Synthetisch hergestellte Polymere

A–Z Plastik Die Mumie, die im niedersächsischen Diepholz auf einem Dachboden entdeckt wurde, war doch nur ein eingewickeltes Plastikskelett. Was wäre unsere Welt ohne Kunststoff?
Freitag-Redaktion | Ausgabe 40/2013
Synthetisch hergestellte Polymere
Auch manche Lebende haben Kunststoff-Körperteile – wie die New Yorker Transsexuelle Amanda Lepore

Foto: Astrid Stawlarz/ AFP/ Getty Images

A

Alltag Wo wir hinsehen und hingreifen, worauf wir gehen, sitzen und liegen: Überall ist Plastik. Der Boden ist aus Polyvinylchlorid, das Sofa aus Polyurethan, der Türlack aus Xylol, die Kleidung aus Polyacryl, und das Pressspanregal hält nur dank Formaldehydharz. Plastik ist unser Begleiter von klein auf. Windeln, Schnuller, Rutsche, Dreirad.

Immer wieder gibt es Versuche von Menschen, Plastik aus ihrem Alltag zu verbannen. Sie ziehen dann mit Blechkannen, Gläsern und Stoffbeuteln zum Bioladen, um die Produkte, die sonst in Kunststoff eingeschweißt sind, unverpackt einzukaufen. Das ist zwar aufwendig, aber machbar. Doch ist ein absolut plastikfreies Leben in der gegenwärtigen Gesellschaft überhaupt möglich? Antwort: nein. Wie die Wäsche waschen? Wie Zähne putzen? Wasserleitungen sind meistens aus Kunststoff, selbst das Innere des Kronkorkens von Bierflaschen ist damit versehen. Man kann den Gebrauch von Plastik nur reduzieren. Es wird aber immer da sein. Mark Stöhr

B

Billard Um 1850 schlossen in den USA etliche Billardsalons. Das Problem war nicht die sinkende Popularität des Spiels, sondern das Elfenbein. Aus ihm wurden die Kugeln gefertigt, und da das weiße Gold zu jener Zeit hoch im Kurs als Schmuck- und Dekoaccessoire stand, wurde der Nachschub knapp. Ein Ersatzmaterial musste her. Dafür wurde sogar ein Preisgeld ausgelobt, das den gelernten Drucker John Wesley Hyatt und seine beiden Brüder auf den Plan rief, die heimische Küche in New York kurzerhand in ein Labor umzufunktionieren. Ohne besondere Kenntnisse in Chemie, eher mit Anleihen bei der Alchemie, begannen sie zu forschen und schafften tatsächlich den Durchbruch: Sie erfanden das „Celluloid“, ein Gemisch aus Cellulosenitrat und Kampfer, das als erster Kunststoff der Welt gilt. Damit hätten die Hyatts den Ideenwettbewerb sicherlich gewonnen, aber sie machten ihren Anspruch nie geltend. Sie wurden auch so reich. MS

C

Chirurgie Die plastische Chirurgie ist so etwas wie das Schmuddelkind der Medizin. Viele Menschen verbinden mit ihr die unheilvolle Perspektive, dass bald ein Meer aus Plastikmenschen die Erde bevölkert. Von der Playmobilwelt sind wir zwar weit entfernt, der massive Einsatz der plastischen Chirurgie lässt sich aber nicht leugnen.

Dabei muss aber zwischen medizinisch notwendig und ästhetisch gewollt unterschieden werden. Auch letzteres mag medizinisch legitimiert sein, weil etwa jemand unter seinen Segelohren psychisch leidet. Wo die Grenze zur reinen Anpassung an Schönheitsnormen liegt, ist streitbar, Schamlippenkorrekturen und das Bleichen des Anusbereichs zählen aber auf jeden Fall dazu. Natürlich trägt nicht die Plastik-Chirurgie allein Schuld daran. In einer Zeit, wo Photoshop das perfekte Modell möglich macht, sind viele Mittel recht, zur „schönen Wirklichkeit“ dazuzugehören. Skandale um minderwertige Silikonimplantate werden das nicht ändern. Tobias Prüwer

