Stressabbau

A–Ž Das meistverkaufte Anti-Stress-Spielzeug, der Fidget Spinner, raubt zur Zeit gerade Eltern und Lehrern jeden Nerv. Ein Lexikon von Ausmalbuch bis Žižek
Stressabbau
Foto: Louise Kennerly/Fairfax Media/Getty Images

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Ausmalen Was Kindern Spaß macht, kann für Erwachsene nicht verkehrt sein – dieser Logik folgen diverse Branchen schon seit Jahren ( Geschäftsidee). Computer- und Gesellschaftsspiele, Animationsfilme, Funsport: Alles gibt es auch für jenseits der 18, teils sogar mit intellektuellem Anspruch.

Vor etwa zwei Jahren begann aber ein Trend, den ich höchst fragwürdig finde: Ausmalbücher für Erwachsene. Vorgezeichnete Formen zu kolorieren soll beruhigend und stressabbauend wirken, vor allem bei Mandalas. Kann sein, aber erstens ist Ausmalen gähnend langweilig. Und zweitens finde ich nichts stressiger als Geduldsproben dieser Art mit zig Kleinstflächen. Vielleicht bin ich auch unterentwickelt und das Zen stellt sich erst ein, wenn ich mich vollständig der Leere des Moments hingebe ( Gebetskette). Ich habe aber ehrlich gesagt keine Lust, das zu versuchen. Sophie Elmenthaler

F

Fidget Spinner Seit ich mir einen Fidget Spinner gekauft habe, habe ich einige neue Freunde gewonnen, und viele alte verloren. Meine neuen Freunde sind gerade erst Teenager, die mir in der Bahn das Spielzeug vom Finger schnappen, während ihre Eltern beim Gedanken an die dreiwöchige Lieferzeit verzweifeln. Meine alten Freunde sind genervt und laden mich nicht mehr ein, weil sie das kreiselnde wsssshh-Geräusch nicht ertragen ( Knacksen). Spinner sind die neuen Trend-Spielzeuge. Nutzern helfen sie wohl bei Hyperaktivität ( Žižek) oder Autismus. Für andere sind sie das Nervigste seit dem Tamagotchi. Im „Atlantic“ erklärt Ian Bogost den Spinner zum Sinnbild der Internet-Economy: Just-in-Time-Produktion, globale Logistik, Marketing, Vertrieb, Veröffentlichung. Die ganze Powerpointsammlung eines Business-Studenten, gebannt in einen kleinen Fingerkreisel. Man könnte das Phänomen tiefergehender analysieren. Aber mit einem Spinner in der Hand lässt sich nur sehr schwierig tippen. Simon Schaffhöfer

Gebetskette Klack, klack, klack. Die Gebetskette, oder besser gesagt eine Perlenschnur, die in der Hand gehalten wird, wird in verschiedenen Religionen zur Wiederholung von Gebeten, zur Meditation oder zur Entspannung verwendet. Die Perlenkette gleitet durch die Hand, während der Daumen eine Perle nach der anderen auf den Körper zu klickt. Die Perlen können aus verschiedenen Materialien gefertigt sein, Kunststoff, Pflanzensamen oder Holz, aber auch Wertvolles wie Edelsteine, Silber oder Bernstein.

Im Christentum sind verschiedene Formen des Rosenkranzes verbreitet. Im Buddhismus heißt die Kette Mala. Im Islam heißt sie Misbaha, Subha oder Tasbih. Beim Beten zählt die Kette für einen mit. In Griechenland sind sogenannte Komboloi, auch „worry beads“, bekannt, die zum Zeitvertreib verwendet werden. Die älteste Darstellung einer Perlenkette in einem religiösen Kontext findet sich in der archäologischen Ausgrabungsstätte Akrotiri im Süden der griechischen Insel Santorin. In dieser von einem Vulkanausbruch verschütteten vorgriechischen Kultur trägt eine Figur des Freskos Die Adorantinnen über dem Adyton in dem Haus, das als öffentliches Gebäude für Initiations- und Übergangsriten gedeutet wird, eine Perlenkette in der Hand. Entspannung durch Konzentration, klack, klack, klack. Johanna Montanari

G

Geschäftsidee Maßnahmen zum Stressabbau sind letztlich nur ein Symptom für die Erschöpfungsgesellschaft, die gern als Leistungsgesellschaft verklärt wird. Sie ist so gestrickt ( Stricken), dass alle permanent am Limit sind – oder als Erwerbslose rausfallen, weil sie keine Funktion mehr erfüllen. In den Worten des Philosophen Byung-Chul Han: „Das Leistungssubjekt überlässt sich dem freien Zwang zur Maximierung der Leistung.“ Hier ist jede stressabbauende Technik nur Makulatur.

