Sprachkünstlerin Françoise Cactus

Pop Wie die Band Stereo Total in Berlin entstand und was weiter geschah, das erzählen die knapp 120 Songs der Box „Chanson Hystérique“

Der Begriff „Nonchalance“ kommt aus dem Französischen. Er bezeichnet die Fähigkeit, eigene Ideen zu verfolgen, ohne sich allzu sehr um andere zu scheren; unbekümmert auszuleben, wovon man überzeugt ist. Nonchalance ist also ein Talent, und ein schönes Wort. Das zu Stereo Total passt wie die Brille auf die Nase der im Februar verstorbenen Françoise Cactus, Gründungsmitglied der Band.

Denn nonchalant, mit Betonung auf den Nasallauten des Wortes, ist Stereo Total stets gewesen. Seit der Gründung Anfang der 1990er, als die französische Wahlberlinerin Cactus und der aus Kassel stammende Brezel Göring sich in der damals noch weit vom Hauptstadtdasein entfernten, schmuddeligen Kulturgrütze Berlin kennenlernten, ihre musikalischen Underground-Vergangenheiten (Noise Rock auf der einen, Franko-Punk auf der anderen Seite) zusammenwarfen und gemeinsam mit weiteren Musiker:innen diese eigenwillige Mischung gebaren, diesen in Berlin-Kreuzberg angesiedelte Hybrid aus Punk und Minimalismus, Charme und Wortwitz, Ungezwungenheit und Timing.

Die Compilation Chanson Hystérique, eine Box mit Musik aus der ersten Stereo-Total-Dekade von 1995 bis 2005 plus Zusatzmaterial, ist deshalb auch die Dokumentation eines Lebensstils, den einige nicht mehr wollen, andere nie wagten und manche sich eh nicht vorstellen können.

Wie vielseitig und unkorrumpierbar die Band stets war, lässt einen angesichts der Fülle der Songs (und die Werkschau präsentiert nur die ersten sieben von 16 Alben) bewundernd schaudern: „Monsieur Dupont habite sous un pont / Au centre de la „Grande Nation“ / Croque-Monsieur, Croque-Madame / Il dort sur le macadam“, dichtete Cactus in C’est la mort, dem zweiten Song des Debütalbums von 1995, und malt mit wenigen Strichen ein Clochard-Setting, während ein Background „Ohh, ohh, ohh, ohh“ quietscht, muntere Casiotöne fiepen und das Schlagzeug vor sich hin rumpelt, gespielt, wahrscheinlich, von Madame elle-même. Dabei musste man nie wirklich des Französischen mächtig sein, um dem Appeal der Band zu verfallen: Es geht genauso um den Klang der Sprache wie um den Inhalt. Und Sprachkünstlerin Cactus, deren Akzent gepaart mit ihrer lebendigen, aufrührerisch-verführerischen Stimme stets Teil der Persönlichkeit war, scherzt eh in mehreren Idiomen.

Vor allem in den 1990ern, als sich zartere Gemüter angesichts des Post-Wende-Wirrwarrs noch nicht nach Berlin wagten und die Mauerjahre ernste Krachbands wie Einstürzende Neubauten produziert hatten, zeigte Stereo Total, dass es auch anders geht. Zwar war jener Szene gemein, dass man alles andere als Mainstream und schon gar kein kühler Techno sein wollte, doch Noise-Künstler:innen wie die Neubauten knallten potenzielle Gefälligkeit durch Wucht und Brachialität weg. Stereo Total dagegen verwehrte sich der Massen-Vereinnahmung mit so (t)rotziger wie romantischer Naivität: „Wenn du tanzt in deinem Schlafanzug / Siehst du sehr elegant aus und klug“, reimt es im Hit Ach Ach Liebling vom zweiten Album Monokini, und auch wenn Brezels Synthi-Hintergrund-Rhythmus entfernt an die harten Beats der 1980er erinnert, klammern sich schnell ulkige „Forbidden Planet“-Sounds obendrauf. Bedrohlich war Stereo Total nie und wollte es auch nie sein. Aber man darf die Band auch nicht unterschätzen: Die soundlichen und textlichen Bilder sind messerscharf. Oder, in ihren eigenen Worten: „Miau miau wilde Katze / Verbringt die ganze Nacht / Auf einem fremden Dach / Und kommt am nächsten Morgen / Zu mir ihre Milch holen.“ So ein Aas, möchte man sagen, diese Hybris!

Was beim Durchhören der überwältigenden Auswahl (knapp 120 Songs, darunter ein Duett mit Andreas Dorau und ein Song über die Skandal-Stricknudel Wollita) auffällt, ist überdies das von Anfang an selbstverständliche Gender-Bending: Natürlich singt in der Stereo-Total-Coverversion von Johnny Is The Boy For Me Brezel Göring die liebeskranken Zeilen „Johnny ist der Mann für mich / Das wusste ich schon ewig“. Natürlich sitzt auf einem Bild, das das lange Zeit auch privat verbundene Paar hinter einer „Just Married“-Fotowand mit Gucklöchern zeigt, Françoise als zylindertragender Bräutigam auf dem Fahrersitz, während Brezel sein Gesicht von einem Brautschleier umrahmen lässt.

Françoise habe ihn vor Konzerten oft ermahnt, nicht zu genau zu spielen, erzählt Brezel, damit niemand denke, es liefe eine Platte: Wie sehr Stereo Total trotz aller Liebe zu Chansons und Retro-Beat, trotz punktgenauer Breaks und Synthi-Pop-Parodien im Punk verwurzelt war und ist, macht die Chanson-Hystérique-Box, die neben der Musik und Fotos auch großartige „Bordelinekitsch“-Zeichnungen der Hobbymalerin Françoise enthält, unmissverständlich klar. Es sind die Ingredienzen des Punk – Energie, Anarchie, knallige Klänge, Nonchalance –, die den Sound definieren. „Ich kann selbst teure Instrumente wie eine 50-Euro-Gitarre klingen lassen“, sagte Brezel Göring einst. Das soll ihm erst mal einer nachmachen. Geht nämlich gar nicht.

Chanson Hystérique 1995 – 2005 Stereo Total 7 CDs/7 LPs im Boxset, Tapete Records 2021

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