Outen gestattet

#MeToo Wer die Strukturen sexualisierter Gewalt aufbrechen will, kommt nicht drum herum, auch Namen zu nennen
Outen gestattet
„Dieter Wedel, Frauenheld“ genügte ihm als TV-Bauchbinde bisweilen

Foto: Johannes Simon/Getty Images

Soll man oder soll man nicht? Namen nennen, Männer outen, die Frauen sexuell belästigt haben? Sollen sich Frauen öffentlich dazu bekennen, was ihnen passiert ist? Nicht nur in den USA, sondern jetzt auch in Deutschland?

Die einen sagen so, die anderen so. Mit den Offenbarungen dreier Ex-Schauspielerinnen, die den Kult-Regisseur Dieter Wedel beschuldigen, er habe sie vor rund zwanzig Jahren angetatscht und zu sexuellen Handlungen genötigt, hat die #MeToo-Debatte hierzulande einen regelrechten Schub bekommen. Endlich, so finden die einen, gebe es auch in Deutschland jene schonungslose Offenheit, die es braucht, um die „Strukturen, die den Missbrauch begünstigen“, offenzulegen? In den USA sei die „Causa Weinstein“ schließlich auch erst ins Rollen gekommen, als Frauen offen über ihre Erlebnisse berichteten. Das Gegenargument: Durch Einzelfälle gerieten eben jene perfiden „Strukturen“ aus dem Blickfeld.

Und was ist nun richtig? Um das zu verstehen, muss man einen genaueren Blick auf die Filmbranche werfen. In der spielen Aussehen, Körper, sexuelle Attraktivität eine besondere Rolle. Dort herrsche ein „Überangebot an Sex“, wie eine der drei Wedel-Betroffenen sagt. Das Klischee dahinter: Tagsüber wird gedreht, abends gesoffen, gekokst, gevögelt. Männer wie Weinstein und Wedel – mit Macht und Allmachtsgebahren – tragen dazu bei, dass Bilder wie diese wirkmächtig sind und bleiben. Wedel prahlte gern mit seinen „Frauengeschichten“, in manchen Talkshows genügte es ihm, wenn die TV-Bauchbinde einblendete: „Dieter Wedel, Frauenheld“.

Am Set geht es aber nicht hauptsächlich um die allgegenwärtige Verfügbarkeit von Sex. Es geht um Macht. Das hat eine weitere Schauspielerin, die sich jüngst in der „Affäre Wedel“ zur Wort meldet, deutlich gemacht. Die Frau spricht von Demütigung und Psychodruck durch den mittlerweile 75-jährigen Regisseur, weil sie auf seine Avancen nicht eingeganen sei.

Es ist das Machtgefälle, in dem sexualisierte Gewalt und psychische Demütigungen bestens gedeihen können. Und das reicht weit über die Filmbranche hinaus, im Grunde trifft es jede Branche: Politik, Wissenschaft, Sport, Medien, Industrie. Denn in nahezu jedem Unternehmen, in fast jeder Organisation gibt es (selbstverständlich) ein Machtgefälle: Chefinnen und Chefs, untergeordnete Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und – das ist wichtig – Praktikantinnen und Praktikanten sowie junge karriereorientierte Newcomer. Insbesondere Letztere wollen aus diesem Status heraus, wollen anerkannt sein, sich einen Namen machen, Chancen und feste Verträge bekommen. Das wissen die Entscheiderinnen und Entscheider – und können das ausnutzen.

Das man in der Filmbranche besonders leicht sein. Das Perfide daran: Jemand hat Macht – weil er einen großen Namen, einen wichtigen Status und/oder Geld hat – und kann damit über andere bestimmen: Entweder du machst das, was ich will. Oder deine Karriere ist am Ende. Sich zu fügen oder sich zu widersetzen, kann über das weitere Leben entscheiden. Die drei Schauspielerinnen haben nach der leidvollen Begegnung ihren Beruf aufgegeben.

Wer dieses System durchbrechen, wer es revolutionieren und gerechtermachen will, kommt nicht drum herum, auch Namen zu nennen. Es geht mitnichten um Denunziation, um Rache oder Bloßstellung. Aber Macht ist an Namen gebunden, an Personen und ihre Art, diese Macht zu ge- oder missbrauchen.

Eine Arbeitsgruppe von Filmschaffenden will jetzt die eigene Branche kritisch durchleuchten, Regeln aufstellen. Ein Anfang. Andere Metiers könnten folgen.

06:00 12.01.2018

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