Sihanouk, adieu

Kambodschas König will abdanken Der Monarch mit der weinerlichen Stimme hat innerhalb von vier Jahrzehnten zum dritten Mal auf seinen Thron verzichtet. Diesmal erscheint es höchst ...

Der Monarch mit der weinerlichen Stimme hat innerhalb von vier Jahrzehnten zum dritten Mal auf seinen Thron verzichtet. Diesmal erscheint es höchst zweifelhaft, ob der 82-Jährige seinen Entschluss - wie schon des öfteren geschehen - irgendwann widerruft. Norodom Sihanouk ist gesundheitlich angeschlagen und residiert seit Jahren nur noch selten im Palais Royal von Phnom Penh, sondern hält sich überwiegend zur medizinischen Behandlung in Peking auf. Zuletzt hatten ihn die erbitterten Machtgefechte zwischen der regierenden Cambodian People´s Party (CCP) des Premiers Hun Sen und der royalistischen FUNCINPEC seines Sohnes Ranariddh derart abgestoßen, dass ihm der Rückzug in das Refugium des politischen Eremiten ein Bedürfnis zu sein schien.

Norodom Sihanouk war ohnehin längst nicht mehr der angebetete Schirmherr des Khmer-Volkes, der seine "kleinen Kambodschaner", wie er sie nannte, als nachsichtig-strenger Patriarch auf dem Pfad der Tugend hielt. So sehr er sich mit verzweifeltem Lächeln auch stets um das Gegenteil bemüht hatte - er konnte am Ende nie sein, was er selbst sein wollte. Er war kein vom Schicksal geliebter Herrscher, der sich hingebungsvoll in den Dienst der Nation stellen durfte. Er blieb eine so widersprüchliche wie tragische Figur, der zu entscheiden nur übrig blieb, was andere übrig ließen.

In den sechziger Jahre tat Sihanouk, was in seinen Kräften stand, um Kambodscha durch ein kluges Lavieren zwischen den Fronten vor dem Indochina-Krieg zu schützen und wurde doch im März 1970 von den Amerikanern und deren Marionette Lon Nol vom Thron geschoben. Er scheiterte danach als absonderlicher Alliierter der ultramaoistischen Khmer Rouge, die Kambodscha in eine archaische Agrarkommune verwandelten und Sihanouk nur solange als Galionsfigur ihres "antiimperialistischen Kampfes" duldeten, wie sie ihn brauchten. Als Pol Pot im April 1975 Phnom Penh eroberte, wurde der König bald darauf interniert und ein Teil seiner Familie ebenso massakriert wie mehr als anderthalb Millionen Kambodschaner. Das hinderte Sihanouk allerdings nicht daran, mit den Massenmördern nach deren Sturz 1979 weiter zu paktieren (was im Übrigen alle westlichen Staaten ebenso hielten), um die pro-vietnamesische Regierung Hun Sens aus den Angeln zu heben. Er begriff sehr spät, dass ihm eine Rückkehr nach Phnom Penh nicht an der Seite der Täter, sondern nur dank des Versöhnungswillens der Opfer möglich sein würde.

Als es 1993 soweit war, wurde Kambodschas Monarchie wie eine verlorene Ikone reanimiert, um das Trauma des zwischen 1975 und 1979 verübten Völkermords zu überwinden. Millionen Khmer versprach dieser Vorgang Trost und Überlebenshilfe. Realpolitisch aber hatte ihr König längst abgedankt, auch wenn er ein letztes Mal nach der Krone greifen durfte. Die Zeit war über Sihanouk, den Mythos, hinweg gegangen. Er selbst hatte nicht wenig dazu beigetragen.


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00:00 15.10.2004

Ausgabe 38/2020

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