Sehr verehrte Frau Bundeskanzlerin

Vergangenheit Der Dramatiker Rolf Hochhuth fordert Angela Merkel in einem Brief auf, Edward Snowden Asyl zu geben. Deutschland sei dazu verpflichtet wie kein anderes europäisches Land

8. Juli 2013

  

Sehr verehrte Frau Bundeskanzlerin,

darf ich mir erlauben, an Sie die Petition zu richten, dem Amerikaner Edward Snowden Asyl zu geben! Sie wissen, gerät er in die Fänge der USA, erwartet ihn die Todesstrafe in Form von mindestens 30 Jahren Zuchthaus ...

Wo der Staat auch der Täter ist, wie hier, hat kein Angeklagter etwas zu hoffen von der Justiz: So war das stets in jedem Land, von dem die Geschichte weiß, das vor Gewalt nicht zurückschreckt. Und Gewalt ist es, die Edward Snowden zur Flucht zwingt ...

War jedermann so überrascht wie erleichtert, daß Rußland ihn nicht ausliefert – daß plötzlich Herr Putin ihm den Maulkorb verordnet, zeigt nur, daß Rußland blieb, wie es immer war: An Wahrheit völlig desinteressiert ... Will Snowden noch den Mund aufmachen – m u ß er weg aus Moskau.

Sie werden vermutlich, Frau Bundeskanzlerin, wie viele fragen: Warum soll ausgerechnet die BRD diesem Amerikaner Asyl gewähren? Meine Antwort als Deutscher ist so simpel wie plausibel: Mehr als jedes andere Volk ist das deutsche verpflichtet, das Asylrecht zu h e i l i g e n, seit unsere Elite 1933, ausnahmslos, von den Brüdern Mann bis zu Einstein, die 12 Jahre Nazi-Diktatur allein deshalb überstehen konnte, weil andere Länder, am vorbildlichsten die USA, diesen Flüchtlingen vor Hitler Asyl gewährten!

Sie kennen, gnädige Frau, teilweise, was ich schrieb und werden mich nicht für so verrückt halten, die USA oder irgendeine sonstige Regierung auf der Welt mit der des Auschwitzers zu vergleichen.

Vergleichbar aber durchaus sind Diktaturen generell – im Sinne Jacob Burckhardts: „Nun ist die Macht an sich böse, gleichviel wer sie ausübt. Sie ist kein Beharren, sondern eine Gier.“

Ich schrieb mehrfach, daß die USA unter ihrem größten Präsidenten Franklin Roosevelt, der laut Churchill durch seinen New Deal Amerika die Revolution erspart hat – Roosevelt fand bei Amtsamtritt mehr als 12 Millionen Abreitslose vor –, die sittlich höchstgestellte Nation der Weltgeschichte war, insbesondere in ihrem Verhalten zu Deutschland: Als die Amerikaner 1945 Buchenwald aufmachten – in der ersten Wochenschau nach Hitlers Tod, sah man Eisenhower in Tränen, als er Zeuge wurde, wie dort seine GIs mit Bulldozern die Leichenhügel in die Massengräber schoben –, konnten sie nicht begreifen, daß wir Deutsche dazu fähig gewesen waren. Doch wie war die Antwort Amerikas? Sie retteten vor Stalins Zugriff Berlin durch Ihre Luftbrücke. Dies nur e i n e der Wohltaten, die Amerika d e m Volk schenkte, das ziemlich einstimmig gejubelt hat, als der Braunauer 1941 den USA den Krieg erklärte. (Roosevelt hätte niemals gegen uns marschieren k ö n n e nda er seine 4. Wahl nur mit dem Ehrenwort gewonnen hatte: „Ich schicke unsere Boys nicht nach Europa!“).

Dies sind keine Ausflüge in die Geschichte, Frau Bundeskanzlerin, sondern nur Bezeugungen, meiner Ehrfurcht und Dankbarkeit vor den Vereinigten Staaten.

Doch wie jeder einzelne, so ändert sich auch jedes Volk innerhalb von 70 Jahren: Jenes Amerika, das mit seinem Marshall-Plan das zertrümmerte Europa 1945 wiederaufbaute – ist völlig unvergleichbar mit dem heutigen. 

Keine Nation bleibt d a u e r n d groß!

Dies alles, Frau Merkel, wissen Sie wie ich und wie jeder.

