Star ist die Landschaft

Film Siegfried Lenz’ „Deutschstunde“ gibt es nun auch im Kino, den jüngeren Generationen zur lehrreichen Erbauung
Star ist die Landschaft
Na, bist du auch schön erwartbar gewesen? Dem Hang zur Didaktik entgeht der Film nicht völlig

Foto: Georges Pauly/Wild Bunch Germany/Network Movie

Eine nicht repräsentative Blitzumfrage unter jungen Kollegen lässt darauf schließen, dass der altbundesrepublikanische Literaturkanon schon länger nicht mehr gültig ist: Keiner der Befragten kannte überhaupt Siegfried Lenz’ Roman Deutschstunde, einst Pflichtübung im gymnasialen Curriculum. Die erinnerten Titel der Kollegen bewegten sich dagegen so zwischen Sven Regener und Juli Zeh. Man ist durchaus versucht, in Kulturpessimismus zu verfallen. Vielleicht ging es Regisseur Christian Schwochow ähnlich, als er nach der Lektüre beschloss, seiner Mutter Heide den 1968 erschienenen Roman zu geben, auf dass sie daraus ein Drehbuch verfassen möge. Mutter und Sohn arbeiten seit Novemberkind (2008) zusammen, die Deutschstunde ist ihr fünfter gemeinsamer Film. Warum Schwochow den Film gerade jetzt machen wollte, beantwortete er indirekt in einem Interview mit: „Ist es nicht absurd, dass wir 2019 erleichtert sind, wenn die AfD nur zweitstärkste Kraft bei einer Landtagswahl wird?“

Freilich lauern bei einem gut abgehangenen Stoff wie Deutschstunde auch all die Stereotypen, die das NS-Aufarbeitungs-Genre inzwischen häufig ungenießbar machen. Viele Versuche, die Ungeheuerlichkeit des deutschen Menschheitsverbrechens fassbar zu machen, enden in didaktischem Kitsch à la Unsere Mütter, unsere Väter. Deutschstunde als zentrales Lehrstück der deutschen Nachkriegsliteratur scheint prädestiniert dafür, die abgehangenen Erzählmuster zu reproduzieren. Das vermeidet Schwochow jedoch weitgehend. Der Film ist anders als erwartet und sei es nur deshalb, weil keine marschierenden Soldaten und herumbrüllenden Nazis zu sehen sind. Keine Hitler-Reden scheppern aus dem Radio, stattdessen kreischen die Möwen und heult der Wind an der einsamen nordfriesischen Küste, scheinbar weit weg vom Weltgeschehen. Vom Krieg – wir schreiben 1943 – ist jedenfalls nicht viel zu merken.

In dieser elegischen Traumlandschaft lebt der zehnjährige Siggi (Levi Eisenblätter) mit seinem Vater, dem Dorfpolizisten Jens Ole Jepsen (Ulrich Noethen). Die Härte und Unerbittlichkeit, mit der er Frau und Kinder an der Kandare hält, setzen sich fort in dem Fanatismus, mit dem er seine Pflicht als Polizist erfüllt. Ein solcher Untertanengeist fand reiche Entfaltungsmöglichkeit im „Dritten Reich“ mit seinem komplexen Herrschaftssystem, in dem sich jeder subalterne Beamte an seinem bisschen Macht berauschen konnte. Jepsen ist jemand, dessen Existenz sich darauf gründet, Befehle zu erhalten und auszuführen. Sein Gegenspieler, der expressionistische – aus Nazisicht entartete – Maler Max Ludwig Nansen (Tobias Moretti), erscheint hingegen friedlich, tolerant, lebensklug und unabhängig im Geiste. Die Rollen und Sympathien sind ein bisschen zu klar verteilt, die Figurenzeichnung eine Spur zu schematisch – dem Hang zur Didaktik entgeht auch Deutschstunde nicht völlig.

Gute und schlechte Väter

Dass der Film trotzdem sehenswert ist, liegt an der sehr genauen und bildgewaltigen Inszenierung des archaischen Kampfes zweier Männer um die Deutungshoheit über beider Leben. Eigentlich sind sie Freunde seit Kindertagen. Doch leise zersetzt das Gift des Totalitarismus die alten Bande; jeder Schlichtungsversuch endet mit dem Verweis auf Befehl und Pflichterfüllung. Polizistensohn Siggi steht zwischen den Männern, die ihm, jeder auf seine Art, Väter sind. Von beiden will er geliebt werden, beide versuchen, ihn auf ihre Seite zu ziehen. Siggi zerbricht letztlich daran. Spätestens an dieser Stelle erweist sich die literarische Vorlage allerdings als zu enges Korsett für das werktreue Drehbuch. Die aus dem Roman übernommene Rahmenhandlung des älteren Siggi in der Jugendstrafanstalt bleibt für den uneingeweihten Betrachter rätselhaft. Die finale Zuspitzung, die Siggi zum Delinquenten werden lässt, ist filmisch schwach, wie überhaupt die Nachkriegsepisoden seltsam blass bleiben.

Dass man dennoch von großem Kino sprechen kann, liegt daran, dass Schwochow und sein Kameramann Frank Lamm die herbe nordfriesische Landschaft in die Handlung einbeziehen und ihr eine zentrale Rolle zuweisen. Deutschstunde ist in dieser Hinsicht ein Heimatfilm im besten Sinne. Heide Schwochow, die selbst an der Küste aufwuchs und den wortkargen, kantigen Menschenschlag offenbar gut kennt, gelingt im Drehbuch eine geradezu ethnografisch genaue Zeichnung der handelnden Figuren. Das gnadenlose Blau des weiten Himmels über dem endlosen Meer und die friedliche, sich selbst genügende, Freiheit suggerierende Landschaft sind der Hintergrund für das engherzige, brutale Geschehen in den Bauernstuben. Dieser Kontrast erzeugt eine flirrende, traumartige Atmosphäre und gibt dem Geschehen etwas Universelles, Allgemeingültiges.

Info

Deutschstunde Christian Schwochow Deutschland 2019, 130 Minuten

06:00 05.10.2019
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