Sei kein leerer Eimer

Missbrauch Coaches predigen im Netz und auf Bühnen die Selbstliebe. Oft verharmlosen sie damit psychische Gewalt
Sei kein leerer Eimer

Illustration: der Freitag

Selbstliebe ist überall. Schon in der Bibel heißt es: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Heute steht der Begriff auf Instagram, Facebook oder als schmuckes Tattoo in feministischen Kreisen unter dem Hashtag #SelfLoveClub für Body Positivity, Selbstakzeptanz. Seit einiger Zeit entwickelt sich aus dem Konzept heraus zudem eine florierende Branche. In sich gut verkaufenden Ratgeberbüchern wird die Selbstliebe zum zentralen Grundsatz für ein erfüllendes Leben und funktionierende Partnerschaften erklärt. Zu wenig Selbstliebe führe dabei, so die Annahme, zu toxischen Beziehungen, in denen eine oder beide Personen leiden. Selbstliebe kann Menschen dabei helfen, mit Emotionen gesünder umzugehen. Das Konzept wird allerdings zum Problem, wenn der Mangel an Selbstliebe auch zur Erklärung für partnerschaftlichen Missbrauch, häusliche Gewalt und männliche Dominanz zur Hand genommen wird.

Demütigen, drohen, erpressen

Als ich mich im letzten Jahr von meinem damaligen Partner trennte, war mir sofort klar, dass einiges schiefgelaufen war. Ich war erniedrigt, eingesperrt und geschlagen worden. Und hatte es nach Monaten geschafft, mich von ihm zu trennen. Erst langsam begriff ich, dass die körperliche Gewalt nur der Höhepunkt von etwas viel Perfiderem gewesen war: psychischer Missbrauch. Damals wusste ich noch nicht, dass dies wirklich eine Art von Gewalt ist. Aber ich bin kein Einzelfall. In einer 2014 von einer EU-Expertenkommission veröffentlichten Studie gaben 43 Prozent der Frauen an, eine Form der psychischen Gewalt durch ihren Partner oder ihre Partnerin erfahren zu haben. Etwa jede dritte Frau erlebt laut dieser Umfrage aktuell psychische Misshandlung in der Partnerschaft. Dazu gehört Verhalten wie Herabsetzen; Demütigen; das Verbot, das Haus zu verlassen; Einschließen, die Nötigung zum Schauen pornografischer Filme; Verängstigen; Einschüchtern; Bedrohen oder Erpressen.

Psychischer Missbrauch wird oft verharmlost. Täter diskreditieren die Opfer als „hysterisch“, reden ihnen ein, sie würden übertreiben. Medien berichten über psychische und physische Gewalttaten als Familien- oder Beziehungs„dramen“ oder simple Streits. Vielleicht wird psychischer Missbrauch so selten als wirklicher Gewaltakt gesehen, weil man sich einfach nicht vorstellen kann, dass die Manipulationen wirklich so weit reichen können, dass sie eine Person wehrlos machen.

Im Kontext von (Selbst-)Liebes-Coachings nimmt diese Verharmlosung eine neue Dimension an. Unter Rückgriff auf das Selbstliebekonzept werden strukturelle Probleme außer Acht gelassen und Beziehungsmuster komplett individualisiert. So spricht beispielsweise Diplompsychologe und Paartherapeut Christian Hemschemeier in seinen „Liebescoachings“ auf Youtube immer wieder vom „Selbstmissbrauch“, den man in sogenannten toxischen Beziehungen aus mangelnder Selbstliebe an sich betreibt. Eine Frau beschreibt in ihrer Zuschauer*innenfrage etwa, dass sie von ihrem Partner zu sexuellen Handlungen gedrängt wurde. Hemschemeiers Kommentar: „Leere innere Eimer ziehen eben Menschen mit narzisstischer Thematik oder Egozentrik an.“ Übersetzt: Wer psychisch missbraucht wird, ist selbst schuld. Sie hätte ja gehen können. Die Videos von Hemschemeier sollen Kunden für seine Beratung anlocken. Eine 50-minütige Telefonsitzung mit dem Diplom-Psychologen, in der unter anderem die (Ex)-Beziehung analysiert und der „Liebeschip umprogrammiert“ werden kann, kostet: 217 Euro.

