Tauwetter in der Arktis

Im Gespräch Die Polarforscherin Ursula Schauer über die Auswirkungen des Klimawandels für die Arktis

FREITAG: Auf Ihrer Expedition im vergangenen Jahr haben Sie festgestellt, dass sich der Lebensraum der Arktis sehr stark erwärmt. Wie äußert sich das?
URSULA SCHAUER: Die Arktis ist mit den Weltozeanen durch eine breite Straße zwischen dem Nordatlantik und der Arktis verknüpft, zwischen Spitzbergen und Grönland. Dort mündet das relativ warme Wasser des Nordatlantik in die Arktis. Wir beobachten seit zehn Jahren ganz genau, wie hoch die Temperaturen des Wassers sind, das dort einströmt und wieder zurückkommt. Die Differenz entspricht der Wärme, die in der Arktis verbleibt. Wir haben festgestellt, dass die Temperatur des Wassers seitdem um bis zu einem Grad angestiegen ist. Im letzten Jahr haben wir die höchsten Temperaturen gemessen, die wir bisher dort beobachtet haben.

Bei wie viel Grad lag sie denn?
Wenn man sagt, dass das Wasser so vier bis fünf Grad im Mittel warm ist, kommt einem das natürlich nicht besonders hoch vor; aber wir müssen berücksichtigen, dass sich die Ozeanströmung auf dem Weg nach Norden schon abkühlt, vor der Küste vor Norwegen und auf dem Weg weiter nach Spitzbergen. Vier bis fünf Grad, das ist sehr warm, denn wenn das Wasser in Kontakt mit dem Meereis kommt, kann das dazu führen, dass ein Teil davon abgeschmolzen wird.

Wissenschaftler, indigene Völker und Umweltschützer warnen, dass das Meereis sich in der Nordhalbkugel dramatisch zurückzieht. Wie sieht es damit aus und welche anderen Faktoren kommen dabei zum Tragen?
Zum einen verringert sich die Fläche, die bedeckt ist. Im Winter ist die Bedeckung ohnehin um ein Drittel größer als im Sommer, aber gerade die Sommerwerte gehen ganz stark zurück. Auch wird das Meereis dünner. Insgesamt nimmt also das Volumen des Meereises ab. Das kann den Erwärmungstrend noch verstärken, weil das Meereis, zumal wenn es mit Schnee bedeckt ist, sehr stark das Sonnenlicht reflektiert. Offenes Wasser ist erheblich dunkler, kann also wesentlich mehr Sonnenenergie absorbieren und erwärmt sich. Durch das Wasser schmilzt das Meereis noch zusätzlich. Der Einstrom von warmem Wasser aus den südlicheren Atlantikgebieten kann ebenfalls dazu führen, dass die Meereisdecke reduziert wird.

Welche Rolle spielen die Meere für die Klimaerwärmung? Den Meeresströmungen kommt da ja eine besondere Bedeutung zu.
Das liegt an der physikalischen Tatsache, dass Wasser erheblich mehr Wärme speichern kann als Luft: Wenn man die Luft um ein Grad erwärmt, dann braucht man erheblich weniger Energie, als wenn man das Wasser um ein Grad erwärmt, und dadurch ist der Ozean sozusagen ein Puffer. Alle Vorgänge, die in der Atmosphäre sehr schnell gehen, dauern im Ozean erheblich länger. Viel von der durch Treibhausgasen produzierten Erwärmung findet nicht nur in der Atmosphäre, sondern auch in den Ozeanen statt. Diese Wärme kann dort gespeichert und auch transportiert werden und wieder an die Atmosphäre abgegeben werden, in Gebieten wie der Arktis oder des europäischen Nordmeeres.

Durch die Erwärmung der Lufttemperatur schmilzt der Eispanzer Grönlands ab. Wie wirkt sich die erhöhte Temperatur auf die arktischen Festlandgebiete aus?
Normalerweise haben wir dort ein Gleichgewicht zwischen Niederschlag durch Schnee, der liegen bleibt und sich langsam zu einem dicken Eisschild aufbaut, und dem Abfließen des Eisschilds, die als Gletscher ins Meer gleiten. Im Moment sieht es so aus, als ob sich dieser Abfluss in den Ozean verstärkt, und dadurch steigt der Meeresspiegel an. Es wird vermutet, dass wir einen weiteren Anstieg von bis zu 80 Zentimetern bis zum Ende des Jahrhunderts zu erwarten haben. Des weiteren greift die Erwärmung in der Arktis auch den Permafrost an, das sind riesige vereiste Landgebiete. Wenn dieser Boden dauerhaft aufgetaut wird, kann Methan abgegeben werden. Methan ist ein Treibhausgas, das stark erwärmend wirkt. So kann es zu einer Rückkopplung kommen, die gerade den arktischen Gebieten eine besondere Rolle zuweist.

Was haben Sie im Rahmen des Internationalen Polarjahres vor?
Wir planen, eng vernetzt mit anderen internationalen Aktivitäten, für den Sommer eine zweieinhalbmonatige Expedition, um dort die Prozesse weiterzuverfolgen: Wie verteilt sich die Wärme in der zentralen Arktis? Inwieweit ist die Eisdecke dieser erhöhten Wärme ausgesetzt? Und welche Folgen hat das für die Ausbreitung von Süßwasser? Wir müssen uns vor Augen halten, dass zehn Prozent der weltweiten Flusswassereinträge in die Arktis gehen. Und dieser starke Süßwassereintrag steuert auch ganz erheblich die Meereszirkulation im gesamten Atlantik. Auf dieser Reise wollen wir auch untersuchen, wie sich die Verteilung dieses Süßwassers im Vergleich zu früheren Jahren verändert hat.

Das Gespräch führte Ingrid Wenzl

Dr. Ursula Schauer ist physikalische Ozeanographin am Alfred Wegener Institut in Bremerhaven und Expeditionsleiterin.


Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

00:00 20.04.2007

Ausgabe 42/2021

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare