Tiefblauer Himmel

Kehrseite I Sie saßen nebeneinander auf einer Bank aus Stahl. Sie mit durchgedrücktem steifen Rücken. Er mit einem etwas trotzig schief geneigtem Kopf. Um sie ...

Sie saßen nebeneinander auf einer Bank aus Stahl. Sie mit durchgedrücktem steifen Rücken. Er mit einem etwas trotzig schief geneigtem Kopf. Um sie herum und über ihnen erstreckte sich der tiefblaue wolkenlose Himmel.

Es war auf dem Dachgarten eines Hochhauses. Außer dem grauen Beton-Boden gab es nichts als die Bank, auf der die beiden saßen. Und außer ihnen war niemand da. Es war still. Nur der Wind machte manchmal heisere Geräusche, wenn er über die kalte, trockene, raue Beton-Oberfläche strich.

Die beiden starrten schweigend geradeaus vor sich hin - in den tiefblauen Himmel.

"Willst du hier wirklich weg? Der Winter ist noch gar nicht vorbei", brach er die Stille.

"Ja", antwortete sie entschieden, ohne ihren Blick zu wenden. "Es reicht mir."

Er schwieg wieder. Und starrte weiter vor sich hin.

Sie hielt ihren Rücken noch steifer. "Ich bin wirklich fertig."

"Was macht dich so fertig?" Er wandte sich ihr zu.

"Alles", holte sie Atem, "was ich hier erlebe."

"Was denn genau?" blickte er gespannt auf ihr Profil.

"Einfach alles!" schüttelte sie ihren Kopf. "Die Wolken, der Regen, der Nebel, der Hagel, die Luft, die See, die Flüsse, die Fische, die Frösche, die Bäume, die Hasen, die Katzen, die Hunde, die Insekten, die Blumen, die Häuser, die Straßen, die Menschen, die Vögel und vor allem anderen ..."

"Vor allem anderen?" Er schaute in ihre Augen hinein.

"Du."

Er wandte seinen Kopf nach vorn ab und schwieg. Dann schaute er sich wieder zu ihr um.

"Und warum?"

"Ach, willst du das hören?" schaute sie sich erst jetzt zu ihm um.

"Ja."

"Weißt du ... einfach gesagt, du weißt nicht, was es bedeutet, jemanden zu lieben. Ich habe lange gewartet. Aber du weißt es immer noch nicht. Und scheinbar kann ich es dir nie beibringen. Erst wenn du selber das erlebst, was ich erlebt habe, lernst du es vielleicht. Aber bis dahin ... sehe ich keine Chance."

Er starrte sie mit nichtssagenden, ahnungslosen Augen an.

"Ich möchte woanders sein. Und dich vergessen." Sie starrte ihn an, so wie er sie anstarrte. "Wünsch mir bitte alles Gute."

Aber er sagte keinen Ton, er starrte sie weiter mit seinen toten Augen an.

"Ach, du kannst mir nicht einmal etwas Gutes wünschen?" wandte sie ihren Blick irritiert von ihm ab.

"Gut" - sie streckte ihren Körper - "dann leb wohl ..." Damit schwang sie sich in die Luft hinauf.

Im tiefblauen Himmel entfaltete eine Möwe ihre schneeweißen Flügel. Sie flatterte ein-, zweimal und glitt im Luftstrom langsam nach oben. Einen Moment schwebte sie im Wind, dann flog sie los, bis sie als kleiner weißer Punkt im Tiefblau verschwand.

Miyuki Tsuji wurde in Japan geboren. Sie lebt seit 13 Jahren in Deutschland.


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