Schweißnass aufgewacht

Coronakrise Schriftsteller und Fußballtrainer Andreas Merkel war unfreiwillig arbeitslos. Ein Blick ans Ende des Tunnels
Schweißnass aufgewacht
So manches Eckige hatte wegen dem kleinen Runden bis auf weiteres geschlossen

Foto: Robert Poorten/Imago Images

Im März wurde ich gleich zweimal arbeitslos. Sportlich als Trainer der Fußball-„Autonama“ (Autorennationalmannschaft). Schriftstellerisch als Autor eines Tischtennisromans über eine Donnerstagsrunde im Berliner „SEZ“ (Sport- und Erholungszentrum). Beide Berufe waren glücklicherweise weder besonders systemrelevant noch förderbedürftig. Ich lag keinem Steuerzahler auf der Tasche, musste selbst gucken, wo ich blieb, und bestärkte mich im literarisch wertvollen Verdacht der Ausgedachtheit meiner Existenz.

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Im Feuilleton hatte der polnische Autor Szczepan Twardoch gefragt, ob Corona die Strafe sein könnte, dass wir unser Leben vorher womöglich nicht genug geliebt hatten.

Unser Leben vielleicht nicht, aber den Fußball: Unter wilden Protesten des Team-Philosophen Eilenberger („Tut das nicht!!“) spielte unsere Autorenmannschaft Anfang März noch Medienliga – erster Spieltag gegen die Berliner Helden, glückliches 1:1. Und trainierte zwei Tage später am vorerst letzten Champions-League-Mittwoch auf dem Kunstrasen von Berlin-Mitte: das volle Körperkontakt-Programm, inklusive Liverpool-Gucken im knallvollen Vereinsheim, gezapftem Bier aus flüchtig ins Spülbecken getauchten Humpen („Ralle, hast du auch Flaschenbier?“ – „Willst du mich verarschen.“).

Das volle Ausmaß der Krise wurde mir erst bewusst, als ich nachts zu Hause noch im FC-TV das tatsächlich gespenstische erste Geisterspiel in der Geschichte der Bundesliga guckte, auf CNN mitbekam, dass die WHO die Pandemie und Trump den Einreisestopp für das „foreign virus“ verkündete. Seitdem sah mein Trainerjob in der Autonama so aus, dass ich jeden Mittwoch „Indoor-Hausaufgaben“ ans Team vermailte.

Anfangs gab es noch straighte Fitnessprogramme (das New York-Times-7-Minutes-Workout), einfache Ballübungen („mit der Pille eng am Fuß um den Block spazieren, ohne Übersteiger“) und Aftershow-Simulationen (zweiBier vom Späti, fünf Erdnüsse) mit Literatur-Trashtalk-Anleitungen (Sind die Liebenden in Allegro Pastell nicht beide Leif Randt?).

Dann wurde es immer taktiler und mentaler.

Folge fünf versuchte es mit der Kunst des negativen Denkens, sich kein Training für den Abend vorzustellen: „Keine metrosexuellen Gesten der Begrüßung. Kein Aufwärmen. Keine 3-Ballkontakte-Regel. Keine Hazy-Fantasy-Pässe ins Nirgendwo. Kein Neunmeterschießen an keinem Ende …“ Verbunden mit der Bitte um Umwertung zum nächsten Mal (Stay strong – aber auch Schwächen zulassen!).

Folge sechs behandelte psychoanalytisch die wilden Träume, die viele gerade hatten: In den Katakomben des Maracanã ging es gegen Norwegen mit Knausgård, man hatte die Schnürsenkel des rechten Fußballschuhs vergessen, musste noch mal zurück durch labyrinthische Stadiongänge, während die anderen schon einliefen und die große Jugendliebe auf der Trainerbank saß – Dagmar von B., ehemals Landesmeisterin im Tennis, inzwischen von Touristikfachfrau auf „Kausaltrainerin“ und Kinderbuchautorin umgelernt. Schweißnass aufgewacht.

Auf der zweiten Baustelle der eigenen Arbeitslosigkeit sah es nicht besser aus. Der Roman über das Auseinanderbrechen einer Tischtennisrunde – vier bis sechs Freunde, die sich jahrelang wöchentlich getroffen hatten und dies jetzt unter dem zunehmenden Gewicht von Alter, Beruf, Familie kaum noch hinbekamen (Arbeitstitel: „Donnerstage“) – stand selbst an der Abbruchkante einer Gegenwart, über deren Zukunft keiner mehr irgendwas wusste.

Mein Vorschlag, unsere Tour vom geschlossenen SEZ einfach an die Tischtennisplatte im Gemeinschaftsbüro zu verlegen, um dort sozial distanziert mit desinfizierten Bällen wenigstens Einzel zu spielen, erntete eisiges Schweigen im Mailverteiler.

Einmal erwischte ich unseren besten Spieler, Spitzname „King Pong“, an unserem heiligen Donnerstagstermin heimlich beim Joggen: Er bog verstohlen, schleppenden Schrittes um eine Straßenecke und sah mich nicht. Ein trauriges Bild, das mich an meine eigenen Trainingsbemühungen erinnerte.

Denn ich hatte als Autor ja immer schon allein trainiert, um der Sitzblockade am Schreibtisch zu entgehen. Rückentraining auf einer roten Gymnastikmatte gegen allzu gebückte Gedanken. Lange Radfahrten raus aus der Stadt. Auf diesen Runden stellte ich mir – dem Vorbild Philip Roths beim Schwimmen folgend – komplizierte Schreibaufgaben: Was stimmte nicht mit Ingo Schulzes altertümlichem Onkel-Uwe-Tells-Camp-Stil? Welche fiktionalen Konflikte konnte ich meiner immer irrealeren Roman-Tischtennisrunde überhaupt zumuten?

Inzwischen musste ich aufpassen, dass die Radtouren nicht nur noch aus Zigarettenpausen auf melancholischen Parkbänken an der Spree bestanden – und der Frage, wie ich es in meiner Verfassung überhaupt noch nach Hause schaffen sollte.

Im Mai ging es dann plötzlich wieder los. Die Bundesliga ging weiter. Wir wurden in Kleingruppen wieder auf den Trainingsplatz gelassen. Die Tischtenniskumpels riefen wieder zurück. Der Roman fing gerade erst an. Im Präsens und in der Hoffnung auf eine Literatur, die wieder raus auf den Platz will, ohne „fake endings“ oder große Liebesbeweise.

Von Andreas Merkel erschien zuletzt das Buch Mein Leben als Tennisroman (Blumenbar 2018)

06:00 20.05.2020

Ausgabe 22/2020

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