Ein Beispiel noch: Als ich einem Jahrgänger sagte, ich werde Ihnen heute diese Bitte vortragen, sagte der: „Vergiß nicht, Snowden ist ein vereidigter Geheimdienstler! Er hat Verrat begangen.“

Ich entgegnete: „So einen hatten auch wir, Admiral Canaris, Hitlers Geheimdienst-Chef ; auch der war vereidigt. Doch auch für den kam die Stunde der Entscheidung wie für Snowden, als er nämlich über das damals neutrale Spanien Frieden mit England und Amerika machen wollte.“ Wofür Hitler Canaris aufhing.

So entstehen für Verantwortliche immer erneut wie immer unvergleichbar Situationen, das muß ich, Frau Bundeskanzlerin, nicht ausgerechnet Ihnen erläutern, wo Landesverrat noch das einzige und letzte Mittel jedes anständigen Menschen ist, der sich plötzlich einem Problem ausgeliefert sieht, wie heute Mr. Snowden: Wäre er mit der fürchterlichen Wahrheit, die auch jeden von uns betrifft, nicht ins Ausland gegangen – , in vollem Bewußtsein, seine Familie nie wiederzusehen, hätte er diese Wahrheit überhaupt nie an die Öffentlichkeit bringen können! Oder jedenfalls nicht, ohne sofort und für den Rest seiner Tage inhaftiert zu werden ...

Sie kennen den Sarkasmus von Bernard Shaw: „Man hält mich für einen Meister der Ironie. Doch auf die Idee, im Hafen von New York eine Freiheitsstatue zu errichten – wäre selbst ich nicht gekommen.“

A k t u e l l e r Bezug: Wie sehr die Verfolgungsjagd auf Edward Snowden binnen 8 Tagen sogar völlig unbeteiligte Länder infiziert hat, das ist drastisch abzulesen, an ihrem Verbot, in W i e n die Maschine eines südamerikanischen Präsidenten starten zu lassen, bevor sie untersucht hatten, ob nicht der Gehetzte mitfliege. Ebenso hatten ja schon m e h r e r e Länder, die sich vermutlich ohne Selbstironie, wie auch unsere BRD für souverän halten, auf Befehl der USA diesem Staatsoberhaupt die Überflugrechte verboten!

Trotzdem: Kennen Sie, Frau Bundeskanzlerin, seit Stalins Tod e i n e n ähnlichen Willkürakt über einen europäischen Staat, der sich für souverän hält –, wie jetzt jene „Anordnungen“ der USA, sogar die Maschine eines südamerikanischen Minister-Präsidenten volle 12 Stunden am Weiterfliegen zu hindern?

Noch einmal: Es ist in diesem Moment die oberste moralische Pflicht Deutschlands, Edward Snowden Asyl zu geben w i r wie kein anderes europäisches Land sind dazu verpflichtet, im Hinblick auf unsere schimpfliche Vergangenheit! Denn wie oben gesagt: Vor genau 80 Jahren hat auch jeder deutsche Intellektuelle vom Range Edward Snowdens allein d e s h a l b überlebt, weil fremde Länder ihm Schutz gewährt haben.

Selbstverständlich werden für Sie persönlich, verehrte Frau Merkel, wie auch für die BRD nur allergrößte Schikanen aus Washington damit verbunden sein, wenn Sie Snowden dank Ihrer persönlichen Menschlichkeit und auch der unseren Staates Zuflucht gewähren!

Doch auch den Schweizern – ein weiteres Beispiel – machte es nur höchst bedrohliche Scherereien, als sie Thomas Mann 1933 Asyl gewährten, weil Hitlers Berner Botschafter von Weizsäcker dem Dichter die deutsche Staatsbürgerschaft „entzogen“ hatte ...

 

Mit Dank und Grüßen, sehr verehrte Frau Bundeskanzlerin ihr Ihnen sehr ergebener Rolf Hochhuth, der Ihnen ein Blatt von Georg Grosz beilegt: ,Der Fliehende vor der Brooklyn-Bridge´. 

 

Rolf Hochhuth

Rolf Hochhuth ist ein deutscher Dramatiker und ein maßgeblicher Anreger des Dokumentartheaters. Er setzte sich wiederholt mit der NS-Vergangenheit und aktuellen politischen und sozialen Fragestellungen auseinander.

11:59 10.07.2013

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