wurde der Vater ordiniert – Cooper beschrieb diese Phase als prägend für sich selbst, da er die Transformation des Dad zum besseren Menschen erlebt habe. So ist es nur ein Gerücht, dass Cooper mit der Platte The Last Tempta­tion (1994) zum christlichen Glauben erweckt wurde. Bis heute besucht er regelmäßig die Kirche. In der von ihm gegründeten christlichen Stiftung Solid Rock Foundation, die sich in der Jugendarbeit engagiert, fungiert Cooper als Präsident. Für seine finanzielle Unterstützung verlieh ihm die christlich-liberale Grand Canyon University den Ehrentitel "Doctor of Music". In einer Produktion des Musicals Jesus Christ Superstar singt Cooper den König Herodes. TP

Vorbild

Die besten Ideen entstehen meistens durch Zufall. So auch jene, Shock-Rock zu machen. Nachdem der Erfolg der Alice-Cooper-Band anfangs mäßig war, peppten Frank Zappa und seine Entourage ihre Label-Zöglinge optisch extravagant auf. Und durch den Zwischenfall mit dem Huhn (➝ Denkmal) entstand die Idee, auch in Zukunft mit Blutrünstigkeit und morbidem Firlefanz zu provozieren.

Die Rechnung ging mehr als auf. Die Kunstfigur Alice Cooper wurde zum Vorbild für unzählige Bühnenkünstler. Ozzy Osbourne, KISS, aber auch Frank’n Furter, der Protagonist der Rocky Horror Picture Show, war laut Erfinder Richard O’Brien von Cooper inspiriert. Marilyn Manson, Slipknot, Rob Zombie und nahezu alle norwegischen Death-Metal-Bands berufen sich bis heute auf den Mann mit den schwarz unterlaufenen Augen. SH

Wendelied

Sie wurden alle verklärt, diese Lieder des Herbst ’89. Westernhagen sang von Freiheit, die Scorpions bewegten sich im "Wind of change" und David Hasselhoff sprach den Ostlern, die sich Silvester am Brandenburger Tor drängten, mit "Looking for freedom" aus der weit gewordenen Seele. Waren sie dafür auf die Straße gegangen, um sich von dem Bademeister einer sexistischen US-Serie was von Freiheit erzählen zu lassen? Wo blieb das Gegengift? Ich hörte es eines Morgens im Radio. Vernünftige Gitarrenriffs, eine nur ein bisschen gruselige Reibeisenstimme: "Your cruel device, your blood, like ice, one look, could kill, my pain, your thrill..." Alice Cooper! "Poison" rockte, es war nur ein Song, keine politische Botschaft. "I want to love you, but I better not touch. I want to hold you, but my senses tell me to stop..." Ehrlicher konnte man nicht in die Welt schreien, wie weh es tut, das Gefangensein. In seinem Liebeswahn, nicht im System. Maxi Leinkauf

Werbestar

Als alternder Rock-Star gibt es zwei Möglichkeiten, wie man mit seinem mühsam errichteten Image umgehen kann: einfach immer so weitermachen – oder das Bild ironisieren. Alice Cooper wählte als Werbefigur für den Elektronikmarkt Saturn die Ironie. 2009 zeigte er in Spots als Barkeeper einer Weltraumbar seinem Co-Star Bill Kaulitz, wie cool es ist, über sich selbst zu lachen. Kaulitz beweist in einem Clip, dass er wirklich von Tokio Hotel ist, indem er eine Tür öffnet, hinter der ihm eine Menge zujubelt. Cooper: "Das kann ich auch." Als er die Tür öffnet, stehen da nur zwei müde Alt-Rocker. So viel Selbstironie würde man Mick Jagger mal wünschen. Jan Pfaff


Bill \ Alice Cooper Saturn Werbung 1 - MyVideo

Zerstörung

Hatte Alice Cooper bereits Anfang der siebziger Jahre seine Ernährung fast ausschließlich auf Bierbasis aufgebaut, so stürzte er 1975 nach der Veröffentlichung des ersten Solo-Albums komplett in die Alkoholsucht ab. Laut eigener Aussage wurde er aufgrund seines konstant vernebelten Blicks immer mehr zu der dämonischen Kunstfigur, die er aus reinem Unterhaltungszweck ersonnen hatte. Nur mithilfe der Unterstützung von Frau und Freunden, die ihn 1977 in eine Entzugsklinik steckten, kam er wieder auf die Beine. 1983 sprang er nach einem Rückfall dem Tod nur sehr knapp von der Schippe. Mittlerweile ist er fast 30 Jahre trocken und lässt das Monster nur auf der Bühne raus. SH

Alice Cooper ist gerade auf Tour. Er spielt am 12. November in Bremen, am 13. November in Mülheim an der Ruhr und am 14. November in Berlin. Mehr Infos hier.

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09:00 12.11.2011

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