Tragödie am Aralsee

Vorspiel In seinem Roman "Der sterbende See" verarbeitet der kasachische Schriftsteller Abdishamil Nurpeissow das Schicksal seines Volkes

Einst liefen die Boote der Schiffer Tag und Nacht mit ihren Trawlern aus, um frischen Fang mit ihren Netzen im Aralsee einzuholen. Der See galt als Anlaufpunkt für Kurgäste, und Ferienlager beherbergten unzählige Kinder. Der Autor und kasachische Pen-Prädident Abdishamil Nurpeissow, geboren am Aralsee, stammt aus einer Fischerfamilie. Doch seit den sechziger Jahren schwindet der See unaufhörlich. Meter um Meter sinkt der Wasserspiegel, legt Fischerboote auf trockenen Grund. Heute sind vom einst viertgrößten See der Welt nur noch zwei kleine Salzlachen übrig. Die beiden Zuflüsse Amudaria und Syrdaria liefern an ihrem Lauf Wasser für Baumwollplantagen und speisen ihn nicht mehr.

Nurpeissow beeindruckt durch seine lebendigen und authentischen Romanfiguren. So dürfte es den Fischern am Aralsee ergangen sein, als die Fänge immer häufiger ausblieben. Jadiger als Vorsitzender einer Fischereigenossenschaft riskiert alles, um seinen Leuten noch einen guten Fang zu verschaffen. Risikoreich überquert er mit seinem LKW das noch frische Eis des Flusses, um den Fischen folgen uz können. Er fährt nicht zur Familie zurück, sondern hilft vor Ort. Wochenlang kommt er nicht nach Hause und zieht sich damit den Unwillen seiner Frau Bakizat zu. Es kommt zum handfesten Streit zwischen ihnen, und seine Frau verlässt ihn für Azim. Alle drei kennen sich aus gemeinsamen Studienzeiten. In einer Rückblende erfahren wir, warum damals Jadiger seine Frau für sich gewinnt.

Eben jener Azim ist Institutsdirektor geworden und verkündet, wenn der See ausgetrocknet ist, könnte man reiche landwirtschaftliche Ernte auf seinem Grund einfahren. Über nicht vorhandene große Grundwasserreserven wird phantasiert. Azim ist hoch angesehen in der Nomenklatur und sorgt dafür, dass Kritiker seiner Pläne an den Rand gedrängt werden. Doch später wendet sich das Blatt, und er verliert seinen Posten und die damit verbundenen Privilegien.

Nurpeissow zeigt erbarmungslos die organisierte Verantwortungslosigkeit, wie eine sinnvolle wissenschaftliche Bestandsaufnahme durch Karrieristen unterlaufen wird. Das durch die Steppe wehende Salz des fast ausgetrockneten Sees zerstört vielerorts die Gesundheit und schmälert landwirtschaftliche Erträge. All dies bleibt in Azims Institut ausgeblendet. Dieses ökologische Desaster in Mittelasien erscheint dem kasachischen Autor wie ein Vorspiel der großen Katastrophe, die auf uns zukommt, etwa wenn man die Klimagefahren oder das Bevölkerungswachstum nimmt. Der Roman wird zu einer unbarmherzigen Abrechnung mit dem Fortschrittsglauben jeglicher Couleur. Reflektiert werden in diesem Kontext auch die Folgen der Atombombentests für die Bevölkerung in Kasachstan. All dies kommt nicht vordergründig plakativ zur Sprache, sondern ist in die Dreiecksgeschichte eingebettet, ergibt sich aus den Biografien der drei Hauptpersonen.

Bedrückend ist, als im heimatlichen Ail am Aralsee an einem Tag 25 Familien ihre Häuser verlassen und ihre Habe auf Lastwagen abtransportieren. Ein Abschied für immer. Armut und fehlende Arbeitsmöglichkeiten ließen keine andere Wahl. Nurpeissow versteht es meisterhaft, aus der Ich-Perspektive der erinnernden Hauptpersonen das gesellschaftliche Ganze zu umreißen. Alles entsteht aus ihren Erinnerungen heraus. Die Romanhandlung dauert nur einen Tag und eine Nacht, in denen an den Beteiligten das ganze Leben, die Sorgen und das Schicksal des Volkes vorbei ziehen. Analog besteht die Romandiologie aus den Teilen: Es ward Tag ... und Es ward Nacht ..., die hier in einem Band abgedruckt sind.

Der einohrige Intrigant Sary Schaja stachelt Jadiger an, er solle seine Ehre verteidigen, übertreibt dabei und bekommt von ihm statt dessen eine Tracht Prügel. Jadiger steht nicht der Sinn nach Vergeltung, sondern er flieht auf das Eis des Aralsees und denkt darüber nach, was ihn in diese aussichtslose Lage geführt hat. Bakizat und Azim kommen dazu, als sie ihn dort bei der Abreise erkennen. Doch eine riesenhafte Eisfläche bricht ab und alle stehen plötzlich auf ihr, abgeschnitten vom Land. Der Schlitten samt Pferd versinkt in den eisigen Fluten. Es wird Nacht, auch einen zerzausten Wolf mit rotglühenden Augen hat es auf die Eisinsel verschlagen. Wir erfahren vom wechselhaften Jagdschicksal des grauen Gesellen. Nun beginnt ein elementares Ringen mit der Kräften der Natur. Jadiger verletzt sich. Wie wird der Kampf ausgehen, gibt es eine Rettung?

Vergleicht man Abdishamil Nurpeissows Werk mit Tschingis Aitmatows Richtstatt oder Der Tag zieht den Jahrhundertweg, so schreibt er ähnlich spannend und streng durchkomponiert mit imposanten Naturbildern. Der Autor liefert ein Stück Weltliteratur aus dem mittelasiatischen Kasachstan. Dass eine erste frühere Fassung den Moskauer Zensoren nicht gefallen hat und der Abdruck verboten wurde, lässt sich gut nachvollziehen. Der kasachische Verleger schmuggelte deshalb den Text unbenannt in die Nachauflage einer früheren Romantrilogie des Autors. Über viele Jahre erweiterte und arbeitete Nurpeissow seitdem sein Werk zum Aralsee um, das nun zwei Teile umfasst. In kasachischer und russischer Sprache erschien die Romandiologie unter dem Titel Die letzte Pflicht.

Abdishamil Nurpeissow Der sterbende See. Roman, Dagyeli Verlag, Berlin 2006, 520 S., 29,90 EUR

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