Natürlich tut sich ein gewinnversprechender Markt für Geschäftsideen von Coaching bis Fidget-Spielzeug auf ( Fidget Spinner). So ging der Fidget Cube – ein Würfel mit Knöpfen, Rädchen und Kippschaltern – 2016 auf Crowdfunding-Suche. Die Entwickler baten um 15.000 Dollar und bekamen sagenhafte 6,5 Millionen. Der stressgeplagte Mensch klammert sich an jeden Strohhalm zur Arbeitskraftregeneration. Der Fidget Spinner ist nur der jüngste Spin-off. Tobias Prüwer

K

Kastanie Auch wer nicht zu Stress oder Nervosität neigt, kann seinen Fingern herrliche Entspannung damit bieten. Allerdings nur im Herbst. Saisonales Fummeln also. Sobald die stacheligen Früchte der heimischen Rosskastanie reif auf den Boden geplumpst und aufgeplatzt sind, bücke ich mich nach den glatten, glänzend braunen Kullern, die völlig zu Recht Handschmeichler genannt werden. Ich stecke immer zwei oder drei davon in die Hosentasche und lasse meine Finger darum kreisen. Das beruhigt kolossal. Angeblich hilft das sogar gegen Rheuma: Das geschickte Streicheln soll die typische Morgensteifigkeit der Finger verkürzen. Die dabei entstehende Wärme in der Hosentasche könnte zudem zu einer Linderung der Gelenkschmerzen führen. Elke Allenstein

Nasebohren In grauer Vorzeit, beim ersten Redaktionspraktikum. Während ich so tüftelte, sagt eine Kollegin plötzlich: „Ah ja, du also auch.“ Sie meinte nicht scharfen Geist oder spitze Feder, nein: Sie hatte mich ertappt. Wobei? Beim Nasebohren. Dann fügte sie noch hinzu, dass das wohl „alle Männer“ im Büro tun. Tatsächlich illustriert Wikipedia den Eintrag zum Nasebohren mit einem Mann. Ob der im Büro sitzt, ist nicht erkennbar.

Die Definition lautet so : „das Einführen eines Fingers in die Nase, meist um angetrocknetes Nasensekret zu entfernen“. Gar nicht erwähnt wird der meditative Aspekt ( Gebetskette). Wenn’s mal hängt, eine Formulierung nicht hinhaut – flux ein wenig Sekret entfernt und es sind nicht nur 15 Sekunden Arbeitstag vergangen, sondern womöglich ist auch die richtige Synapse dabei angestoßen worden.

Angeblich geben 91 Prozent der Deutschen zu, gelegentlich in der Nase zu bohren. Wie viele dies zwecks Ablenkung oder Stressabbau im Büro tun, weiß man nicht. Achten Sie mal drauf! Leander F. Badura

N

Lack ab Optimal zum Stressabbau geeignet ist das Abziehen von Nagellackschichten von Nägeln. Nicht zu verwechseln mit kunstlosem Abknibbeln einzelner Lackstückchen, was immer schäbig und trotzig aussieht. Rückstandsfreies Abzupfen in einer einzigen Bewegung gelingt nur, wenn vorher korrekt lackiert wurde: Unterlack, zwei Schichten Farbe, Überlack. So entsteht ein Auftrag, der stabil genug ist, um in einem Stück abgezogen zu werden.

Beginnt der Lack sich an den Nagelspitzen zu lockern (frühestens nach vier Tagen): sanft zwischen Nagel und Lackschicht polken, um sie durch Anheben von der Nagelspitze lösen. Dann mit einer gezielten Bewegung – Winkel beachten! – den ganzen Streifen lösen. Ein extra hierfür entwickelter „Striplack“ hat sich nicht durchgesetzt ( Geschäftsidee). Um wirklich stressabbauend zu sein, benötigt der Vorgang Schuldgefühl. Es setzt nach dem ersten Nagel ein: Schließlich hat man die aufwendige Maniküre mindestens zwei Tage vor der Zeit aus reiner Lust am Zupfen ruiniert. Susann Sitzler

