Traumschiff

Kehrseite III Wellen schlagen. Möwen schreien. Die Schiffssirene. Ich stehe an der Reling. Der Blick geht ins Weite. Unter mir, auf dem Zwischendeck, geht ein ...

Wellen schlagen. Möwen schreien. Die Schiffssirene. Ich stehe an der Reling. Der Blick geht ins Weite. Unter mir, auf dem Zwischendeck, geht ein Liebespaar spazieren. Sie sagen sich schöne Dinge. Musik. Dann brechen sie in Gesang aus. Es geht um Liebe und Sehnsucht. Eine Revue auf dem Theater, ein Stück, das auf einem Schiff spielt. Die Kohlenmänner, Heizer und Lumpen stehen ganz unten. Sie sind der Chor, sie singen mit.

Ich wende mich ab, gehe durch die Tür hinter mir, scheinbar in meine Kajüte. Die Zuschauer im Saal folgen dem Gesang auf der Bühne, applaudieren. Ich steige eine eiserne Treppe hinunter, die auf der Rückseite der Kulisse hinunterführt. Die Kulissenwand ist mit Stangen und Seilen gesichert. Als ich die Bühne erreicht habe, tönt wieder die Schiffssirene, und ich merke, wie eine sanfte Bewegung den Bühnenboden erfasst: Das Schiff legt ab. Ich halte das für eine Täuschung, will durch alle Querstangen, Seile und Streben, die die Kulisse halten, schnell hindurch und von der Bühne weg. Aber ich finde den Ausgang nicht, ich gelange nicht zu der Tür, die zur Kantine führt. Das Schiff hat wirklich abgelegt! Die Schauspieler vor der Kulisse sind noch auf der Bühne, spielen noch und haben es vielleicht noch gar nicht bemerkt. Nur ich weiß, dass wir wirklich auf ein Schiff geraten sind, und das Schiff bewegt sich. Schwimmt es von den Zuschauern weg - oder nimmt es den ganzen Saal mit? Ich weiß nicht wohin, aber ich bin fasziniert, das Schiff entführt mich.

Ich finde eine Eisentür, feuersicher wie im Theater üblich. Ich öffne sie. Dahinter geht es nun wirklich hinab. Ein dunkler riesiger Raum, dessen Ausmaße ich nicht ausmachen kann. Ich steige eine eiserne Treppe hinab ins Dunkle. Ich kann die nächste Stufe immer nur ahnen. Plötzlich sind die Stufen zu Ende. Ich stehe auf ebenem Boden. Der eben noch so große Raum, stellt sich heraus, ist klein und beengt. Die Treppe ist fort. Ich fühle mich eingesperrt, taste an den Wänden entlang, um einen Ausgang zu finden. Entdecke hinter einem Mauervorsprung das grüne Leuchtschild Ausgang, das es in jedem Theater an jeder Tür gibt. Darunter befindet sich tatsächlich eine Tür. Ich höre Stimmen. Die Heizer gehen außen vorbei. Ich warte ab, bis sie weg sind. Dann öffne ich die Tür. Wind, Wasser schlägt mir entgegen. Ich stehe auf einem schmalen Steg tief an der hohen Außenwand des Schiffes, knapp überm Wasser. Durch das Gitternetz des Bodens sehe ich unter mir Gischt, dunkel schäumendes Wasser. Wind. Ich drücke mich an der Schiffswand entlang, um ein Plateau zu erreichen, auf dem ich stehen kann. Dort erwarten mich schon die Heizer. Sie sind dabei, ihren Jüngsten zusammenzuschlagen. Er liegt blutend, mit gebrochener Nase am Boden, heult. Ich soll ihm den Rest geben. Ich weiß nicht, wie ich das anstellen soll. Ich habe sowas noch nie getan. Man gibt mir eine Kohlenschaufel in die Hand. Ich versuche es damit, schlage dem am Boden Liegenden auf den Kopf, ein paar Mal. Er lebt immer noch. Ich lege die Schaufel beiseite. Trete ihm ins Gesicht, bis sein Kiefer bricht. Endlich habe ich das geschafft, und die Heizer schlagen mir anerkennend auf die Schulter. Meine Reise geht fort.


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00:00 29.10.2004

Ausgabe 39/2020

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