D

Dreidimensionale Drucker Star Trek hat es, wie so vieles, vorweggenommen: Die Technologie des 3D-Druckers ähnelt dem dortigen Replikator, der Alltagsdinge quasi aus dem Nichts erschafft. Der Drucker verwendet Plastik: Man braucht nur einen dreidimensionalen Bauplan – eingescannt oder selbst konstruiert –, und beliebige Gegenstände lassen sich herstellen. Auf kleine Dinge wie eine Tasse sind die Drucker für den Hausgebrauch noch beschränkt. Ein niederländischer Architekt will nun ein ganzes Haus drucken, in Form des endlosen Möbiusbandes. Für Zukunftsforscher verspricht die Technik die DIY-Revolution, die ähnlich gewaltig sei wie einst die industrielle. Jeder verfüge bald über eigene Produktionsmittel, selbst kapitalistische Gesetze scheinen durch 3D-Print überwindbar. Andere Forscher winken ab, die Werkstoffe seien zu unflexibel. Ein gedrucktes Gewehr ging etwa nach dem ersten Schuss in die Brüche. Die Revolution muss warten. TP

E

Essen Bei uns findet sich höchstens mal eine traurige Tomate, die die Auslage der örtlichen Metzgerei aufwerten soll, die Japaner aber haben die Herstellung von Plastikessen zu einer Kunstform erhoben. Restaurants bieten eine optische Speisekarte an, bei der alle Gerichte detailgetreu modelliert im Schaufenster dargeboten werden. Es handelt sich selten um Katalogware, die Gerichte werden individuell nach den Wünschen des Kunden angefertigt. Bei Wettbewerben beweisen die Meister dieser Zunft ihr Können. Die Nachbildungen haben in Japan eine lange Tradition, früher wurden sie aus Wachs gefertigt. Der letzte Schrei sind Smartphone-Hüllen im Fake-Food-Design wie etwa Misosuppe, Hühnerreis oder Sushi. Etwa damit man vor lauter Arbeit das Essen nicht vergisst? Sophia Hoffmann

K

Kunst „Plastik“ bezeichnet die Kunst des Gestaltens und meinte damit zunächst nur die Werke, die unterm Hammer des Bildhauers entstanden. Mit den synthetischen Materialien kam die Kunst ganz zu sich selbst, als Kunst aus Kunststoff, Plastiken aus Plastik entstanden. Schon im Jahre 1916 kreierte der russische Bildhauer Naum Gabo in Paris seinen Kopf Nr. 2. Für seine kubistische Skulptur verwendete er Celluloseacetat. Ab den Fünfzigern wurde Plastik in der Kunst immer beliebter. Ohne große Gewichtsprobleme konnte Niki de Saint Phalle ihre überdimensional-üppigen Frauenfiguren in Polyester gießen. Auch fürs Alltagsdesign bot sich das Material an. Man denke nur an die quietschig-possierlichen Bad- und Küchenaccessoires von Koziol, an denen sich die Geister scheiden. TP

L

Lego Eltern mögen noch so viel Wert legen auf pädagogisch wertvolles Holzspielzeug – aber keine Spielzeugkiste, die etwas auf sich hält, kommt ohne Lego-Steine aus. Es sind die Klötzchen, die die Welt bedeuten. Aus ihnen entstehen Ritterburgen, Rennautos und Raumschiffe. Die bunten Steinchen sind ein Symbol für den Siegeszug des Kunststoffs im Kinderzimmer. Als die Kleinen noch Blech-Eisenbahnen durch die Gegend schoben, schaffte sich Ole Kirk Christiansen 1947 als Erster in Dänemark eine Kunststoff-Spritzgussmaschine an. Elf Jahre später wurde das Steckprinzip patentiert, das heute ganze Lego-Länder zusammenhält.

Die Steine schaffen das vermeintlich Unmögliche: Sie sind aus Plastik und gelten dennoch als pädagogisch wertvoll. Es mag daran liegen, dass sie robust und vielseitig sind. Oder einfach daran, dass auch Erwachsene gern mit ihnen spielen. Die bestimmen schließlich, was als pädagogisch wertvoll gilt. Martin Schlak

M

Mumie Die Sensation ist abgesagt: Die mysteriöse Mumie aus Diepholz besteht aus Plastik. Im Juli hatte ein Zehnjähriger sie auf einem Dachboden gefunden (Der Freitag 37/13). Das 1,49 Meter kleine, eingewickelte Kinderskelett wurde geröntgt und untersucht. Die Staatsanwaltschaft vermutete, das Innere könnte 2.000 Jahre alt sein, obwohl die Bandage eindeutig aus dem 20. Jahrhundert stammte. Dann packte ein Forscher den Fund aus, und es zeigte sich: Der Schädel ist zwar echt, doch der Rest besteht aus Kunststoff.

