Umleitungsgespräche und die Stasi privat

Sachlich richtig Literaturprofessor Erhard Schütz mit einer Auswahl an Bucherscheinungen zum Mauerfalljubiläum
Erhard Schütz | Ausgabe 45/2014 1
Umleitungsgespräche und die Stasi privat

Illustration: Otto für der Freitag

Da sind die Wohlflüsterer, die sagen, es sei doch gut so, dass zwar noch nicht alles, aber das Allermeiste gut so sei. Und da sind die Triumphalen; die östlichen, die dem Kapitalismus vorwerfen, er habe das, was sie sich von ihm an Unglück versprachen, nicht gehalten; und die westlichen, die jetzt tapfer die DDR bekämpfen, an der sie vor 1989 gar kein Interesse hatten. Aber was sagt eigentlich Christoph Hein dazu? „Wir haben in einem Land gelebt, das wir erst jetzt kennenlernen.“ Da sind nämlich noch ein paar andere Blicke. Rückblicke, nicht nur von Christoph oder Jakob Hein, der in einer DDR-Duschkabine auf Zeitreise geht, sondern auch von solchen, die 1989 gerade dabei waren, das Alphabet zu malträtieren: in Welche Mauer eigentlich? Texte zu 1989 und 1990.

Die Tagebuchblätter der damals elfjährigen Kirsten Fuchs sind ein schöner Trost darüber, dass unrechte Rechtschreibung auch in der DDR geübt wurde. Udo Tiffert ist Jahrgang 1963 und musste längst arbeiten. Knurrig schildert er, wie er vom Vergeblich-effizientarbeiten-Müssen ins Nicht-mehr-arbeiten-Dürfen geriet. Am schönsten, mit der von ihm gewohnten Listigkeit, die Tagebucheinträge durch die Jahre bis 2013 des am 9. November 1970 geborenen Jochen Schmidt sowie die Protokolle von Annett Gröschner über ihre offenbar regelmäßigen Traumwestreisen längst vor dem Mauerfall.

Stefan Berg träumte am 6. 9. 1983, was er praktisch jeden Tag als Bausoldat erlebte, die Schikanen der NVA, denn er ist ein christlich-unchristlicher Renitenzler, „feindlich-negativ“, der schon mal Lesungen von Rilke-Gedichten organisiert, die die Wachhabenden irritieren, weil sie einerseits irgendwie religiös, andererseits aus Büchern stammen, die ja in der DDR verlegt wurden. Landgang, der Briefwechsel von Stefan Berg mit Günter de Bruyn aus den Jahren 1981 bis 1984, ist ein Glücksfall, weil er zwei Angehörige ganz unterschiedlicher Generationen und zwei gänzlich unterschiedliche Temperamente zeigt, die sich auf je ihre Weise nichts abmarkten lassen und sich und ihren Vorstellungen von Menschenwürde treu bleiben. Nachdem die Hauptabteilung XX/4 in einer operativen Einschätzung zu Berg festgestellt hatte, dass dieser mit dem Schriftsteller de Bruyn im Briefwechsel gestanden haben soll, ermittelte die Abteilung HA I/8, Referat UA 3, gegen Berg und andere, dass er an Feiertagen bei kirchlichen Veranstaltungen Posaune spielte und beim Umleitungsgespräch (nämlich weg von seinem Wunsch, an der Humboldt-Universität zu studieren, den freilich schon das Lehrerkollektiv abgelehnt hatte), dass er nach seinem Militärdienst plane, zur Schauspielschule zu gehen. Heute schreibt Berg für den Spiegel.

Privatleben der hauptamtlichen Stasi-Mitarbeiter

Wie haben die Menschen in diesem Staat im Staate, der von sich glaubte, nicht nur Hüter, sondern der Staat selbst zu sein, eigentlich gelebt? Ein Leben hinter Mauern, realen wie in den Köpfen, stellt nun ein Buch über den Arbeitsalltag und das Privatleben hauptamtlicher Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit, so der Untertitel, in erstaunlich nüchterner Form dar. Dabei wird das Privatleben der abgeschotteten Abschotter recht plastisch geschildert, die Probleme im Ehealltag, mit Suff und etwa – schon aus Paranoia – der Kader-Inzucht bei der Partnerwahl für die Kinder.

Sehr überzeugend wird herausgearbeitet, wie sich die Abteilungen gegenseitig isolierten und praktisch jeder jeden beobachtete. (Auf der Kehrseite machte man sich ständig irgendwelche Geschenke, Wimpel, Münzen, Urkunden und dergleichen.) Insofern ist das Buch, das auf bisherigen Veröffentlichungen und eigenen Interviews beruht, ein wichtiger Schritt zur Aufklärung über die „Aufklärer“, aber doch nur ein erster. Denn zum einen sind unter den Interviewten kaum Führungskräfte – die noch heute wie Pech und Schwefel zusammenhalten, wahrscheinlich auch, weil jeder was über den anderen in der Hand hat. Zum anderen wird so gut wie nicht zwischen Inlands-, Auslandsaufklärung und (eher banalem) Personenschutz unterschieden. Und schließlich gibt es auch keine Überlegungen, inwieweit das Beobachtete strukturell für Überwachungsinstitutionen ist, also strukturell auch auf CIA, KGB und BND zutrifft. Trotzdem ist das eine einstweilen höchst notwendige Lektüre, um die Komplexität der damaligen Verhältnisse in den Blick zu bekommen.

Sich von der Gegenwart nicht einschüchtern lassen, schon gar nicht von ihren selbsterklärten Auguren, dagegen hilft – zumindest manchmal – die Erinnerung. Hier hilft sie gegen Ostnölereien und Westverdruss. Es ist die Erinnerung nicht nur an das Glücksgefühl von damals, sondern an jene Figuren, die in bewundernswert geduldiger Ungeduld, starrköpfig wie eigensinnig daran festhielten, dass es auch anders kommen könne. Namen, berühmte wie weniger bekannte, von Lebenden und Toten, hiesige und auswärtige. Marko Martin, der empfinden, denken und schreiben kann wie nur wenige, der ein begnadeter Porträtist ist, ebenso hell wie unnachsichtig, macht sie in Treffpunkt 89 wieder lebendig, brennt ins Gedächtnis ein, wer keinesfalls vergessen werden darf. Insbesondere sein letztes Kapitel gehörte in jedes Schulbuch, auch wenn sich da die nichtredigierten Sachsenfehlerlein häufen. (Unfreiwillig wunderschön zum Beispiel, dass die Dame Eva-Maria Hagen da zur „Muße“ der protosenilen Nervensäge Wolf Biermann wird.)

Welche Mauer eigentlich? Texte zu 1989 und 1990 Falko Hennig, Alessandra Schio (Hrsg.) be.bra 2014, 144 S., 9,95 €

Landgang. Ein Briefwechsel Stefan Berg, Günter de Bruyn S. Fischer 2014, 144 S., 17,99 €

Leben hinter Mauern. Arbeitsalltag und Privatleben hauptamtlicher Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR Jenny Krämer, Benedikt Vallendar Klartext 2014, 254 S., 18,95 €

Treffpunkt ‘89. Von der Gegenwart einer Epochenzäsur Marko Martin Wehrhahn 2014, 320 S., 22,80 €

06:00 19.11.2014

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