Streit um den gluckernden Berg

Ökologie Im Hotzenwald soll Deutschlands größtes Pumpspeicherkraftwerk die Energiewende voranbringen. Doch skeptische Anwohner protestieren. Am Dienstag tagt erneut der Runde Tisch

Ein paar technikbegeisterte Baustellenfans gibt es auch in Zeiten von Stuttgart 21 noch. Julia Liebich hat einige von ihnen unlängst getroffen. Als die Sprecherin der Schluchseewerk AG an einem der von ihrer Firma betriebenen Speicherbecken eine Wandergruppe traf, wurde sie mit Fragen überhäuft: Wann es denn endlich losgehe mit dem großen Bauwerk im Hotzenwald. „Die fanden das eine tolle Sache“, erinnert sich Liebich. „So eine Großbaustelle kann sich zu einem Anziehungspunkt für Touristen entwickeln.“

Noch ist das 1,2-Milliarden-Projekt in der Nähe des baden-württembergischen Atdorf nicht genehmigt, die ersten Bagger sollen erst 2013 anrollen. Doch gibt es bereits heftige Proteste. Eine Initiative gegen das Pumpspeicherkraftwerk wird von Naturschützern, Anwohnern und den örtlichen Grünen unterstützt.

Sowohl Gegner als auch Befürworter haben sich die Rettung der Umwelt auf die Fahnen geschrieben. Beide Seiten wissen, dass Sonne und Wind unbeständige Energiequellen sind, dass man Speicher braucht, wenn der Großteil des Stroms regenerativ erzeugt werden soll. Pumpspeicherkraftwerke zählen zu den wenigen ausgereiften Lösungen dafür. Man braucht lediglich zwei Becken, zwischen denen eine beträchtliche Höhendifferenz liegen muss. Beim Pumpen des Wassers ins obere Becken wird elektrische in potenzielle Energie umgewandelt – fällt das Wasser wieder herab, wird wieder elektrische Energie erzeugt.

Massive Folgen befürchtet

Der Abhau, ein 1.018 Meter hoher Berg nahe Atdorf, ist dafür optimal. Hier, wo der Schwarzwald steil in die Rheinebene abfällt, würde der Höhenunterschied 600 Meter betragen. „Wir könnten mit relativ kleinen Becken eine relativ hohe Leistung von 1,4 Gigawatt erzielen“, sagt Liebich. Mit einem Speichervolumen von 13 Gigawattstunden wäre Atdorf das größte Pumpspeicherkraftwerk Deutschlands.

Doch die Gegner befürchten massive ökologische Folgen für die Schwarzwaldlandschaft. „Dieser Berg ist ein Wasserspeicher, dort gluckert und sprudelt es überall“, empört sich Jürgen Pritzel. Der Ingenieur ist einer der Sprecher der Bürgerinitiative. Durch den Bau des oberen, 60 Hektar großen Beckens würde der Berg zubetoniert und versiegelt werden, sagt Pritzel. Es sei wahrscheinlich, dass dann auch ein an der Ostflanke gelegenes Moor austrocknet. Außerdem liegt das geplante Unterbecken unmittelbar neben den Heilquellen eines Kurgebietes, es gibt Befürchtungen, dass die Quellen durch den Betrieb des Pumpspeicherwerks Schaden nehmen.

Viele Hotzenwälder wollen die massiven Eingriffe in ihre Gebirgslandschaft nicht in Kauf nehmen. Auch wenn sie der Energiewende dienen. Vor allem aber stellen sie sich eine Frage: Warum sollte es den Konzernen Eon und RWE, die jeweils 50 Prozent der Anteile an der Schluchseewerk AG halten, ausgerechnet bei diesem Projekt um regenerative Energien gehen?

Grüne Zweckpropaganda?

Pritzel hält es für Zweckpropaganda, dass der Bau der Speicherung von Wind- oder Sonnenenergie dienen soll. „Die großen Windkraftanlagen befinden sich im Norden der Republik, bei unseren gegenwärtigen Stromleitungen ginge auf dem Transport in den Süden ein Viertel der Windenergie verloren.“ Überhaupt: Um tagelange Flauten zu überstehen, in denen hierzulande weder Wind- noch Sonnenenergie gewonnen werden kann, sei auch das leistungsfähigste Pumpspeicherwerk unzureichend. Dazu, sagt Pritzel, bräuchte man „in Deutschland 2.500 Anlagen wie in Atdorf“.

Pumpspeicherkraftwerke werden heute dazu verwendet, die Tagesschwankungen beim Bedarf auszugleichen. Bei einem Überangebot wird billiger Strom abgenommen, um ihn zu Spitzenlastzeiten wieder teuer zu verkaufen. Dies war jahrzehntelang das Geschäft der Schluchseewerke. Seitdem das Erneuerbare-Energien-Gesetz in Kraft ist, muss regenerativ erzeugter Strom vorrangig ins Netz eingespeist werden. Die Pumpspeicherkraftwerke sind für die Energiekonzerne probates Mittel, den Strom aus Kohle- und Atommeilern dennoch so zu vermarkten, dass sie den höchstmöglichen Gewinn bringen.

„Nichts anderes soll mit der Anlage im Hotzenwald bezweckt werden“, glaubt Pritzel. „Anstatt die Grundlastkraftwerke herunterzufahren, sollen sie auch bei großem Windenergieangebot voll weiterlaufen.“ Zur Speicherung von Öko-Energie hält Pritzel andere Technologien für weit geeigneter. Sinnvoll wäre es seiner Meinung nach zudem, norwegische Seen zu Pumpspeicherkraftwerken umzubauen. „Diese Seen gibt es bereits“, sagt Pritzel, es müssten nicht erst Becken gebaut werden, welche die Landschaft zerfressen.

Die örtlichen Grünen hat die Bürgerinitiative überzeugt. Auf Landesebene tut sich die Partei schon schwerer. Während seines Wahlkampfs Anfang des Jahres hatte der baden-württembergische Grüne Franz Untersteller sich einen ganzen Tag im Hotzenwald über die Pläne informiert. Damals ini­tiierte er einen Runden Tisch, damit die Anwohnerbedenken stärker berücksichtigt werden. Am morgigen Dienstag tagt dieser zum dritten Mal. Untersteller ist inzwischen Umweltminister – und lobt die Pumpspeicher als „sehr leistungsfähige“ Technologie.

Mira Kaizl ist freie Autorin und Übersetzerin. Sie lebt in Freiburg

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09:42 19.09.2011

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