L

Knacksen Fingerknacksen kann Nichtbetroffene oder jedenfalls nur durchs Zuhören Betroffene in den Wahnsinn treiben. Das unangenehme Geräusch entsteht angeblich durch die plötzliche Freisetzung von Gasen aufgrund des Unterdrucks im Gelenk. Fingerknacksen, das ist ja längst nicht nur Stressabbau, es ist auch Bedürfnisbefriedigung. Es staut sich im Knacksenden der Wunsch, ja der Drang nach dem Knacksen auf, der nur für eine Weile aufzuschieben ist. Knackst man dann endlich – ahh –, dann löst sich alle gelenkbezogene Anspannung. Es gibt zwei nicht zu vereinende Formen: Während ich eine Fingerdurchdrückerin bin (geht nur beim Daumen), gibt es auch die Überdehner, wobei Überdehnen nur dem Spaß macht, der ohnehin hypermobile Gelenke besitzt. Marlen Hobrack

R

Rauchen Drogen aller Art sollen Stress abbauen. Haschisch macht harmlos, heißt es, andere empfehlen Johanniskraut. Teufel Alkohol ist hierzulande Droge Nummer eins. „Work hard, party hard!“ nehmen nicht nur selbsterklärte Businesspunks als Legitimationsmotto für alkoholinduzierte Rauschexzesse. Das kann kurz entlastend wirken, auf Dauer hilfreich ist solches Verhalten nicht.

Auch dem Rauchen wird zugeschrieben, für mehr Gelassenheit zu sorgen. Sie wüssten sonst gar nicht, wohin mit ihren Fingern, sagen Raucher oft. Den Glimmstengel fest im Griff, fühlen sich Paffer wie Inhalierende selbstsicherer im Alltag – und an den Fingernägeln kauen sie der eigenen Überzeugung nach auch weniger. Dem subjektiven Empfinden nach sinkt das Stresslevel, wenn die Kippe glüht. Das stimmt, beinhaltet aber einen Trugschluss. Denn der Kick durch die Zigarette nimmt nur die Spannung, die sich zuvor durch sinkenden Nikotinspiegel aufgebaut hat. So wird also nur Stress abgebaut, den Nichtraucher gar nicht haben.

Die Friedenspfeife aber dient tatsächlich nur der Beruhigung: Sie mindert den Stress, anderen mit dem ausgegrabenen Kriegsbeil den Schädel spalten zu müssen. Oder sitzt der Autor damit nur Karl-May-Kamellen auf? Schnell eine Zigarette angesteckt in der Hoffnung, kritische Leserbriefe von Ethnologen bleiben aus. Tobias Prüwer

S

Stricken Stricken gilt als harmloser Zeitvertreib älterer Damen. Dabei kann es zum politischen Statement werden! Das bewiesen die Grünen in den 1980ern, und verstrickten sich auf Parteitagen nicht nur in Debatten. Dem Stricken haftet freilich immer auch etwas Militärisches an (links, rechts, links, rechts), wenn es nicht in die sanftere Variante des Auf-links-Strickens übergeht. Weil Stricken dem neoliberalen Subjekt (Žižek) nicht nur Stressabbau verspricht, sondern es die erstrickten Güter gewinnbringend auf Etsy und Co. verkaufen kann, hat sich um die Strickliesls und Strickhanseln eine ganze Strickindustrie formiert. Überall sprießen die Strickfachgeschäfte ( Geschäftsidee), die bieten, was das strickende Herz begehrt: Drumstick-große Stricknadeln zum Verstricken superdicker Wolle zu riesigen Grobstrickplaids, Feinstgarn für süße Babystrümpfchen, Angorawolle, Kaschmir, Mohair. Online-Ratgeber versprechen „Wegweiser durch den Strickdschungel“. Wer sich trotzdem verheddert, kann wahlweise Mutti, Oma oder den Strickratgeber der Zeitschrift Brigitte um Hilfe bitten. Strick ahoi! Marlen Hobrack

Ž

Žižek Wer so viel weiß und so viel gefragt wird wie Slavoj Žižek, leidet zwangsläufig unter Zwangshandlungen – Woche für Woche muss er aufgeregten Redaktionen auf der ganzen Welt aktuelle Fragen durch Kompilieren und Paraphrasieren bereits bestehender Texte beantworten,.Das hinterlässt Spuren. So zupft und zerrt er in jeder freien Sekunde an seinem durchgeschwitzten T-Shirt, knetet die schniefende Nase und streift seinen Bart glatt – ein Spektakel der Kohärenz. Menschen, die weder Humor noch Ahnung von Drogen haben, werfen ihm vor, diese Ticks zeugten von Kokainkonsum. Stimmt nicht: Ticks entstehen, das weiß jeder Psychologe, unter Last des Kapitals ( Geschäftsidee). Timon Karl Kaleyta

06:00 14.06.2017

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