Tritte an die Tür

Amateurfußball Wenn auf den Bolzplätzen die Gewalt eskaliert, werden Schiedsrichter wie Ibrahim Yildirim schnell zur Zielscheibe. Harte Strafen allein lösen das Problem nicht
Tritte an die Tür
Pro Jahr werden wegen Gewaltvorfällen etwa 600 Spiele abgebrochen

Foto: Sebastian Wells/Ostkreuz

Berlin, ein Sonntagnachmittag, 22 junge Männer, Kunstrasen. SV Karow 96 gegen Hilalspor II, Kreisliga B, Staffel 2. Die Gastgeber spielen in Rot, die Gäste in Grün. Kaffee gibt’s am Büdchen für einen Euro. Zuschauer: wenige. Frauenanteil: nein. Kalt ist es auch geworden, aber Spiel ist Spiel. Dieses plätschert gerade so dahin. Ein Roter verfolgt den ballführenden Kapitän der Grünen, zieht an dessen Trikot – der Schiedsrichter pfeift.

Wütend fährt der Kapitän herum, stürmt auf den Roten zu, schubst ihn, schreit ihn an. Wenn Blicke töten könnten, wären hier bald Sirenen zu hören. Amateurfußball heißt, dass der nächste Ausraster immer nur einen Trikotzupfer entfernt ist.

Es wird aktuell viel über Gewalt auf Fußballplätzen geredet. Vor allem ein Fall aus Hessen hat für Aufregung gesorgt, bei dem ein 22-jähriger Schiedsrichter von einem Spieler mit der Faust niedergeschlagen wurde. Der Schiedsrichter war minutenlang bewusstlos, musste anschließend per Hubschrauber in ein Krankenhaus geflogen werden, kam dort wieder zu sich. Der Verein meldete die gesamte Mannschaft des Täters daraufhin vom Spielbetrieb ab. Schlimmer geht’s kaum. In Berlin gab es nach mehr als 100 Gewaltdelikten auf den Plätzen in dieser Spielzeit – etwa die Hälfte davon gegen Schiedsrichter – sogar einen Streik. Ein Wochenende lang legten die Unparteiischen im vergangenen Monat ihre Pfeifen nieder. Eine öffentlichkeitswirksame Aktion. Aber bringt sie auch etwas?

Der Berliner Fußballverband hat nun bei seinem Verbandstag reagiert: Strafen gegen Spieler und deren Vereine sollen fortan härter ausfallen. In einem angenommenen Antrag war sogar von „schwarzen Listen“ die Rede, was auf lebenslange Sperren für Wiederholungstäter hindeuten könnte. Außerdem muss jeder Heimverein eine „Ansprechperson“ für den Schiedsrichter benennen. Hier wurde sich wohl um das Wort „Security“ herumgedrückt, aus Angst vor hohen Kosten für die notorisch klammen Vereine, falls diese tatsächlich externes Sicherheitspersonal bezahlen müssten. Nun bekommt vermutlich vor jedem Anpfiff einer jener Vereinsrentner, wie sie auf den Fußballplätzen so herumstehen, trinken und besserwissen, ein orangefarbenes Leibchen übergezogen. Sicherheit und Sicherheitsgefühl sind zwei Paar Schuhe.

Wie so oft illustriert der Fußball auch beim Gewaltproblem eine gesellschaftliche Entwicklung. Schrecken harte Strafen Täter ab oder stigmatisieren sie diese nur noch mehr? Braucht es mehr Härte? Vorbeugen müsste man, schulen und erklären, klar. Aber wer soll das alles bezahlen?

Während die Antworten auf diese Fragen naturgemäß schwerfallen, machen es sich manche leichter und fordern drakonische Strafen, bis hin zu lebenslangen Sperren. So stand es mehrfach im Boulevard geschrieben, aber auch Bundesliga-Spieler wie Hoffenheims Kapitän Kevin Vogt fordern solche Maßnahmen immer wieder öffentlichkeitswirksam in Interviews. Die Bundesliga-Schiedsrichter dagegen fordern in einer Initiative per Videobotschaft einen anderen Umgangston und mehr Fairness gegenüber den Kollegen in den unteren Spielklassen. Ihre Botschaft klingt schon differenzierter.

