Sklaven und Soldaten

Menschenrechte Die Vereinten Nationen wollen Kinderarbeit bis 2025 abschaffen, oder zumindest einschränken. Sie aber einfach zu verbieten könnte die Situation der Kinder noch verschlechtern. Was stattdessen notwendig wäre
Weltweit gibt es derzeit 250.000 bis 500.000 Kindersoldaten
Weltweit gibt es derzeit 250.000 bis 500.000 Kindersoldaten

Foto: Stefanie Glinski/AFP/Getty Images

Marmortische aus Indien, Blumenkleider aus Bangladesch, Gold aus Burkina Faso, Diamanten aus Sierra Leone, Pornovideos aus Thailand, T-Shirts aus der Türkei – am Anfang all dieser Produkte steht häufig die Ausbeutung von Kindern. Zwar ist die Zahl von Minderjährigen, die arbeiten und nicht zur Schule gehen, in den vergangenen 20 Jahren gesunken, dennoch arbeiten laut Internationaler Arbeitsorganisation (ILO) weltweit gut 265 Millionen Kinder. Davon fast zwei Millionen, so das Kinderhilfswerk Unicef, unter Bedingungen, die ihre Gesundheit akut gefährden.

Die Vereinten Nationen (UN) hatten 2021 zum Jahr der Ächtung von Kinderarbeit erklärt und eine Kampagne zu deren definitiver Abschaffung bis 2025 ins Leben gerufen. Eine Intention, die dem westlichen Kanon von Kindern als schutzwürdigen Wesen Rechnung trägt, doch wie realistisch ist das für 2025 ausgegebene Ziel? Und liegt es im Interesse der Kinder? Ein Blick auf die Fakten lässt zweifeln. 52,8 Prozent aller arbeitenden Kinder lebten 2020 in Asien, 30,2 Prozent im subsaharischen Afrika, der Rest in Lateinamerika und der Karibik. Regionen, in denen die Armut groß ist und Kinder den Lebensunterhalt von Familien sichern helfen. Hinzu kommt seit fast zwei Jahren eine Pandemie, die ganze Volkswirtschaften kollabieren lässt. Millionen Menschen haben in Nordafrika oder Lateinamerika ihre Existenz verloren und sehen sich gezwungen, ihre Kinder für Lohnarbeit in die Städte, in Minen und Ziegelfabriken oder als fliegende Händler auf die Straße zu schicken oder an Warlords zu verkaufen.

Wer Kinderarbeit abschaffen will, muss zunächst extremer sozialer Ungleichheit begegnen. Urszula Markowska-Manista, Dozentin für Kinderrechte an der Universität Warschau, warnt vor radikalen Lösungen, „die im Namen einer höheren Idee andere Kinderrechte wie das Recht auf Arbeit, Ernährung und Mitsprache einschränken“. Auch die Organisation Kindernothilfe hält nichts von einem Verbot. Kinderarbeit finde vorrangig im informellen Sektor statt, so deren Kinderrechtsexpertin Lea Kulakow, umso wichtiger sei es, die strukturellen Ursachen für Kinderarbeit anzugehen. Das heiße, die Lebensumstände vieler Menschen nachhaltig zu verbessern.

Der größte Teil von Kinderarbeit wird innerhalb familiärer Strukturen verrichtet – als Viehhirte, Ziegelbrenner oder Erntehelfer. Im Extremfall kommen Prostitution oder Militärdienst in Betracht. Weil zu wenig getan wird, um die Täter zu verfolgen, gehört der Handel mit Kindern in der Sexindustrie neben Drogen- und Waffengeschäften inzwischen zu den lukrativsten Branchen – und wird vorzugsweise von westlichen Kunden finanziert.

Weltweit gibt es derzeit 250.000 bis 500.000 Kindersoldaten. Rekrutiert für Kriege, an denen die Herkunftsländer der Kinder ihren Anteil haben. Kann man ernsthaft erwarten, dass Milizenchefs, die Kinder entführen, um aus ihnen Soldaten zu machen, eine UN-Kampagne zur Abschaffung von Kinderarbeit beeindruckt?

Händler und Erntehelfer

Kinderrechte sind Menschenrechte, unteilbar, universell und unveräußerlich. Das bedeutet: Was für ein Kind gilt, muss für alle Kinder gelten, ohne Abstriche. Festgeschrieben sind die Kinderrechte in einer UN-Konvention von 1989, der mittlerweile 196 UN-Mitgliedstaaten (nicht die USA) beigetreten sind, zuletzt Somalia und Südsudan 2015. Zusätzlich benennt das ILO-Abkommen 182 von Ende 2000 die globale Verpflichtung, die schlimmsten Formen von Kinderarbeit – sexuelle Ausbeutung, Sklaverei, den Kriegseinsatz oder andere Tätigkeiten, die Gesundheit, Moral oder Psyche beeinträchtigen – abzuschaffen. Seit 2020 haben alle 187 ILO-Länder diese Übereinkunft ratifiziert.

