Un-TotenTanz

Im Kino Angela Schanelecs Film über eine junge Frau in "Marseille"

Wenn man die Handlung des Films erzählt, kommen drei Sätze dabei raus, das ist wahrscheinlich verwirrend, weil der Film fast zwei Stunden dauert. Zwei Stunden sind aber sehr kurz, um einen Menschen kennenzulernen." Zwei Sätze, die Angela Schanelec über ihren Film Plätze in Städten (1998) geäußert hat, und die sich problemlos jeden ihrer Filme äußern ließen; man müsste nur die Zeitangaben ändern, weil Mein langsames Leben (2001) und Marseille, der diese Woche in die Kinos kommt, lediglich eineinhalb Stunden dauern.

Es ist ein Irrtum, Filme auf ihre Handlung reduzieren zu wollen, auf ihren Inhalt, ihre Geschichte. Jean-Luc Godard hat einmal über Hitchcocks Filme gesagt, dass man sich an bestimmte Gegenstände erinnern könne, die gelbe Tasche von Marnie etwa, während man vergessen habe, worum es in den Filmen eigentlich gegangen sei. Handlung ist die Ausrede, die einem zuerst einfällt, wenn man vom Kino reden soll. Dabei verkommt noch jede Inhaltsangabe zur Kolportage, schaut man nur aus einiger Entfernung auf die Handlung: Sie liebt ihn, er liebt eine andere, ein dritter stirbt. Und so weiter. Es wirkt deshalb wie eine pflichtbewusste Ironie, wenn in dem nüchternen Presseheft zu Angela Schanelecs Film "Inhalt" und "Kurzinhalt" von Marseille abgedruckt sind.

Der Kurzinhalt geht so: "Eine junge Fotografin fährt nach Marseille. Je mehr sie sich der Stadt überläßt, desto unmöglicher erscheint ihr ihr bisheriges Leben. Sie versucht, die Konsequenzen zu ziehen." Vor allem vom Versuch erzählt Schanelecs Film. Handlung ist in Marseille nicht die eigentliche Tat, sondern der Weg dahin, das Reifen einer Entscheidung, das Überlegen, Wiederverwerfen, das Tändeln. Sophie (Maren Eggert), die junge Fotografin, von der wir nur wissen, was wir sehen, leiht sich einmal ein Auto von dem Mechaniker Pierre (Alexis Loret). Sie will für einen Ausflug aus der fremden Stadt herausfahren, aber das einzige, was es von dem besonderen Erlebnis zu sehen gibt, ist die Aufnahme einer vielspurigen Autobahn. Ein anderes Mal wird Sophie von einem Wachmann am Ende einer Rolltreppe das Fotografieren untersagt, das verbotene Motiv wird nicht gezeigt.

Angela Schanelecs Auffassung von Realismus, die im Rahmen einer Filmreihe zu einer von Hartmut Bitomsky und Harun Farocki geprägten Berliner Schule gerechnet wurde, behandelt das Kino gegenüber dem Leben kaum bevorzugt. Der Film weiß über Sophie nicht mehr, als man über eine Unbekannte weiß, die allein in ein Café kommt und einen Kaffee bestellt: das, was man sieht. Vertraut wird die Protagonistin dem Zuschauer nur, weil er im Kino auf ihre Beobachtung angesetzt ist. Das erfordert ein hohes Maß an Konzentration; Marseille kommt nicht nur ohne zusätzliche Musik, sondern auch mit wenig Text aus. Spannend wird das scheinbar Banale durch den Umstand, dass der Film unter dem Generalverdacht steht, jeden Moment könnte etwas Entscheidendes passieren. So folgt man Sophie auf ihren Wegen durch Marseille; ahnt, dass sie sich vor etwas zurückgezogen haben mag, hofft, dass sich mit Pierre mehr als ein flüchtige Bekanntschaft ergibt, und spürt die Leichtigkeit, die ihr die Anonymität der Fremde immer häufiger gewährt.

Zurück nach Berlin führt beinahe unmerklich ein harter Schnitt. Die Räume sind enger, dunkler, routinierter, weil in den Häusern bekannte Gesichter wohnen. Das streitende Paar Hanna (Marie-Lou Sellem) und Ivan (Devid Striesow) mit Sohn Anton etwa, er Fotograf, sie Schauspielerin, die gerade auf einen Karrieresprung hofft, weil sie in einer Inszenierung von Strindbergs Totentanz eine Nebenrolle hat. Wenn man will, ist Marseille - diese wunderbar lakonische Ansammlung von Reststücken, Zwischenteilen, Leerläufen - eine Strindberg-Variation: die Umstülpung des Innerlichkeits-Geschreis in einen distanzierten Blick von außen. Man muss den Figuren ihren Charakter quasi ansehen. Seinen dramatischen Kern enthüllt der Film im Vorbeigehen: ein Versprecher, ein Missverständnis zwischen Sophie und Hanna deutet an, dass in der angespannten Beziehung zwischen Hanna und Ivan, dem Pendant von Strindbergs Ehehölle, Sophie eher auf seiner Seite als der ihrer Freundin steht. Weil sie ihn liebt? Eineinhalb Stunden sind aber sehr kurz, um einen Menschen kennen zu lernen.


00:00 24.09.2004

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