Sehnsuchtsprojekte

Sixpack Kolumne

"Schlüssel zu einer Bücherkammer und ein strammes weißes Weib. Was will man mehr als Mann?!" - so Eggers, der Ich-Renommist aus Arno Schmidts Steinernem Herzen. "Hinzu kam noch meine wahnsinnige Lust an Exaktem: Daten, Flächeninhalte, Einwohnerzahlen ... ". Darauf vertrauen auch noch heute die Adepten, indem sie dem Autor nachspürten, wie er 1954 die Orte seines Romans aus selbigem Jahre dokumentierend abreiste: Ahlden, die Interzonenstrecke, Berlin und retour. Herausgekommen sind Bilderkacheln, ein Reiseführer für zu Hause, eine Zeitreise in die Fünfziger. Backofix, Schienenbus, Mampe halb und halb, Checkpoint Helmstedt, der Interzonen-Autobus. Radfahrer auf der Autobahn - die durften das damals noch, der Fahrtrichtung der Autos entgegen. "1 Mädchen, 5 Jungen und 6 Traktoren", Hennecke. "Und in solchen Kreisen wirkte jetzt Stefan Hermlin; ›Komm über mich Sprache!‹ hatte er einst gefordert; man hätte mal mit ihm reden müssen" - ein Muss für jeden Schmidtianer, für andere zumindest ein Kuriosum. Allemal aber eine Propädeutik zur Wiederlektüre dieses gegen die Zeit robusten deutsch-deutschen Zeitromans.

Bilderkacheln. Das Album zu Arno Schmidts Roman Das steinerne Herz, edition text + kritik, München 2004, 128 S., 32 EUR


Wohin ich in Wahrheit gehöre, ist die dichtumwaldete Seenplatte Mecklenburgs." Für schwer verständlich werde er gehalten, kolportierten gerne die, die Uwe Johnson für sich behalten wollten. Er alles andere als unverständlich, ein präziser Umständler. Er hat nach Fotografien geschrieben und wie ein Fotograf beschrieben. Doch die Differenz ist eine ums Ganze. "Erzähl den Leuten nicht, was auf dem Bild zu sehen ist. Schon gar nicht, was sie davon halten sollen." Was der Fernsehjournalist und ehedem Mitschüler von Uwe Johnson, Heinz Lehmbäcker, als Quintessenz seiner Arbeit angibt, es war das, was auf ihre Weise Johnsons stillgestellte Textbilder ausmachte. Heinz Lehmbäcker hat Uwe Johnson, er hat dessen Mecklenburg fotografiert, weil es auch das seine war. Anrührende Gelegenheitsbilder und hochkomponierte Tableaus, gegenüber gestellt den Auszügen aus Johnsons Texten. Zeitmaschinchen beides, die nach Mecklenburg, ins Werk von Johnson führen. Man möchte immer noch mehr sehen, mehr herauslesen können. Ein Bild zumindest ist völlig surreal. Es zeigt Johnson 1952, in Badehose Holz hackend. Er sieht aus wie Harald Schmidt. Nicht weiterdenken!

Heinz Lehmbäcker / Uwe Johnson: Mecklenburg. Zwei Ansichten. Insel, Frankfurt am Main 2004, 185 S., 19,80 EUR


Unverändert taugt Hitler zum Basis-Abgleich der Geschichtserzählungen von Deutschland-Ost und -West. Für die Jahrzehnte der Teilung müssen sie vielstimmig bleiben. Das ist kein Makel, das ist ein Schatz: die Kunst der Polyphonie." - wieviel Polyphonie verträgt ein "Volk"? Es war offenbar einfacher, getrennt eine Einheit zu sein, als nun unterschiedlich zusammengehören zu müssen. Christoph Dieckmann, unermüdlicher Polyphoniker, ausgestattet mit jener "geschichtsfühligen Subjektivität", die er Christa Wolf attestiert, schreibt gegen das "mediale Vergessen". Die Sammlung von Reportagen und Reflexionen aus der Zeit und dem Freitag, darunter eine über Günter Gaus, den man doch sehr vermisst, ergänzt um einen neuen Text, der fast das halbe Buch einnimmt, wirkt wie eine Familienfeier - alle sind dabei, die mehr oder weniger lieben Verwandten, die x-te Geschichten-Variante über sie: Carl Zeiss Jena und die Rockmusik, Christa Wolf und der Schwarzkanaler, die monströse Selbsterfinderin Erna Dorn, die den generösen Selbsterfinder Hermlin zur SS-Kommandeuse inspirierte, Werner Hartmann, der verstoßene Halbleiter-Experte, Pfarrer Ullmann, das Dorf Horno und der weltweite Anti-Amerikanismus. Obendrein der wunderbare Satz: "Unsere sind eben nicht unsere von drüben." Wenn das kein An-Satz ist!