Ein Blick auf die Wirklichkeit von Kindheiten jenseits gut situierter Kreise in der westlichen Welt zeigt, dass die Universalität von Kinderrechten Wunschdenken bleibt. An der wirtschaftlichen Ausbeutung des globalen Südens ändert sich nur wenig, schon gar nicht an der Lebenswirklichkeit heranwachsender Generationen. Trotz vieler PR-wirksamer Versprechen von Unternehmen, fair zu produzieren, produzieren Kinder in armen Ländern weiter günstig Waren für die Konsumbedürfnisse wohlhabender Gefilde und sind für ein neoliberales Wirtschaften unverzichtbar. So urteilt der Verein ProNats, der Hilfe für arbeitende Kinder und Jugendliche fördert: „Das Projekt einer Welt ohne Kinderarbeit ist die Fortführung eines vorgeblich humanistischen Diskurses, der auch schon gewalttätige koloniale Praktiken legitimiert hat.“ Der „Politik gegen Kinderarbeit“ liege ein eurozentrisches Kindheitskonzept zugrunde, das als einzig mögliche Form von Kindheit propagiert werde.

Sicher gab es zuletzt etliche Erfolge, sodass weniger Kinder schwere Arbeiten verrichten müssen, öfter in die Schule gehen und mehr Regierungen Gesetze zum Schutz von Kindern erlassen haben, um mehr Kinder aus der Armut zu holen. Doch blieb durch die Pandemie davon nicht soviel übrig, zumal eine globale Flüchtlingsbewegung darauf Einfluss hat. Kinder auf der Flucht sind anfällig für Ausbeutung, bereits vor fünf Jahren erstellte das Kinderhilfswerk Terre des Hommes einen Bericht, der zeigte, wie leicht Flüchtlingskinder für Kinderarbeit zu rekrutieren sind. Von gegenwärtig 79,5 Millionen Menschen auf der Flucht sind 40 Prozent unter 18 Jahren. Je nach Fluchtroute landen 40 bis 75 Prozent von ihnen unterwegs in ausbeuterischen Verhältnissen, weil sie Geld für Schleuser brauchen. Terre des Hommes fand Beweise, dass Minderjährige aus Syrien zu Zwangsarbeit oder Prostitution gezwungen werden. Die britische BBC deckte auf, wie Flüchtlingskinder in der Türkei für das Modeversandhaus Asos und den Konzern Marks & Spencer produzieren. Inwieweit dabei der Schutz vor Übergriffen, Krankenversicherungen, Mindestlöhne und ein wirksamer Arbeitsschutz von Belang sind, sei dahingestellt. Nicht zuletzt deshalb haben die Kindernothilfe und Terre des Hommes die globale Kampagne „Dialogue Works“ ins Leben gerufen. Dies führte zu 25 Kinderkomitees mit je 10 bis 15 Teilnehmern. Auch andere Hilfsorganisationen haben ähnliche Gruppen der Selbsthilfe oder Patenschaften begründet, die es Kindern ermöglichen sollen, nicht mehr arbeiten zu müssen. Ein großer Chor, der Forderungen der Kinder laut in die Welt trägt, ist daraus bisher nicht geworden.

Wo man Kinderarbeit bekämpft, wird sie oft kriminalisiert, aber nicht abgeschafft. Es gibt Textilfabriken in Bangladesch, in denen Kinderarbeit verboten ist, Kinder aber dennoch beschäftigt werden, nun versteckt und ohne Schutz. In Lateinamerika werden arbeitende Kinder oft zu Opfern von Polizeigewalt. Da Kinderarbeit illegal ist, wird kein Polizist dafür je zur Rechenschaft gezogen. Und wer Familien zwingt, die Kinder zur Schule zu schicken, riskiert damit schlechtere Lebensumstände für alle Beteiligten. Zudem gilt, ein Kind, das zum Lebensunterhalt beiträgt, läuft kaum Gefahr, verkauft oder verstoßen zu werden.

Diese Gefahr sieht auch die Kindernothilfe. „Ein Verbot kann die Lage von arbeitenden Kindern sogar noch verschlechtern. Sie werden dann möglicherweise in Verhältnisse gezwungen, in denen sie größeren Risiken ausgesetzt sind“, findet Lea Kulakow.

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