Staatsbegräbnis dritter Klasse

Warum Osttimor kollabiert Über Taufpaten, die jetzt als Leichenfledderer zurückkehren

Im Mai 2002 - Osttimor zelebrierte gerade seine Unabhängigkeit - verkündete der angereiste Ehrengast, UN-Generalsekretär Kofi Annan, die Welt sei noch nie so vereint gewesen, einer kleinen Nation als Taufpate beizustehen. Ob vorsätzlich oder nicht - Annan täuschte sich und die Vereinten Nationen. Alle Umstände dieses vermeintlichen Weges in die Souveränität sprachen gegen sein euphorisches Urteil.

Die "westliche Wertegemeinschaft" hatte bis dahin gedeihliche Beziehungen zu Osttimors großem Nachbarn Indonesien stets sehr viel höher eingestuft als die Sorge um das politische Schicksal einer winzigen Ex-Kolonie Portugals mit gerade einmal 800.000 Einwohnern. Das wurde nicht nur unter Beweis gestellt, als General Suharto 1965 mit einem blutigen Staatsstreich die Macht usurpierte und 1975 seine Soldaten in Osttimor ungestraft einmarschieren ließ, um dort bis 1999 ein Viertel der Bevölkerung massakrieren zu lassen. Das belegte zudem die völlig verspätete Intervention der Vereinten Nationen im Sommer 1999, als die Osttimorer bei einem Referendum für die Unabhängigkeit von Indonesien optiert hatten. Oberst Tono Suratman, seinerzeit Kommandeur des indonesischen Expeditionskorps in Osttimor, hatte kurz zuvor in der Hauptstadt Dili getönt: "Wenn die Pro-Unabhängigkeitskräfte siegen, wird alles zerstört ..." Der Oberst sollte Recht behalten. Tausende Westtimorer wurden von in den USA ausgebildeten Spezialeinheiten mit Wissen des damaligen Oberbefehlshabers der indonesischen Armee, General Wiranto, in Osttimor eingesetzt, um nichts als verbrannte Erde zu hinterlassen.

Die Verantwortlichen all dieser Massaker wurden nie zur Rechenschaft gezogen. Der Drahtzieher der Verbrechen, der im Westen als ausgesprochener Darling geschätzte Ex-Diktator, General Suharto, genießt das Privileg der sattsam bekannten "Despoten-Krankheit": Ärzte attestierten ihm, nicht vernehmungsfähig zu sein, während willfährige Richter ihn schlichtweg exkulpierten. Indonesien durfte überdies seine eigene "Vergangenheit bewältigen" - mit dem Resultat, dass die Hauptschuldigen der in Osttimor begangenen Kapitalverbrechen in Jakarta freigesprochen wurden oder Haftstrafen nie antreten mussten. Die hingegen in Osttimor selbst eingesetzten Gerichte verurteilten 70 Angeklagte - allerdings nur eigene Staatsbürger.

Wenngleich Osttimor mit Staatspräsident Xanana Gusmão und Außen- sowie Verteidigungsminister José Ramos Horta über integre Persönlichkeiten verfügte, die lange für die Freiheit des eigenen Volkes gekämpft hatten, lehnte ausgerechnet dieses Duo eine Wiederaufnahme der Strafverfolgung von Tätern strikt ab und setzte kategorisch auf die Normalisierung nachbarschaftlicher Beziehungen zu Jakarta. Nur: Wer Amnesie und Straffreiheit predigt, darf sich nicht wundern, wenn das Gefühl für Recht, Sicherheit und persönliche Unversehrtheit in einer Kultur der Straflosigkeit und Rache verloren geht. Das wusste Mari Alkatiri, der Regierungschef und Generalsekretär der einst im Untergrund operierenden Befreiungsbewegung und heute regierenden Fretilin-Partei, für sich zu nutzen. Er zeiht Indonesien nun erneut der Einmischung und betrachtet die jetzige Staatskrise als von (pro-indonesischen) Militärs gesteuert. Eine heillos zerstrittene Regierung und ein völlig paralysierter Staatapparat haben es ermöglicht, dass vorwiegend aus arbeitslosen Jugendlichen rekrutierte Banden ihr Unwesen treiben und die Hälfte der 180.000 Einwohner Dilis zu Flüchtlingen degradiert haben.

Kolonialismus und Unterdrückung forderten einen extrem hohen Tribut. Eigene Kompetenzen konnten da kaum reifen, um ein funktionsfähiges Schul-, Gesundheits- und Justizwesen aufzubauen sowie eine halbwegs effiziente Verwaltung zu schaffen. Mangelnde Devisen, eine rückständige Ökonomie und ein Pro-Kopf-Einkommen von 370 US-Dollar im Jahr verdammten den jungen Staat dazu, anfangs vollständig auf externe Hilfe und Helfer angewiesen zu sein. Die Crux: Tagtäglich musste die Bevölkerung Dilis einen Lebensstil ausländischer "Experten" erleben, der ihr gnadenlos die eigene Wertlosigkeit vor Augen führte.

Der frühere UN-Sondergesandte für Afghanistan, Lakhdar Brahimi, erklärte kürzlich in einem Interview, im Falle Osttimors hätte die UNO "in zu kurzer Zeit zuviel erreichen wollen. Die Osttimorer haben uns selbst angefleht, sie länger zu unterstützen. Aber der Sicherheitsrat hatte es wie immer eilig. Sobald CNN keine dramatischen Bilder mehr zeigte, sagten die UN-Mitgliedsstaaten: Lasst uns heimgehen". Durch die Hintertür kehrten sie freilich zurück - vorzugsweise in Gestalt von mittlerweile 2.500 ausländischen Soldaten unter Führung Australiens. Canberra verfolgt eigene Interessen und würde sich im Strudel dieser tragischen Staatskrise nur zu gern Osttimors Öl- und Gasvorkommen unter den Nagel reißen. Noch ein Taufpate der Unabhängigkeit, auf den man sich verlassen kann.


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00:00 23.06.2006

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