Spee auf Rädern

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Die Friedensfahrt ist so etwas wie Spee. Den Einen also Erinnerung daran, dass die DDR über Jahrzehnte eine - meinetwegen: auch - sehr wohl funktionierende und lebenswerte Gesellschaft war, in der die Kleidung dank des Waschmittels sauber und das sportlich-ästhetische Bedürfnis des Menschen dank wirklich großen Sports nicht schlecht befriedigt war. Den Anderen sind Friedensfahrt und Spee neue, unbekannte, nicht schlechte, aber doch sehr billige Produkte.

Die Einen entstammen dem Osten, die Anderen dem Westen. Dort hat Spee, das Waschmittel, den Weißen Riesen verdrängt. Nur weil es ein Billigwaschmittel ist, hat es sich auf dem Markt behaupten können. Mit Persil oder Ariel, den teureren und als qualitativ besser geltenden Marken, kann Spee nicht konkurrieren. Im Westen gilt die Friedensfahrt, das alljährliche Radrennen, das in diesem Jahr am 11. Mai in Lodz startet und am 19. Mai in Potsdam endet, als etwas leidlich Besseres als die Niedersachen-Rundfahrt. Es ist nicht so gut, aber länger als das Rennen "Rund um den Henninger Turm" in Frankfurt am Main. Und weil es schon seit Jahrzehnten existiert, ist es auch nicht so schwer am Markt zu platzieren wie beispielsweise die "Deutschland-Tour", die im vergangenen Jahr mit großem Aufwand - gefeatured von Sat.1 - nach langer Zeit erstmals wieder ausgetragen wurde und der es in diesem Jahr nicht mal mehr gelungen ist, Trainingsrennen für Jan Ullrich zu sein. So etwas gelingt der Friedensfahrt zwar auch nicht, nach Stars wird man vergeblich suchen. Der prominenteste Fahrer ist der Profi-Neuling Robert Bartko, in Sydney im vergangenen Jahr noch Doppelolympiasieger - aber was heißt das schon im Radsport?

Der Friedensfahrt ist es dennoch in den vergangenen Jahren stetig gelungen, sich sportlich zu verbessern. Der Radweltverband vergibt Kategorien, welchen sportlichen Wert ein Rennen hat: Auf dieser Leiter sind die Friedensfahrer kontinuierlich geklettert. So gelingt es der Friedensfahrt immer mehr, Vorbereitungsrennen für die großen Rundfahrten zu werden. Doch bei "große Rundfahrten" ist der Plural beinah gelogen. Es ist nur noch die Tour de France, die alles bestimmt und an der sich alles ausrichtet. Der Giro d´Italia, die Spanienrundfahrt oder die Tour de Suisse haben nicht mehr den Stellenwert, den sie einst besaßen.

Der Giro, einst zweitwichtigstes Profiradrennen der Welt und ernsthafter Herausforderer der Tour, hat in den letzten Jahren immer mehr abgespeckt. Von 4.000 über 3.700 auf mittlerweile nur noch 3.500 Kilometer. In diesem Jahr ist der Abstieg schon so weit, dass einer wie Jan Ullrich, 1997 Tour-de-France-Sieger, verkündet, er führe lieber den Giro als die Deutschland-Tour, denn er sei ihm das bessere Training für die Tour de France. Dieser Bedeutungsabstieg des Giro d´Italia korrespondiert mit dem Aufstieg der Friedensfahrt. Unter der von allen akzeptierten Marktführerschaft der Tour de France, des Persils unter den Radrennen, sortieren sich die Konkurrenten brav und bescheiden in den Markt ein.

Vieles, was an die alte Friedensfahrt erinnerte, wurde, sorgsam und höflich freilich, aber dennoch: entsorgt. Das Radsport-Idol der DDR, Täve Schur, sollte dem Kuratorium, das die Friedensfahrt gerettet hat, nicht mehr angehören, seit es für die PDS im Bundestag sitzt. Dieser Schritt symbolisiert, dass sich die Friedensfahrt auf dem notwendigen Weg der Modernisierung befindet. Den zu akzeptieren, fiel ihr nicht leicht. Denn sie ist ja nicht irgendeine neue Radsportmarke, die sich irgendwie auf dem Markt realisieren will. An ihr hängen Erinnerungen und Emotionen. Nur: Dies sind Geschichten aus einer anderen Zeit.

Da war die Friedensfahrt noch ein Amateurradrennen, nicht einsortiert in den Markt des Berufsradsports. Sie hatte keinen Konkurrenten, zumindest keinen ökonomischen, und allen, die die Friedensfahrt fuhren, war die Tour de France völlig fremd. Die Friedensfahrt war also, was ihre Anhänger von ihr bis heute sagen: einzig. Das aber war Spee auch. Weil sie nicht mehr einzig sind, gibt es sie noch.

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00:00 04.05.2001

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