Sprachrohr des Lügners

Lebensgeschichte Albert Speer schwindelte zeitlebens über seine Vergangenheit. Nach dem Krieg log der NS-Architekt weiter – mit der Hilfe von Joachim Fest
Sprachrohr des Lügners
Mehr Licht ins Dunkel zu bringen, war Speers Ding nicht
Foto: Ferdinando Scianna/Magnum Photos/Agentur Focus

Der stellvertretende Direktor des Instituts für Zeitgeschichte in München, Magnus Brechtken, hat ein Buch über Albert Speer geschrieben, in dem nun alles steht, was man wissenschaftlich abgesichert über Hitlers Lieblingsarchitekten und Rüstungsminister aufschreiben konnte. Ein solches Buch über Hermann Göring oder Adolf Hitler aus der Feder eines beamteten deutschen Historikers gibt es auch mehr als 70 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieg nicht. Warum also Speer?

Albert Speer hatte sich als Angeklagter im Nürnberger Kriegsverbrecherprozess reumütig gezeigt, aber Kenntnisse von oder gar Beteiligung an schweren Untaten abgestritten. Die Richter ersparten ihm den Strick und verurteilten ihn zu 20 Jahren Haft. Als er die in Spandau abgesessen hatte, begann er eine neue Karriere als Autobiograf und Zeitzeuge. Aber so, wie er in Nürnberg gelogen hatte, so log er auch jetzt ungebremst, da er in das komfortable Haus seiner Eltern in Heidelberg zurückgekehrt war. Dass er das tat, war verständlich. Sorgfältige Untersuchungen – etwa von Heinrich Breloer, der sie für einen Film unternahm –, ruinierten das Lügengebäude zwar allmählich. Trotzdem kam Speer mit seiner Version durch. Das ist der eine Skandal.

Der andere Skandal besteht für Brechtken darin, dass Speer dabei massiv von dem Verleger Wolf Jobst Siedler und dem Publizisten Joachim Fest unterstützt wurde. Man kann Brechtkens Ausführungen zu Speer auch als eine gigantische Brücke sehen, über die er zum zweiten Teil seines Buches kommt, wo er die Demontage des Journalisten, Historikers und Hitler-Biografen Fest betreibt.

Fest hatte allerdings für seine Bücher wenig Quellenstudium betrieben. Und was andere aus diesen Quellen ermittelten, interessierte ihn nicht. Das ist problematisch. Schließlich war Speer für die brutale Vertreibung der Juden aus ihren Berliner Wohnungen verantwortlich. Er wollte damit seine Pläne für eine „Welthauptstadt Germania“ verwirklichen. Zwangsarbeiter in der Rüstungsindustrie ließ er mörderisch quälen. All das hätte Fest beschäftigen müssen. Das war aber kaum der Fall.

Fest interessierte sich für Speer als Typus: der gebildete Deutsche aus guter Familie, der auf Hitler hereinfiel! Warum hatte, was Speer passiert war, vielen in Deutschland passieren können? Jetzt, nachdem Speer wieder in Freiheit war, konnte er ihn endlos befragen. Er half ihm beim Abfassen seiner Memoiren, seiner Gefängnistagebücher und beutete den Gesprächspartner auch für seine Hitler-Biografie aus. Dabei nahm er ihm alle Lügen kritiklos ab. Brechtken meint, der Verleger Siedler habe aus wirtschaftlichen Interesse gehandelt. Aber was trieb den Publizisten Fest an?

Auf Speer hereingefallen

Brechtken insinuiert, der Co-Autor und Biograf habe geschickt den Wunsch des deutschen Bürgertums bedient, eine Entlastungsfigur für die eigene Vergangenheit zu bekommen. Dafür sei Speer perfekt gewesen. So sei Fest auf Speer hereingefallen – und mit seinen Büchern zu einem wohlhabenden Mann geworden. Das ist nicht ganz falsch. Aber auch nicht die ganze Wahrheit. Denn Brechtken hat nicht begriffen, in welcher Art und Weise sich Joachim Fest als Historiker verstand.

