Referenzrahmen

Kunst Iman Issas „Lexicon“ zitiert die Formensprache der Moderne und macht, dass ein Titel nun zu zwei Werken gehört

Hin und wieder begegnet uns ein Wort, mit dem wir nicht umzugehen wissen. Dann gibt es grob gesagt zwei Wege. Man kann versuchen, das Wort zu verstehen. Oder es einfach gebrauchen und sehen, was geschieht. Diese Beobachtung steht im Hintergrund der Serie Lexicon der in Kairo geborenen Künstlerin Iman Issa. Die abschließenden Werke dieser Serie werden nun, neben einigen Videos und Soundarbeiten, im Rahmen der Ausstellung Book of Facts in der daad-galerie ausgestellt. Es sind zwar auch ältere Werke der Serie zu sehen, aber die meisten sind im letzten Jahr in Berlin entstanden.

Auf den ersten Blick wirken die Skulpturen wie Objekte, die aus der Kunstgeschichte mehr oder weniger bekannt erscheinen. Form, Material und Bearbeitung folgen recht strikt der ästhetischen Formensprache der klassischen Moderne. Klare und einfache Formen, geometrische Abstraktion, als Material bevorzugt Metall und Holz. Vor allem die Skulpturen sehen aus wie etwas Konstruktivismus gepaart mit Konzeptkunst, Naum Gabo gekreuzt mit etwas Brancusi. Sollte es das Ziel gewesen sein, Objekte zu schaffen, die auf den ersten Blick wie Kunst aussehen und in keinem modernen Museum stören, ist das vollkommen gelungen. Ohne weiteren Hintergrund würden derartige formale Wiederholungen kaum als originale Arbeiten anerkannt werden, denn schließlich gelten in dem vermeintlich so freien Feld der Kunst doch sehr strikte Regeln, eine davon ist das Wiederholungsverbot. Ob die modernistische Ästhetik von Issas Arbeiten eine verspielte Inanspruchnahme der Moderne darstellt oder geradewegs eine Referenz auf die Kunstgeschichte setzt, oder ob sie ganz schlicht der Nachfrage nach einer bestimmten Klasse von Objekten nachgibt, lässt sich schwer sagen. Gut möglich, dass alle drei Faktoren zusammenkommen.

Zu jedem Werk der Serie gibt es einen Begleittext auf einem Wandtäfelchen. Diese Texte tragen zu dem, was man „Verständnis“ nennt, erst einmal nichts bei. Sie sind vielmehr Bestandteil des Werks, obwohl sie im Format einer Erläuterung daherkommen. Um ihre Rolle zu verstehen, hilft es, den Entstehungsprozess zu kennen.

Wie bei einem Lexikon üblich, beginnt alles mit dem Eintrag eines Begriffs. Bei den Begriffen, die die Künstlerin ausgewählt hat, handelt es sich um Titel von anderen Kunstwerken. Die Besonderheit dieser Worte liegt darin, dass sie der Künstlerin unklar oder klärungsbedürftig erschienen. In dem Sinn bezeichnet sie ihre eigene Auseinandersetzung mit dem Begriff „Studie“ als eine Art von Klärungsversuch.

Intellektuelles Rokoko

Mit den ursprünglichen Kunstwerken haben ihre eigenen Interpretationen des Titels nicht unbedingt etwas zu tun. Iman Issa nimmt sich die Freiheit, ganz neue Werke zu erfinden. Dabei ist sie sich im Klaren, dass die Einträge in Lexika sich im Lauf der Zeit ändern, dass es dabei also nicht um ein für alle Mal feststehende Erklärungen handelt, sie geben immer nur den Wissensstand ihrer Zeit wieder. Das gilt auch für ihre Neuinterpretationen, weshalb jedes Werk die Angabe mit sich trägt, für welches Jahr es angefertigt wurde.

