Touch me!

Alltagskommentar Nachdem jetzt auch Microsoft in der Welt der Touch-Bedienung angekommen ist, bleibt nur eine Frage: Wie verändert diese dauernde Display-Drückerei unsere Welt?
Touch me!
Auch Windows kann man jetzt anfassen

Foto: Mario Tama/AFP/Getty Images

Vergangene Woche veröffentlichte Microsoft Windows 8. Der Softwaregigant kommt spät zur Party, aber mit dem neuen Betriebssystem will man nun den Markt der Smartphones und der Tablet-Computer erobern, die über Berührungen des Displays gesteuert werden. Damit ist auch Microsoft in der "world of touch" angekommen, wie Bill Gates anmerkte.

Die vor allem von Apple vorangetriebene Touch-Bedienung ist bereits eine folgenreiche Kulturpraxis: Durch Drücken, Wischen und Ziehen werden Inhalte verschoben, vergrößert oder verkleinert. Finger, die mal hektisch, mal sanft über spiegelnde Glasbildschirme streichen, sind aus unserem Alltag nicht mehr wegzudenken.

Touch-Technologie in den 60ern

Die Technik dahinter ist jedoch nicht neu: Schon Anfang der sechziger Jahre gab es rege Forschung zur Touch-Technologie, die zunächst militärische Verwendung fand. So ließen sich auf dem von IBM zur Radarabwehr gebauten SAGE-Computer von 1963 feindliche Ziele mit einem Stift direkt auf dem Monitor markieren. Bereits damals war es das Ziel der Entwickler, die Steuerung so einfach wie möglich zu gestalten.

Was aber verändert sich in einer Welt, in der mehr und mehr durch Berührung geregelt wird und in der Inhalt und Steuerung auf dem Bildschirm vereint sind? Schließlich gehört es zu den signifikantesten Merkmalen des Menschen, mit der Umwelt mittels Sprache und Zeichen in Verbindung zu treten. Die sprachliche Vermittlung dient nicht nur als Schutzmechanismus, um Distanz zu schaffen, sondern trägt maßgeblich dazu bei, die Welt verstehbar zu machen und ihr Bedeutung zu verleihen.

Akt von größter Bedeutung

Diese Beziehung könnte sich verändern, wenn wir beginnen am Zeichen vorbei unvermittelt auf die digitalen Dinge zu drücken. Wird unser Alltag durch seine intuitive Regelung damit nicht nur einfacher, sondern auch zunehmend bedeutungslos? Es gibt eine Ikone der Berührung, die eine andere Interpretation zulässt: Michelangelos Deckenfresko "Die Erschaffung Adams" in der Sixtinischen Kapelle. Dieses Werk zeigt den Akt der Schöpfung als die Berührung der Zeigefinger Adams und Gottes – Berührung ist hier ein Akt von größter Bedeutung.

Einer der beiden Finger gehört heute dem Computer, nur welcher, ist noch unklar. Ob iPad oder Windows Surface: Mensch und Technik wachsen näher zusammen und haben mit dem berührungsempfindlichen Bildschirm eine gemeinsame Schnittstelle gefunden.

Patrick Kilian promoviert zurzeit zur Wissensgeschichte der Raumfahrt

14:36 30.10.2012

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