„Spielen auf Leben und Tod“

Zurück in Karow: Halbzeitpause. Schiedsrichter Ibrahim Yildirim dampft in seiner Kabine aus, langsam beruhigt sich sein Atem. „Das war schon grenzwertig“, sagt er über die Situation mit dem Kapitän von Hilalspor. „Es wird jetzt lauter. Hoffen wir, dass alles gut geht.“

In der zweiten Hälfte wird es auf dem Platz schnell hektisch. Auch außerhalb. Amateurfußball heißt ja auch, dass immer irgendwo jemand mit hochrotem Kopf und Schaum vorm Mund brüllt: „Wir bleiben ruhig!“ Der Gäste-Kapitän bleibt wieder nicht ruhig, er beleidigt irgendwann den Schiedsrichter, auf Türkisch – der zeigt glatt Rot. An der Seitenlinie steht ein Rentner mit Schiebermütze und sagt: „Das sind ja immer die Ausländer, wenn so etwas passiert.“ Die Gäste gehen in Unterzahl in Führung und gewinnen am Ende 6:3, der Frust bei Karow 96 ist groß.

Kurz vor Schluss schickt der Schiri auch noch einen „Inländer“ von Karow vom Platz, knapp zwei Meter groß, formidabel volltätowiert. Nach dem Spiel stürmt dieser Hüne auf den Unparteiischen zu, um ihn zu fragen, „ob er Bock auf Fußball hat“ oder „was das alles soll!?“. 15 Euro Aufwandsentschädigung bekommt ein Schiedsrichter für so eine Partie. Dafür muss er sich an einem Sonntagnachmittag bei fünf Grad Außentemperatur irgendwo am Berliner Stadtrand beleidigen, bepöbeln, bedrängen lassen. Wer tut sich so etwas eigentlich an?

An einem anderen Tag sitzt Ibrahim Yildirim in einem Café in Berlin-Schöneberg. 33 Jahre alt, gelernter Fleischer, er arbeitet in einem Supermarkt. „Hauptsache, man hat Arbeit“, sagt Yildirim und lächelt. Er ist mehrfacher Familienvater.

Yildirim ist ein stämmiger Typ mit Zehn-Tage-Bart und ruhiger Ausstrahlung. Wenn seine Teetasse einen Abdruck auf dem Tisch hinterlässt, holt er ein Taschentuch heraus und wischt ihn weg, bevor er weiterspricht. „Mein Vater wollte früher nicht, dass ich Fußball spiele. Mich hat der Fußball aber immer angezogen. Deshalb bin ich Schiedsrichter geworden.“ Wenn er auf dem Rasen stehe, vergesse er alles um sich herum, „das ist ein schönes Gefühl“.

Yildirim erzählt, dass die zunehmende Gewalt auf dem Platz ihn schon belaste, „da überlege ich mir manchmal: Musst du das machen?“ Vor allem ein Fall aus dem Jahr 2018 lässt ihn nur schwer los. Da zeigte er nach einem Handgemenge einem Spieler die Rote Karte. Der rastete aus, stieß Beleidigungen und Todesdrohungen aus, verfolgte den Schiri über den Platz. Spielabbruch. Yildirim flüchtete in seine Schiedsrichterkabine. Dort saß er. Hoffte, der Sturm würde sich legen, während der Täter von außen versuchte, die Tür einzutreten.

Problematisch an solchen Eskalationen sei auch, dass sich Täter und Opfer zumeist wiedersehen. „Als ich das nächste Mal dort gepfiffen habe, kam der Typ an: ‚Du darfst nicht mehr herkommen.‘ “ Yildirim habe aber geantwortet: „Das ist nicht dein Platz. Der gehört der Stadt.“ Manche Leute würden das Wort Hobby nicht verstehen, sagt Yildirim, „die spielen auf Leben und Tod“.

