Sonntag Abend

ANSICHTEN Nein, sie konnte nicht, ging ich eben allein. Es regnete ein bisschen, der Herbst zeigte, dass er da ist, anwesend, so wie sie abwesend war. Wir ...

Nein, sie konnte nicht, ging ich eben allein. Es regnete ein bisschen, der Herbst zeigte, dass er da ist, anwesend, so wie sie abwesend war. Wir hätten uns gut unterhalten können, das Stück war nicht ganz schlecht. So fuhr ich hinterher allein nach Hause, und irgendwann am Abend schaltete ich das Radio ein. Dort redeten sie von Afghanistan. Der Regen hatte inzwischen aufgehört. Hinterm Horizont regnete es Bomben und Raketen. Unwillkürlich schaute ich aus dem Fenster in den Abend, aber der war wie immer. Nichts unterschied ihn von anderen Abenden, hinter den Fenstern brannten Lichter, ab und zu fuhr leise ein Auto. Im Radio wirkten sie gehetzt. Und ängstlich. Es ist Krieg, dachte ich. Schon wieder. Und dass deutsche Soldaten dabei sein werden, stand außer Frage. Ein Anruf würde genügen. Eine langsame, knarrende Stimme erklärte es mir. Niemand sagte, dass dieses Land aus seiner Geschichte aussteigt, Stück für Stück, immer ein bisschen mehr. Ich schaltete das Radio wieder ab. Sie hatten so viel Lust an der Angst. Sie waren so bedeutungsvoll. Und vielleicht stieg dieses Land ja auch gar nicht aus, vielleicht stieg es ja nur wieder ein, nahm den Faden wieder auf. Was im vorigen Jahrtausend begonnen hatte, wurde schlicht fortgesetzt.

Geschichte wiederholt sich als Farce, schrieb einer vor vielen Jahrzehnten. Und ob nun Kriegsschiff oder Flugzeug ist egal. Aber was nützen kluge Sätze, wenn keiner hinhört. In dieser Stadt geht man seit ein paar Wochen wieder zu Montagsdemos. Ich werd sie anrufen. Vielleicht hat sie Zeit. Dann können wir zusammen demonstrieren gehen, für den Frieden: Klingt so, wie es immer geklungen hat, ein wenig hilflos, etwas traurig und sehr schön.

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00:00 16.11.2001

Ausgabe 42/2021

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