Diese „sorgfältig konstruierte Maschine der Gewalt“

Ukraine Zwischen Trauer, Wut und Analyse: Die Schrifstellerinnen Katja Petrowskaja und Marlene Streeruwitz wollen den Krieg intellektuell (be)greifen
Ausgabe 23/2022
Krieg sei „die Grammatik der Mächtigen“, schreibt Marlene Streeruwitz
Krieg sei „die Grammatik der Mächtigen“, schreibt Marlene Streeruwitz

Foto: Genya Savilov/AFP/Getty Images

Mitten in Europa führt Russland einen Vernichtungskrieg gegen die Ukraine, der uns alle in der Hand hat. Das spürt man in den emotionalen Debatten. Vor allem aber tötet dieser Krieg jeden Tag Menschen, dieser existenzielle Fakt gerät zuweilen ins Abseits. „Irgendwie ist alles teurer als ukrainische Leben“, kommentierte deshalb die Kiewer Autorin Kateryna Mishchenko jüngst frustriert den Meinungskampf über Art und Ausmaß der Unterstützung für ihre bedrängte Heimat.

Hierzulande wird in zwei Richtungen argumentiert. Die einen wollen aus Angst vor einer Eskalation des Krieges keine Waffen in die Ukraine geliefert wissen. Die anderen setzen sich aus Empathie und Solidarität für Flugverbotszonen und Waffenlieferungen ein. Zu Letztgenannten gehört auch die in Kiew geborene Schriftstellerin Katja Petrowskaja.

Die Heimat wird sich fremd

Zweifelsohne ist Petrowskaja – wie viele – von den Ereignissen der vergangenen Wochen überrollt worden. Im Gespräch Anfang Mai wirkte die Bachmannpreisträgerin von 2013 erschöpft. Natürlich sei es eine Katastrophe, dass sie als Pazifistin für Waffenlieferungen plädieren müsse. „Ich bin keine geborene Kämpferin. Aber ich konnte nicht anders, ich musste mich zu Wort melden.“ In der FAS schreibt sie seit 2015 über Bilder, die sich ihr in irgendeiner Form aufgedrängt haben. Bilder aus Zeitungen, Familienarchiven, Ausstellungen oder von Flohmärkten. Aktuell sind es vor allem Fotos aus dem Krieg, die „wie Bombensplitter“ in ihr steckten. „Diese Fotos machen Zeugen aus uns, gnadenlos“, erklärte sie mir.

Den Anfang bildete 2015 eine Aufnahme von Yevgenia Belorusets. Sie zeigt einen rauchenden Bergmann im Donbass bei der Arbeit. „Arbeit war Frieden und der Krieg absurd“, kommentierte Petrowskaja das Bild. Gegen die Absurdität des Krieges in der Ukraine schreibt die Wahlberlinerin anhand solch konkreter Eindrücke an. Eine Auswahl ihrer Bildkolumnen hat sie nun bei Suhrkamp veröffentlicht, sie handeln nicht vom Krieg, sind aber von ihm gezeugt. Der Band versammelt Texte über historische Aufnahmen aus der sowjetischen Welt, über strahlende Pflanzen in Tschernobyl und Frauen, die wie Schlüsselfiguren durch die Zeit reisen. Petrowskaja zeigt in diesen lesenswerten Essays kulturelle und emotionale Denklinien auf. Sie wühlt in Biografien und Geschichte(n), um die Gegenwart greifen zu können. Die Fotos brennender ukrainischer Dörfer, die der deutsche Soldat Dieter Keller 1941/42 in den Bloodlands gemacht hat, bekommen bei ihr eine neue Dringlichkeit: „Diese Bilder sind vielleicht jedem unheimlich, doch mir noch ein wenig mehr, denn das ist meine Heimat, die sich durch diesen Vernichtungszug selbst fremd wird.“

Die Texte sind aus subjektiver Perspektive verfasst, treffen aber stets einen grundsätzlichen Kern. Petrowskajas aktuelle FAS-Kolumnen haben zudem eine dezidiert pro-ukrainische Haltung. Das macht es schwierig, Abstand zwischen die Bilder, ihre Betrachterin und sich selbst zu bringen. Man ist schnell in Petrowskajas aufgewühlten Gefühlswelten verstrickt.

Wer Marlene Streeruwitz’ Handbuch gegen den Krieg liest, versteht, warum das so ist. „Krieg ersetzt Vernunft durch Gefühle“, heißt es dort. Die in Wien, London und New York lebende Autorin seziert das Konzept Krieg mit der Rasierklinge und deckt dessen gesellschaftliche Folgen schonungslos auf. Mit Sätzen wie „Krieg ist das Gegenteil von Ethos“ und „Krieg ist künstliche Psychose“ macht sie all jenen einen dicken Strich durch die Rechnung, die meinen, dass es einen ethisch korrekten und vernünftigen Kurs durch diese Zeit gibt.

In etwas mehr als dreißig Thesen wird hier nüchtern das Wesen des Krieges vermessen. Das Buch ist ein Antidot gegen die Eskalationsspiralen. Streeruwitz beschreibt den Krieg als das Gegenteil von Zivilisation und Leben, als Missbrauch, als Ausbeutung und letztes Abenteuer. Krieg sei aber auch „die Grammatik der Mächtigen“ und „das stabilste Modell, wie Geschichte gemacht wurde“. Sie entlarvt die „sorgfältig konstruierte Maschine der Gewalt“ in ihren wirtschaftlichen Dimensionen und zeigt, wie der Krieg als Comedy auf die mediale Bühne gebracht wird. „Und alle treten auf und wissen alles. Vermutungen, taktische Vorschläge, Wahrsagerei, Wunschvorstellungen. Während Krieg ist, haben alle Vordränglerischen eine gute Zeit.“

Vage Definition von Freiheit

Ihr Handbuch sei „ganz anlassbezogen, raschest geschrieben, in einer Art Raserei“ entstanden, gestand Streeruwitz dem Standard. Rasch lesen sollte man es aber nicht. Besser liest man diese fast befremdlich kühlen Texte Wort für Wort und Satz für Satz. Denn es sind die Nuancen und Zwischentöne sowie die genau konstruierten Satzketten, die diese Anordnung der kriegerischen Wirklichkeit zur vielleicht besten Lektüre in dieser Zeit machen.

Wo Petrowskaja die Grammatik des Krieges in der bildlich festgehaltenen Wirklichkeit sucht, geht Streeruwitz in die rationale Analyse der vom Krieg ausgelösten Prozesse. Sie zeigt, wie sich Krieg immer in Überwältigungen erzählt und die Gewalt zur alleingültigen Realität macht. „Jede andere Erzählform ist ausgesetzt“, es herrsche eine „Zensur gegenüber dem Sprechen von Leid“. Damit müsse gebrochen werden, fordert die Österreicherin, es brauche eine Kultur, „die sich vor dem Frieden nicht scheut“. Die freiheitliche Demokratie des Westens sei als Bezugsgröße untauglich, da sie in ihrer patriarchalen, neoliberalen und ausbeuterischen Form den Krieg als Normalzustand etabliere. Ein echter gesellschaftlicher Frieden meine Gerechtigkeit für alle und werde „mehr als eine vage Definition von Freiheit brauchen“.

Info

Das Foto schaute mich an Katja Petrowskaja Suhrkamp 2022, 256 S., 25 €

Handbuch gegen den Krieg Marlene Streeruwitz bahoe books 2022, 79 S., 19 €

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