Der Begleittext auf dem Schildchen hat mit dem ausgestellten Werk erst einmal nichts zu tun. Er beschreibt, wie gesagt, etwas ganz anderes, nämlich das ursprüngliche Kunstwerk, von dem die Künstlerin den Titel übernommen hat. Man könnte daraus ein kleines kunsthistorisches Ratespiel machen, aber weder handelt es sich um allgemein bekannte Werke, noch liegt dort der Punkt der Neuinterpretation. Wir haben vielmehr ein kleines sprachphilosophisches Spiel vor uns. Es gibt einen Titel, der für zwei Kunstwerke gilt. Eines ist das ursprüngliche, das nur als Beschreibung vorliegt. Das andere ist die Neuinterpretation, die ausgestellt wird.

Die Kunstgeschichte zählt eine ganze Reihe von Kunstwerken, die das Verhältnis von Wörtern zu Werken explizit thematisieren. Das bekannteste ist vermutlich die Arbeit One and Three Chairs (1965) des Konzeptkünstlers Joseph Kosuth. Sie zeigt eine Texttafel mit dem Lexikoneintrag „Stuhl“, das Bild eines Stuhls und daneben den Stuhl als Gegenstand. Iman Issas Serie, so die Künstlerin, macht etwas ganz anderes als das Werk von Kosuth. Das ist wohl richtig, aber da es die formalen Ähnlichkeiten nun einmal gibt, macht es Sinn, zu verstehen, was sie denn nun anders macht.

Kosuth gibt sehr einfach und direkt den Stand einer philosophischen Theorie seiner Zeit wieder, und zwar der Zeichentheorie. Semiotik war in den 1960ern groß, und die Frage nach der Relation der Zeichen zum wirklichen Objekt ein wichtige Frage. Philosophisch gesehen macht Kosuth nichts anderes, als die Zeichentheorie von Charles Peirce in Form eines Kunstwerkes wiederzugeben. Iman Issa hat Philosophie studiert und weiß daher sehr wohl, welche andere Schleife ihr Referenzsystem durchläuft. Und da das Referenzsystem das ist, was ihre Arbeiten über den Status von dekorativen Modernismus-Imitaten hinaushebt, ist diese Schleife wichtig.

Es ist in der jüngeren Gegenwart eine Mode geworden, Kunstwerke mit Netzwerken von Referenzen zu umgeben. Das modernistische Vertrauen auf die reine Form und die reine Anschauung zählt nicht mehr. Stattdessen ist es gleichsam zur Regel geworden, dass alle Werke sich auf etwas beziehen. Kunsthistorisch lässt sich das auf den Sieg des Konzeptualismus zurückführen, der, wenn man so will, die Ausdrucksformen der Kunst ins Administrative hinein erweitert hat. Seitdem, um es ganz kurz zu sagen, sehen Kunstwerke nicht nur irgendwie aus, sondern beziehen sich auch noch auf etwas. Alles muss von einer Zuschreibung begleitet werden. In dieser Hinsicht ist Issa sehr wohl eine Nachfahrin von Kosuth, selbst wenn sie seine Verfahren ganz anders einsetzt. In der Kunst unserer Gegenwart hat sich ein bestimmtes Format von Zuschreibungen herausgebildet. Kunstwerke sind fast durchgängig in einem Netz von Referenzen aufgehängt. Das sorgt dafür, dass man sie ohne Zusatzinformation nicht versteht, sie sich aber mit Information sehr einfach erklären lassen, jedenfalls wenn man sich mit der Erklärung zufriedengibt. Die Referenznetze wachsen sich in vielen Fällen zu einem geradezu barocken intellektuellen Dekor aus.

So kommt es, dass einige Künstler dazu übergehen, in ihren Arbeiten den überkandidelten Referenzrahmen, der die Kunst unserer Gegenwart in ein intellektuelles Rokoko geführt hat, wieder auseinanderzunehmen. Dazu gehört die Serie Lexicon von Iman Issa.

Info

Book of Facts Iman Issa daadgalerie, 12.09. – 10.11.

Stefan Heidenreich forscht und schreibt zu den Themen Kunst, Ökonomie und Medien

Beilage

Dieser Beitrag ist Teil des Berlin Art Week Spezials – einer Kooperation des Freitag mit der Berlin Art Week

06:00 14.09.2019
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