Hemschemeier ist nur ein Beispiel in einer ganzen Reihe von Beziehungs- und Liebescoaches, die Missbrauch verharmlosen und damit Geld verdienen. Die Verantwortung für Gefühle, Gedanken und Verhalten wird auf den Einzelnen übertragen, so wie es bei Bestsellerautor und Coach Robert Betz heißt: „Das meiste Leid tut sich der Mensch selbst an.“ Stefanie Stahl, Psychologin und „Bindungsangst-Expertin“, empfiehlt etwa bei einer Abhängigkeitsbeziehung zu Menschen mit einer Persönlichkeitsstörung schlicht Willenskraft: „Nur wenn du wirklich etwas ändern willst, schaffst du das auch. Es liegt allein an dir.“ Der Andere verschwindet dahinter.

Das Konzept kommt gut an. „War’s eine Zwangsheirat? Waren Sie bewusstlos?“ Der Arzt und Psychotherapeut Ruediger Dahlke spricht Ende Juni in der randvollen Olympiahalle in München auf einer Konferenz für Coaching, dem „LIFEfest für Glück und Erfolg“. Standard-Eintrittspreis: 99 Euro. Sein Thema: „So macht Selbstliebe glücklich und gesund“. Seine Methode gegen schlechte Beziehungen: „Selbstverwirklichung ohne Ausreden und faule Kompromisse“. Ähnliche Prinzipien empfiehlt der Autor von über 100 Publikationen zur Heilung von Krebs, der sich seiner Ansicht nach erst entwickeln könne, weil ein psychisches Erlebnis das Immunsystem blockiere. Noch mehr Beziehungstipps gibt es von Tobias Beck. Er sprach auf dem „LIFEfest“ unter dem Titel „Gesunde Beziehungen führen – beginn bei dir selbst“. Beck geht mit seinem Programm auf Tour, füllt Stadien in etlichen deutschen Städten. Sein Leitspruch für gesunde Beziehungen: „Es gibt eine einzige Person, mit der musst du als Allererstes Frieden finden und dich in die verlieben: Das bist du.“ Ein zweitägiges „Bootcamp Personality“ bei Beck kostet knapp 4.000 Euro.

„Sie müssen es nur wollen“

Nichts ist dagegen einzuwenden, nach missbräuchlichen Beziehungen Hilfe zu suchen, auch therapeutische. Aber: Coachings wie die von Hemschemeier, Beck oder Dahlke tragen unter dem Deckmantel der Selbstliebe dazu bei, dass Opfer reviktimisiert werden und der Missbrauch an Frauen – psychisch, körperlich oder, wie im Hemschemeier-Beispiel, sexuell – verharmlost wird. Inwiefern sie für die Behandlung psychischer Probleme ausgebildet sind, scheint nicht immer wichtig, wie bei Robert Betz, der Psychologie studierte, dann als Werbefachmann arbeitete und später die wissenschaftlich nicht anerkannte Reinkarnationstherapie erlernte. Zudem wird psychische Gesundheit auf diese Art entpolitisiert und als eine Art Wellness-Wochenende verkauft. Vielleicht ist die Ansicht, man könne mit ein wenig Mut aus einer toxischen Beziehung einfach ausbrechen, leichter zu akzeptieren als die Idee, dass das Schicksal nicht immer in der eigenen Hand liegt.

Statt ihn zu verharmlosen, sollte psychischer Missbrauch als Gewaltakt und Vorstufe körperlicher Gewalt an Frauen ernst genommen werden. Helfen würde die Strafverfolgung solcher Taten, die im Privatraum passieren. Und die Arbeit mit den Tätern. Entsprechende Beratungsangebote gibt es. Die Wahrnehmung dieser Angebote setzt jedoch voraus, dass psychische Gewalt auch als solche begriffen wird und die Opfer den Fehler nicht bei sich selbst suchen. Solange allerdings das Problem immer wieder als toxisches Beziehungsmuster verharmlost wird, bleibt es Privatsache.

Selbstliebe ist wichtig, sie kann empowern und dazu führen, dass man sich, wie im Falle von Body Positivity, zusammenschließt, um sich gegenseitig zu stärken. Sie steht für ein achtsames und empathisches Verhältnis zu sich selbst und anderen. Toxisch wird es, wenn Menschen in Not an Scharlatane geraten, die ihnen die Schuld für fremdes Vergehen einreden wollen und damit kräftig Kohle machen.

Lea Sauer hat an der Universität Siegen in französischer Literaturwissenschaft promoviert

06:00 25.11.2019
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