Der Publizist befand sich – mit welchen Kenntnissen auch immer – in der Tradition der Historiker des 19. Jahrhunderts. „Die Natur erklären wir, das Seelenleben verstehen wir“, hatte Wilhelm Dilthey gesagt. Aber was heißt Verstehen? Dazu hatte der französische Philosoph Henri Bergson bemerkt, der Intellekt schreite den Gegenstand lediglich von außen ab, „ins Innere des Lebens“ führe aber „die Intuition“. Und auch, schärfer noch: „Der Intellekt charakterisiert sich durch eine natürliche Verständnislosigkeit für das Leben.“ Das ist in nuce genau die Lebensphilosophie, die hoch im Kurs stand, als Fest 1926 geboren wurde.

Wenn daraus gefolgert werden mochte, dass etwa Mentalitätsgeschichte wichtiger sei als Ereignisgeschichte, so kann man immerhin sagen, dass die meisten Historiker das nicht taten, aber den Vorgängern, etwa Theodor Mommsen und seiner Römischen Geschichte alle Hochachtung bewahrten, obwohl sie ihnen mit Fortschreiten der historischen Wissenschaft Fehler um Fehler nachwiesen. Geschichtsschreibung schafft, wenn sie es vermag, eigene Maßstäbe. Thomas Carlyle, dem Autor einer monumentalen Biografie Friedrichs des Großen, wurden von einem deutschen Gelehrten solche Fehler vorgehalten. Der Engländer erwiderte schroff: „Was geht mich Ihr König an!“

Fest wollte wissen, was Speer zu dem gemacht hatte, was er wurde. Wie er sich und seine Zeit erlebte und wie er Hitler sah. Speer war der Typus, den es in der Umgebung Hitlers und in den Führungsrängen der Diktatur sonst nicht gab: die Herkunft, der Bildungsweg, das Reflexionsniveau –wie das hier mit dem großen Verbrechen zusammenkam, das interessierte Fest. Wenn Brechtken moniert, das sei bei Speer nicht so einzigartig gewesen, Himmlers Elternhaus sei ähnlich gewesen, so fragt man sich doch, ob der Mann nicht besser Zahnarzt oder Wirtschaftsingenieur geworden wäre als Historiker. Die Unterschiede hat Brechtken jetzt zwar in seiner Speer-Biografie aufscheinen lassen. Aber er hat sie nicht verstanden.

Joachim Fest selbst nämlich war gar kein wirklicher Historiker. Er hatte – wie Mommsen – Jura studiert, bevor er sich als Journalist einen Namen machte: mit Essays zur Zeitgeschichte. Zeitweilig leitete er das Fernsehmagazin Panorama des NDR. Als er in der FAZ das Feuilleton leitete, gab es in seinem Ressort zwei promovierte Historiker. Die wussten, dass er kein Geschichtswissenschaftler war und auch nicht versuchte, so zu arbeiten. Einer von beiden war ich. In einem Gespräch, wie wir es gelegentlich in seinem Zimmer führten, wenn die Tagesarbeit getan war, schimpfte er über die Historiker, die wie Nietzsches „Knötchenlöser“ in belanglosen Daten herumstocherten und sich wichtig machten. Mir fiel dazu etwas ein, was Johann Gustav Droysen gesagt hatte: „Das Faktum steht nicht in den Quellen.“ Und: „Die Richtigkeit der Fakta ist stets prekär.“

Da ging ein Leuchten über das Gesicht des zu jener Zeit immerhin schon berühmten biografischen Geschichtsschreibers. Ich musste ihm versprechen, ihm den Stellennachweis für das Zitat schon am nächsten Morgen mitzubringen. Es hatte ihm das Herz gewärmt und den Kopf frei gemacht. Ich sagte ihm nicht mehr, dass Droysen seine mit großem Schwung geschriebene Alexander-Biografie, mit der er die Entdeckung der Epoche des Hellenismus eingeleitet hatte, im Alter nach intensiven Quellenstudien bis zur Unleserlichkeit umgeschrieben hat. Wozu auch? Das Kritische können immer andere besorgen.

Info

Albert Speer. Eine deutsche Karriere Magnus Brechtken Siedler Verlag 2017, 912 S., 40 €

06:00 12.07.2017

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