Christoph Dieckmann. Rückwärts immer. Deutsches Erinnern. Ch. Links, Berlin 2005, 271 S., 17,90 EUR


Man muss sich nicht immer rückwärts beugen, um Deutschland nicht aus den Augen zu verlieren. Michael Kleeberg war vier Wochen Gast seines libanesischen Kollegen Abbas Beydoun in Beirut. Sein Reisetagebuch ist mehr als die für gewöhnlich zu erwartende Verführung zu fremder Schönheit, Architektur, Essen und Trinken. Es ist eine virtuos komponierte Übung in der Kunst der Ent-Täuschungen, beginnend mit der eigenen Terroristenparanoia beim Flug und durchgehalten bis zum Ende, in dem die Tochter nicht will, dass die Katze weine. Daraus destilliert er den Grund seines Schreibens: "Aber das soll so nicht sein!" Zugleich erprobt er Erinnerung als Mittel zur Welterkenntnis. Sein Tagebuch tut erst gar nicht so, als ob man in der Fremde und Ferne von sich selbst absehen solle, um "dem Anderen" sich zu öffnen. Es nutzt den Ausnahmestand des Gastes, um sich zu prüfen, wie es umgekehrt Erinnerungen, Lektüre und Wissen einsetzt, Differenzen zu erfassen, die sich nicht an der Oberfläche, sondern erst dort auftun, wo es um "Tieferes" geht. In der hellwachen Bewegung zwischen gegenwärtiger Wahrnehmung, gemachten Erfahrungen und eingesammeltem Wissen entsteht so ein komplexes Bild der dortigen Kultur, des Betrachters und der Poetik seines Schreibens zugleich. Kleeberg tut gar nicht erst so, als wolle er seinen Ehrgeiz zur und den Stolz auf Bildung verbergen: Gerade darin, dass er sich und sie höchst anstrengt, zollt der Autor dem Leser Achtung und dem Gesehenen Respekt.

Michael Kleeberg: Das Tier, das weint. Libanesisches Reisetagebuch, DVA, Stuttgart 2004, 173 S., 17,90 EUR


Der Herrscher über Libyen, Muammar al-Gaddafi, gilt bei uns, wenn nicht gleich als verrückt, als unberechenbarer Irrwisch. Seit er sich in den Augen "des" Westens geläutert hat, ist man geneigt, ihn differenzierter zu sehen. Nicht nur politisch. Ein Bändchen mit zwölf von ihm verfassten Texten, die unter einem befremdlichen Titel zwischen Essay, Predigt und Fabel changieren, böte die Möglichkeit dazu. "Die Tyrannei eines Einzelnen ist die schändlichste aller Tyranneien, doch der Despot ist ein einzelner, den die Gemeinschaft besiegen kann ... . Die Tyrannei der Massen dagegen ist die brutalste Art von Tyrannei ... ." - ist da beispielsweise zu lesen. Oder was das Schlimmste an der Stadt sei: Man könne dort unerkannt seinen Vater überfahren. "Der Stadtbewohner kann sich nicht auflehnen gegen die Entwurzelung ... , gegen den gefräßigen, vernichtenden Konsum." Die ultimative Aufforderung wiederum, männlich erbarmungslos mit allen Mitteln gegen den Tod zu kämpfen, kippt um in die Weisheit, wenn er jedoch mit der verführerischen und stillen Haltung einer Frau daherkomme, jeder Widerstand zwecklos sei, "dann muß man sich ihm unterwerfen." In solchen, an Dunkelheiten des Koran geschulten, aber sie laizistisch wendenden Finten müsste man sich wohl üben, um in ein Denken einzudringen, von dem wir noch immer nicht allzu viel wissen, aber vielleicht mehr erfahren könnten, als wir zu wissen wünschten.

Muammar al-Gaddafi: Das Dorf, das Dorf, die Erde, die Erde, und der Selbstmord des Astronauten. Aus dem Arabischen übertragen, kommentiert und mit einem Vorwort versehen von Gernot Rotter. Belleville, München 2004, 151 S., 20 EUR


Kehren wir zu unseren heimischen Kolonialgewohnheiten zurück! Nicht lang gedauert haben sie, sind aber erstaunlich zählebig. Was Arno Schmidt sich vorm heimisch weiblichen Hinterteil an Exotischem herbeiträumte, rührt nicht zum wenigsten daher. Überschattet von dem Haupt- und Staatsverbrechen haben Schweinehunde wie Carl Peters bis jüngst als hehre Figuren der Weltentdeckung gelten können, gerade weil der deutsche Kolonialtraum insgesamt eher ein "Sehnsuchtsprojekt" à la Karl May plus Sarotti-Mohr blieb. Doch in diesem Sehnsuchtsprojekt haben "wir" nicht viel ausgelassen - ob nun Wilhelm Zwo mit eigens zu diesem Zweck entworfener Tropenuniform und 1.300 Reittieren 1898 in Jerusalem Einzug hielt, ob Hagenbeck nicht nur diverse Animalitäten, sondern auch Völkerschauen nach Deutschland brachte, ob die "Menschenfresser" von Neuguinea unter deutsche Forscherobhut gerieten, Peter Altenberg sich 1896 in Wien empathisch den ausgestellten Aschanti zugesellte, der Flieger von Tsingtau einen Besteller landete oder Max Dauthendey aus Würzburg 1918 interniert auf Java sterben musste - es ist ein wahrlich exotisch facettenreiches Bild, das sich bei näherem Hinsehen bietet. Zwar im Papier und der Bildreproduktion lieblos, im Text um so plastischer und gediegener, kann man das nun nachlesen.

Alexander Honold u. Klaus Scherpe (Hg.): Mit Deutschland um die Welt. Eine Kulturgeschichte des Fremden in der Kolonialzeit. J. B. Metzler, Stuttgart und Weimar 2004, 524 S., 59,95 EUR


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00:00 20.05.2005

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