Ibrahim Yildirim

Zentral ist für ihn die Sprachfrage. „Auf dem Platz will ich nur auf Deutsch angesprochen werden, alles andere schafft nur Probleme“, sagt er. Viele Spieler würden beispielsweise versuchen, Türkisch mit ihm zu reden, „aber dann verstehen es die anderen nicht und es entsteht Aggression“. Untereinander dürften die Spieler natürlich reden, wie sie wollen, aber eine gemeinsame Sprache für das Spielfeld sei „wichtig“. Die schwierige Frage nach den Tätern ist für Yildirim aber keine der Herkunft. „Viele haben einen Migrationshintergrund“, erklärt er, „aber es gibt auch rassistische Beleidigungen.“ Worauf es für ihn ankomme, sei, dass die „Vereine selbst etwas unternehmen“. Strafen von Fußballverbänden alleine würden das Problem nicht lösen. Das klingt nicht zufällig nach der Erkenntnis, dass Gewaltprobleme von Intensivtätern in deren persönlichem Umfeld entstehen. Der Verein als Familie, der Verband als Gesellschaft, der Spieler als pubertierender Sohn, den keiner in den Griff kriegt. Schon gar nicht der Schiedsrichter: der Polizist.

Wie es auch anders geht, zeigt sich gerade im Ruhrgebiet. Im Essener Fußballkreis ging die Zahl der Spielabbrüche um 60 Prozent zurück, was vor allem an einem Präventionsprojekt für Migrantenvereine lag. Sportwissenschaftler Ulf Gebken von der Uni Duisburg-Essen erklärt, dass viele Vereine „regelrecht stigmatisiert“ seien. „Wenn die sich selbst als Problemvereine empfinden, knallt es immer wieder.“ Deshalb seien seine Studierenden zu den Vereinen gegangen, hätten Trainingseinheiten begleitet, Fußballregeln erklärt. „Wir dürfen nicht nur harte Strafen fordern. Diese Vereine leisten unglaubliche Integrationsarbeit. Wir müssen sie wertschätzen“, sagt Gebken. Amateurfußball heißt schließlich auch, jene einzubinden, die sonst nirgendwo dabei sind.

Eine Behauptung taucht in der Debatte über Fußballgewalt immer wieder gerne auf, die der übertriebenen Hysterie: Früher war doch alles genauso, hat nur keinen gejuckt, ist dann bisweilen zu hören. Abschließend verifizieren lässt sich diese These nicht. Gunter Pilz, Sportsoziologe und so etwas wie der deutsche Grand Senior der Gretchenfrage nach Gewalt im Fußball, verweist darauf, dass die Anzahl der wegen Gewaltvorfällen abgebrochenen Spiele seit „etwa vier Jahren konstant“ ist. Betroffen seien im Schnitt etwa 0,04 Prozent aller Partien, bei 1,5 Millionen Spielen pro Jahr also etwa 600. Verwertbare historische Langzeitdaten liegen nicht vor. „Wir haben es hier mit einem Versagen der Eliten zu tun“, sagt Pilz. „Wenn Bundesliga-Trainer jede Schiedsrichter-Entscheidung kommentieren und 90 Minuten auf und ab springen, zeigen sie: Der Schiedsrichter ist Freiwild.“ Auf den Amateurplätzen würde sich diese vorgelebte Aggressivität manifestieren.

Niedersächsisches Happy End

Was Pilz und seine Kollegen beobachten, sei eine „Verrohung der Sprache“. Die Entgleisungen seien heute vielleicht nicht häufiger als früher, „aber oft heftiger.“ Als Maßnahme schlägt Pilz etwa vor, dass vorbelastete Akteure Trainingsspiele leiten, also mal die Seiten wechseln, um zu sehen, wie es sich anfühlt, wenn man alleine von einer Handvoll aufgebrachter Spieler angegangen wird.

Das Gewaltproblem wird sich bis auf Weiteres nicht einfach lösen lassen. Allzu oft hört man nach einem Angriff auf einen Schiedsrichter am Spielfeldrand noch, dass der ja auch den Elfmeter zu Unrecht gegeben hätte. Klingt nicht zufällig wie: „Die hatte ja auch einen kurzen Rock an.“

In Niedersachsen, so erzählt es Wissenschaftler Pilz, sei ein Spieler nach einem tätlichen Angriff auf einen Schiedsrichter für ein Jahr gesperrt worden. Er hätte dann selbst einen Schiri-Lehrgang gemacht, seine Strafe um die Hälfte erlassen bekommen und würde heute immer dazwischengehen, wenn jemand einen Schiedsrichter angeht. Amateurfußball kann schließlich auch mal heißen: Happy End.

Nik Afanasjew ist Reporter. Er hat zehn Jahre im Ruhrgebiet Fußball gespielt und ist Mitglied der deutschen Autorennationalmannschaft

06:00 29.11.2019
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