Diese Geschichte lehrt uns nun einiges über die Zuverlässigkeit von Röntgenbildern, aber mindestens genauso viel über die Mechanismen der Sensation. Man schüttle die Attribute Tod, Kind und Versteck zu einer beliebigen Geschichte zusammen – und schon sind alle fasziniert. Von der Bild bis zum Freitag berichteten sämtliche Zeitungen über die Mumie. Immerhin: Jetzt wissen wir, wo Diepholz liegt. Deshalb würde es auch keinen wundern, wenn sich morgen das Stadtmarketing dazu bekennt, ein Plastikskelett auf dem Dachboden versteckt zu haben. msk

N

Nestbau Der Schwarzmilan liebt Weiß, genau genommen: weißes Plastik. Damit dekoriert er sein Nest. Forscher rätselten lange, was es mit der Vorliebe der Greifvögel für weiße Plastikgabeln, Tüten und Verpackungen auf sich hat. Sie fanden heraus, dass nur Tiere im Alter zwischen sieben und neun Jahren Kunststoffmüll verwenden. Just dann befinden sich Milane auf dem Höhepunkt ihrer Leistungsfähigkeit. Das Plastik als besonders haltbares Material ist also ein Statussymbol und zugleich ein Warnhinweis an die Artgenossen: Bleibt weg von unserem Nest! Weiß wird als weithin sichtbare Signalfarbe geschätzt. Schmuggelt man schwächeren Vögeln eine weiße Gabel unter, fliegt sie übrigens sofort wieder aus dem Nest. Milane sind keine Aufschneider. MS

S

Schuhe Ursprünglich sollten die klobigen Kunststoffschuhe, die unter dem Namen Crocs bekannt wurden, nur als Sportschuhe für Bootsführer dienen. Sie sind extrem leicht, rutsch- und wasserfest und dazu nicht porös, was sie hygienischer macht, da es das Festsetzen von Bakterien und Pilzen verhindert. Schon bei der ersten Präsentation auf einer Bootsmesse war die Nachfrage massiv, zwischen 2002 und 2004 verzehnfachte sich der Umsatz des kleinen Unternehmens aus Colorado und enterte den Weltmarkt. Crocs boomten, die Menschheit teilte sich in Träger und Hasser. Tatsächlich sind sie sehr bequem, weshalb viele Menschen sie als Arbeitsschuhe verwenden. Es gibt eine große, knallige Farbpalette und für verspielte Träger die „Jibbitz“, kleine Anstecker, mit denen man seine Schuhe individualisieren kann. Eleganter werden sie dadurch nicht, und so bleibt dieser Plastikschuh am Ende: Geschmackssache. SH

Sprache Korrekt nennt man synthetisch hergestellte Polymere „Kunststoff“. „Plastik“ hat sich als alltagssprachlicher Begriff eingebürgert – aber nicht überall, weshalb immer mal wieder der Streit über die Umgangssprachformen tobt. Aus der DDR kennt man im Osten noch den Reklame-Spruch „Plaste und Elaste aus Schkopau“. „Das Wort heißt Plastik!“, echauffierte sich erst kürzlich ein Kommentator im Forum von Golem.de. „Die ‚DDR‘ mitsamt ihrem Unwortschatz ist vor 21 Jahren jämmerlich zugrunde gegangen.“ Andere User wiesen auf einen Irrtum hin: „Plaste“ ist die Mehrzahl des laut Wörterbüchern zulässigen „Plast“ und weist auf die Existenz verschiedener Kunststoffgruppen hin. Die Industrie würde Plastik und Plaste aber am liebsten verbannen, weil es zu billig klingt. TP

Z

Zerfall Der Vorteil von Plastik besteht in seiner Haltbarkeit, Verpackungsmaterial aber muss nicht ewig halten. Deshalb wird seit Jahren die Verwendung biologisch abbaubarer Kunststoffe angepriesen. Die werden überwiegend aus pflanzlichen Rohstoffen hergestellt, neben Zellulose und Zucker vor allem aus Stärke. Lieferanten für letzteres sind Mais, Weizen und Kartoffeln. Einsatzgebiet für diese Kunststoffe sind Produkte wie Küchenabfalltüten, die mit dem Bioabfall kompostierbar sind. Es gibt auch Pflanztöpfe in der Landwirtschaft, die im Boden verrotten. Ein Allheilmittel sind sie nicht. Der Zerfall kann Jahre dauern, und die Verwendung von Nahrungspflanzen ist ein schwerwiegender Kritikpunkt. TP

06:00 16.10.2013

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