Sieg der Karrieristen

NS Ottmar Ette weist nach, wie stark der bekannte Romanist Hans Robert Jauß von seiner SS-Sozialisation geprägt war. Und dann gibt es da noch den Fall Emrich
Ralf Klausnitzer | Ausgabe 29/2016 2

Als der Romanist Ottmar Ette neulich sein Buch Der Fall Jauß vorstellte, war das Berliner Centre Marc Bloch überfüllt. Kaum verwunderlich: Die NS-Vergangenheit des Hans Robert Jauß hatte nicht nur die Universität Konstanz bewegt, wo der berühmte Begründer der Rezeptionsästhetik mit seiner Antrittsvorlesung Literaturgeschichte als Provokation der Literaturwissenschaft 1967 Furore gemacht hatte. Schon 1997, nachdem erste Details über das Wirken des ehemaligen Hauptsturmführers der Waffen-SS bekannt geworden waren, sahen sich seine Schüler zu Stellungnahmen und Apologien verpflichtet. Besonders hoch schlugen die Wellen, als sich die Kunst des Falls annahm: Noch bevor die Universität Konstanz im Mai 2015 das Dossier des Militärhistorikers Jens Westemeier öffentlich machte, das Jauß’ Beteiligung an Kriegsverbrechen in Kroatien nachwies, hatte das Theaterstück Die Liste der Unerwünschten von Gerhard Zahner Premiere, das ein mögliches Mitwirken von Jauß an der „Überstellung“ französischer Kriegsgefangener ins KZ Stutthof thematisierte. Obwohl diese Mitwirkung bislang nicht durch Quellen belegt ist, adaptierte Didi Danquart die Vorlage für seinen Film Die Antrittsvorlesung.

Ottmar Ette geht anders vor. Der Fall Jauß soll zeigen, wie frühe NS-Prägungen im Werk des Romanisten fortwirkten. Die Ausgangsthese lautet, dass die Sozialisationserfahrungen auf den SS-Junker-Schulen, an denen Jauß ausgebildet wurde und später selbst unterrichtete, auch die Denk- und Schreibweisen des späteren Wissenschaftlers und Wissenschaftsorganisators konditionierten. Jauß konnte zwölf Lehrstühle mit seinen Schülern besetzen, er begründete die einflussreiche Forschungsgruppe „Poetik und Hermeneutik“ mit und er repräsentierte die „Konstanzer Schule der Literaturwissenschaft“. Seine Erfolge sieht man nun allerdings in einem neuen Licht.

Die Habitusformen des durchsetzungsstarken Philologen entstammten der Indoktrination und der Tätigkeit als Chef der wallonisch-französischen Inspektion in der SS-Panzergrenadierschule Kienschlag in der Nähe von Prag, wo er die weltanschauliche Erziehung leitete und die erforderliche gefestigte Haltung überprüfte. Leistungsdenken und Elitenbewusstsein, Korpsgeist und Kampfeswillen lassen sich so aus Jauß’ Vergangenheit vor 1945 erklären; das Motto seines Doktorandenkollegs, „Kampf und Sieg“, fundierte ein „System Jauß“, das für die Wissenschaftsgeschichte der alten Bundesrepublik kaum zu überschätzende Bedeutung gewonnen habe.

Zugleich sucht Ette in den Schriften von Hans Robert Jauß nach Chiffren, die es ihm erlaubt haben, „verdeckt“ über seine Vergangenheit sprechen zu können. Ob diese Hermeneutik des Verdachts eine angemessene wissenschaftshistorische Rekonstruktion tragen kann, lässt sich an dieser Stelle kaum diskutieren. Entscheidender sind die in der Diskussion um den Fall erneut aufgeworfenen Fragen nach den teils dunklen Herkünften unserer philologischen Wissenskulturen – und was aus dem Verhalten von Forschern in der Zeit zwischen 1933 und 1945 heute zu lernen ist.

Versäumnisse

Dass sich diese offensive Form der Vergangenheitsbewältigung erst heute einstellt, hat auch etwas mit zurückliegenden Versäumnissen zu tun. Die historische Selbstreflexion, die mit dem Germanistentag vor 50 Jahren begann, konzentrierte sich auf Täter, die bereits unmittelbar nach Kriegsende als „Sündenböcke“ der Diziplin exkommuniziert worden waren; der George-Adept und Nietzsche-Interpret Ernst Bertram gehörte ebenso dazu wie der Wiener Ordinarius Josef Nadler mit seiner berüchtigten Literaturgeschichte des deutschen Volkes. Andere wie der in Bonn wirkende (Groß-)Germanist Benno von Wiese – der in seiner Studienzeit mit Hannah Arendt befreundet war und ab 1936 als Lektor in Alfred Rosenbergs Schrifttumskommission Gutachten abgab – gelangten nicht ins Visier kritischer Nachfragen.

Auch der prominente Germanist Wilhelm Emrich wurde erst durch den Schlüsselroman Der Urfreund von Kurt Mautz im Jahr 1996 von seiner Vergangenheit eingeholt. Aktuell forscht man nun an der Berliner Humboldt-Universität über den 1908 geborenen Emrich. Schon dessen Jugendgeschichte erweist sich als Fundgrube für Beobachtungen zur Mentalitätsgeschichte der deutschen Intelligenz. An der liberalen Frankfurter Universität studierend, hatte er schon vor 1933 im Bannkreis von Theodor Wiesengrund Adorno gestanden und zu den ersten produktiven Lesern von Walter Benjamins Buch über die Ursprünge des deutschen Trauerspiels gehört.

Nach der Promotion arbeitete er als Lektor für die Deutsche Akademie auf dem Balkan und als Lehrer und Erzieher an einer Hermann-Lietz-Schule in Buchenau, bevor er – wegen einer körperlichen Behinderung kriegsdienstuntauglich – im Januar 1942 ans Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda kam. Zunächst als „Erkundungsreferent“ an der Deutschen Bücherei Leipzig eingesetzt, überwachte er hier die neuen Publikationen; zugleich war er an der Erstellung einer Bibliographie des jüdischen Schrifttums in deutscher Sprache beteiligt, die der Identifikation und Ausschaltung des „Gegners“ dienen sollte und unter anderem von Elisabeth Frenzel genutzt wurde, die jüdische Theaterschaffende observierte. Im Februar 1943 kehrte Emrich in die Schrifttumsabteilung des Reichspropagandaministeriums nach Berlin zurück und übernahm das Hauptreferat staatsfeindliches Schrifttum: keine schlechte Karriere für ein früheres Mitglied der Roten Studentengruppe und der SAP.

Doch wirkte Emrich nicht nur als aktiver Mitarbeiter des germanistisch promovierten Propagandaministers. Neben ministeriellen Verpflichtungen wurde ihm die Ableistung des Referendariats genehmigt, das er im Februar 1944 mit dem Zweiten Staatsexamen abschloss. Zeitgleich mit der Tätigkeit im Berliner Ministerium – in dem er zuletzt das Hauptreferat Wissenschaft verwaltete – betrieb er erfolgreich seinen zweiten Habilitationsversuch. Nachdem die Frankfurter Universität seine profunde Untersuchung zur Symbolik von Faust II abgelehnt hatte, gelang es ihm 1944 an der Friedrich-Wilhelms-Universität, sich zu habilitieren. Publizistisch zeigte er ebenfalls Flagge: Mit dem berüchtigten Artikel über den Einbruch des Judentums in das wissenschaftliche und fachliche Denken sowie Beiträgen in den systemkonformen Zeitschriften Die Weltliteratur und Europäische Literatur dokumentierte er, was aus dem Schüler Adornos geworden war.

Im Herbst 1945 wurde Emrich zwar durch die US-amerikanischen Besatzungstruppen inhaftiert. Doch konnte er das Spruchkammerverfahren zur Entnazifizierung im Frühjahr 1948 durch seine Darstellung von angeblichem Widerstand im RMVP erfolgreich bestehen. Als „entlastet“ bemühte er sich nun um den Aufbau einer akademischen Karriere, die ihn nach Stationen in Göttingen und Köln 1959 als ordentlichen Professor an die Freie Universität nach Berlin führte. Dort hielt er im Rahmen der Universitätstage 1964 den Vortrag Kann Dichtung verboten werden? – was angesichts seiner früheren Tätigkeit im „Verbotsreferat“ des Reichspropagandaministeriums besondere Brisanz gewinnt.

Zu den frappierenden Gemeinsamkeiten der Fälle Jauß und Emrich gehört nicht allein der Umstand, dass es keine Einzelverfehlungen waren, sondern auch das jahrzehntelange Schweigen der Täter. Wie sie mit der Last dieser Vergangenheit leben konnten, wird ein Rätsel bleiben, ihre Taten aber und, darüber hinaus, ihre Wirkmacht auf die Nachkriegsph

Ralf Klausnitzer lehrt Literaturwissenschaft an der Berliner Humboldt-Universität

Info

Der Fall Jauß. Wege des Verstehens in eine Zukunft der Philologie Ottmar Ette Kadmos 2016, 160 S., 19,90 €

06:00 03.08.2016

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